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Reise in die Vergangenheit

Weil Gas und Öl immer teurer werden, sollen im Osten riesige Braunkohlegruben ausgebaggert werden.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Die Zukunft kommt für Heiner Krieg aus der Vergangenheit, und sie liegt bis zu 250 Meter tief in der Erde. Dort unten, wo vor Millionen von Jahren ein Moor entstand, glaubt der Manager ein »Zukunftsprojekt« ausgemacht zu haben. Eines mit gigantischen Ausmaßen.

Der Geschäftsführer der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) will im Herzen Sachsen-Anhalts ein neues Betätigungsfeld für seine Bagger erkunden: Nahe Staßfurt vermuten seine Experten unter einer Fläche von 7600 Hektar Land 1,2 Milliarden Tonnen Braunkohle. Es wäre eines der größten zusammenhängenden Felder Deutschlands, es würde der Mibrag satte Umsätze bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts sichern - aber es würde weitere Teile Sachsen-Anhalts in Mondlandschaften verwandeln.

Nach Jahren der Verunsicherung sind die Kohleunternehmen in Deutschland wieder auf dem Vormarsch - vor allem im Osten. Die Mibrag etwa sucht nicht nur bei Staßfurt, sondern auch im sachsen-anhaltischen Lützen nach dem »Braunen Gold«. Auch im mecklenburgischen Lübtheen wurden Vorkommen erkundet.

Der schwedische Vattenfall-Konzern will ebenfalls einige der blühenden Landschaften wegbaggern: Die Braunkohletagebaue Welzow und Nochten in der Lausitz sollen deutlich erweitert und die Gemeinden Schleife und Trebendorf teilweise abgetragen werden. Und das könnte erst der Beginn einer Reise zurück in die Vergangenheit der Energieversorgung sein: In Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt schlummern enorme Braunkohlelagerstätten, allein unter Sachsen-Anhalt werden 10,9 Milliarden Tonnen vermutet.

Seit die Preise für Öl und Gas explodieren und der Atomstrom es politisch schwer hat, sinkt die Hemmschwelle, die Vorräte zu heben und damit Kraftwerke zu betreiben. Die Braunkohlebranche, deren Produkt als Klimakiller gilt, sieht sich im Aufwind - zumal moderne Filter in den Kraftwerken die alten Stinker umweltverträglicher machen. Deutschland werde, freut sich der Bundesverband Braunkohle, das fossile Zeitalter also doch nicht »in einem großen Sprung verlassen können«.

Eine Prognose, die für viele Menschen im Osten wie eine Drohung klingt. Bürgerinitiativen wehren sich allerorten gegen die Pläne, denn die Ostler kennen die Folgen allzu gut. In der DDR wurden jährlich bis zu 312 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert - fast doppelt so viel wie heute im vereinten Deutschland. 131 000 Hektar Land haben die Abraumbagger verwüstet, eine Fläche von 182 000 Fußballfeldern, mindestens 244 Dörfer und Ortsteile verschwanden.

Doch versuchen die Kohle-Manager, den Ostbürgern zu erzählen, dass nun alles ganz anders werde. Die Kohle brin-ge Arbeitsplätze, Investitionen und fördere den Mittelstand. Und es dauere ja auch noch lange - bis 2035 werde gar nicht so viel passieren. »Wir machen das auch nicht für uns, sondern für unsere Kinder«, so Geschäftsführer Krieg, der gern von seinem wirklich idyllisch gelegenen Eigenheim am Rande eines Tagebaus erzählt.

Und gegen den Konzern werden die Bürgerinitiativen auf Dauer kaum Chancen haben. Die Mibrag gehört seit 1994 US-Investoren der Washington Group International und NRG Energy. Geld ist reichlich vorhanden, und massiven Widerstand ist man gewohnt: Seit 1994 versucht der Konzern, an die Kohle unter dem sächsischen Heuersdorf zu gelangen. Die Bürger wehrten sich, dann aber kam ein spezielles Heuersdorf-Gesetz. Bis 2008 soll das 709 Jahre alte Dorf nun verlassen sein. Die Toten vom Friedhof werden umgebettet und die Kirche woanders wieder aufgebaut.

An der Küste kämpfen die Mibrag-Leute noch. Im Südwesten Mecklenburgs hatten Spezialisten 1,2 Milliarden Tonnen Braunkohle ausgemacht. Das Bergamt stoppte Erkundungsbohrungen, die Mibrag zog vor Gericht. Ein Konzern, dessen Chefs in Jahrzehnten denken, hält wohl auch langwierigste Verfahren durch.

In der Egelner Südmulde in Sachsen-Anhalt jedoch muss es schneller gehen. 80 Erkundungsbohrungen sind dieses Jahr geplant. Denn derzeit prüft der Konzern mit dem Energieriesen EnBW den Bau eines Kraftwerks, das die Kohle der bestehenden Tagebaue bis 2040 verfeuert haben dürfte. Egeln könnte die langfristige Zukunft des Unternehmens mit seinen 2100 Mitarbeitern sichern.

Für manche Menschen in dem von Arbeitslosigkeit gebeutelten Land ist selbst das kein Argument mehr. Für sie ist Kohle Vergangenheit, keine 60 Kilometer von der Egelner Südmulde entfernt sieht es hingegen nach Zukunft aus: In dem Ort Thalheim ist so etwas wie das Solar-Valley des Ostens entstanden, hier werden Solarzellen am Fließband produziert. Bis 2010 sollen 5000 Menschen einen Job in der Solarbranche finden.

STEFFEN WINTER

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