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GLOBKE Reisen in die Vergangenheit

aus DER SPIEGEL 15/1965

Hans Maria Globke, seit 18 Monaten im Ruhestand, kommt nicht zur Ruhe. Die Hoffnung des ehemaligen Staatssekretärs im Bundeskanzleramt und Adenauer-Intimus, mit der Pensionierung am 1. Oktober 1963 endlich seine Vergangenheit bewältigt zu haben, ist nicht in Erfüllung gegangen.

Westdeutschlands Justiz und die Anrainer der Bundesrepublik stören ständig den Rentiersfrieden des Judengesetz-Kommentators. Jüngste Unruhestiftung: Globke soll das »Großkreuz zum Orden der Eichenkrone« zurückgeben, das ihm 1957 vom damaligen Regierungschef und Außenminister des Großherzogtums Luxemburg, Joseph Bech, bei einer Bonn -Visite verliehen worden war.

Die Luxemburger nehmen an dieser Ehrung Anstoß, seit sie in einem SPIEGEL-Bericht (6/1965) über die deutsche Besetzung ihres Landes lasen, was Globke als Ministerialrat im Reichsinnenministerium im offiziösen Rechts -Kommentar Pfundtner-Neubert über Luxemburg geschrieben hatte. Globke erklärte damals das Großherzogtum praktisch zum Niemandsland und formulierte: »Mit der Besetzung ... ist der selbständige luxemburgische Staat aufgelöst worden, die luxemburgische Staatsangehörigkeit ist untergegangen, die früheren luxemburgischen Staatsangehörigen sind staatenlos geworden.«

Pensionär Globke, 66, geriet In die Schlagzeilen der luxemburgischen Presse. Das liberale »Letzeburger Journal« stellte zunächst richtig, nicht der liberale Außenminister Eugen Schaus wie der SPIEGEL aufgrund amtlicher Informationen berichtet hatte -, sondern sein christsozialer Amtsvorgänger Joseph Bech habe die »Halsumhängung« vorgenommen, und empörte sich dann, »Unverständlich bleibt ... warum der damalige Außenminister Bech dieser Globke für eine luxemburgische Auszeichnung vorgeschlagen hat. Die Verantwortung für die Verleihung, für diese unglaubliche Borniertheit, trägt die Regierung.«

Eugen Schaus, Außenminister von 1959 bis 1964, nahm seinen verantwortlichen Amtsvorgänger Joseph Bech in Schutz: »Vielleicht wäre es mir mit dem Orden nicht anders ergangen ... mir war natürlich bekannt, daß Globke die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte. Aber inzwischen hatte man es immerhin mit einem der höchsten Bonner Beamten zu tun.«

Ordensverleiher Bech heute: »Eines ist sicher: Hätte ich damals schon gewußt, daß Luxemburg in Globkes Augen ein Niemandsland ist, hätte er die Auszeichnung bestimmt nicht erhalten.«

Die luxemburgische Attacke gegen Globke war nicht der erste ausländische Angriff gegen den Ex-Staatssekretär. Schon zuvor hatten eidgenössische Journale und Politiker den Bonner Altenteiler unter Beschuß genommen, nachdem ruchbar geworden war, Globke wolle seine Pension in einer Villa am Genfer See verzehren.

Just im Jahre 1957, als Adenauers Kanzleichef mit dem luxemburgischen Eichenlaub dekoriert worden war, hatte Globkes Frau Augusta im schweizerischen Chardonne (Kanton Waadt) ein Grundstück erworben und darauf später ein Ferienhaus bauen lassen. Kaum war das Globke-Domizil bezugsfertig geworden, als Schweizer Blätter wetterten, auf einen Wahlschweizer Globke lege niemand Wert.

Der »Landschäftler« beispielsweise schrieb: »Es ist geboten, jetzt schon kundzutun, daß das Schweizer Volk wohl in seiner überwiegenden Mehrheit Herrn Globke als unerwünschten Ausländer betrachtet.« So war es. Im Herbst 1963, als der Einmarsch des pensionierten Globke in die Schweiz unmittelbar bevorzustehen schien, erklärte der Große Rat (das Regionalparlament) des Kantons Waadt, dem Rassengesetzkommentator werde keine Aufenthaltsgenehmigung erteilt.

Hans Globke, zeit seines Lebens darauf bedacht, Aufsehen zu vermeiden, blieb in Bonn. Und als im Vorjahr die Schweizer Bundesregierung sich mit ihm beschäftigen mußte, weil ein Parlamentarier Auskunft über Maßnahmen gegen zufluchtsuchende »ehemalige Naziverbrecher« begehrte, gab er eine Verzichterklärung ab.

Globke verpflichtete sich, »jede räumliche und künftige Verbindung mit der Schweiz abzubrechen«. Der damalige Schweizer Bundespräsident Ludwig von Moos vor dem Parlament in Bern: »Er hat damit selber auf weitere Aufenthalte in der Schweiz verzichtet. Angesichts dieser Erklärung, bei der Dr. Globke behaftet werden kann, wurde vom Erlaß einer Einreisesperre Umgang genommen.«

Aber sogar im schnell vergessenden Deutschland war es dem Pensionär bislang nicht vergönnt, in Vergessenheit zu geraten. Die Justiz ließ es nicht zu; binnen zwei Jahren wurde Hans Globke bei sechs Schwurgerichtsprozessen gegen NS-Verbrecher in den Zeugenstand gerufen:

- Am 12. Juli 1963 im Wuppertaler Prozeß gegen vier Angehörige des Einsatzkommandos C 6, das 1941/42 die Ukraine »judenfrei« machen sollte;

- am 27. September desselben Jahres in Hannover in einer Verhandlung gegen die ehemaligen SS-Offiziere Fuchs und Bradfisch, die der Beihilfe zum Mord an 85 000 Juden aus dem Getto Lodz angeklagt waren;

- am 12. März 1964 in einem Kieler Schwurgerichtsprozeß gegen den ehemaligen SS-Obersturmführer Hans Graalfs, dem Mord an 1550 Juden vorgeworfen wurde;

- am 2. April 1964 in Braunschweig in einer Verhandlung gegen fünf SS Führer (darunter der später aus dem Untersuchungsgefängnis entflohene Hans-Walter Zech-Nenntwich), die sich an 5200 Judenmorden beteiligt hatten;

- am 21. Januar dieses Jahres im Düsseldorfer Treblinka-Prozeß (gegen zehn SS-Wachmänner wegen Beihilfe zum Mord an 700 000 Juden);

- am 19. März im Kölner Sachsenhausen-Prozeß gegen zehn SS-Männer aus dem KZ-Kommandanturstab, denen Mittäterschaft oder Beihilfe bei der Ermordung von mehr als 10 000 russischen Kriegsgefangenen vorgehalten wird.

Hans Globke, der als Zeuge der Verteidigung den Schutzstaffel-Schützen Befehlsnotstand bescheinigen sollte, bewältigte die Aufgabe mit dem gleichen Einfühlungsvermögen, das ihn einst als Beamten veranlaßt hatte, beim Schwur auf Hitler in »eine Nische« zu treten. 1962 hatte er erklärt: »Ich unterschrieb zwar das betreffende Protokoll über die Eidesleistung, entzog mich dieser jedoch dadurch, daß ich in eine Nische des Sitzungssaals, in dem die Vereidigung stattfand, trat, als die anderen zu vereidigenden Personen den Eid leisteten.« Globke konzedierte der »Mehrzahl« der Treblinka-Mörder, sie hätten Ihre Opfer möglicherweise mit innerem Widerstreben erschossen, erschlagen, vergast. Denn damals habe es stets geheißen: Wer sich weigert, an Massenexekutionen teilzunehmen, wird selbst erschossen, ins KZ oder zumindest in eine Strafeinheit versetzt. Erst nach dem Kriege habe er erfahren, daß Befehlsverweigerer häufig nur an die Front versetzt worden seien.

Der Kommentator der Nürnberger Blutschutzgesetze, der alles nur mitgemacht haben will, um Schlimmeres zu verhüten und die katholische Kirche über NS-Pläne zu informieren, wurde, zudem nicht müde, den Gerichten seine Gegnerschaft zum NS-System zu versichern und zu beteuern, daß er von vielem, wogegen er war, gar nichts gewußt habe. Zwar, so differenzierte Zeuge Globke vor Gericht die reine Wahrheit, habe er als Privatmann bei allwöchentlichen Zusammenkünften mit Berliner Ministerialbeamten von Juden-Massakern im Osten gehört, dienstlich jedoch sei ihm davon nie etwas zu Ohren gekommen. Ein weiterer feiner Unterschied des Ex-Staatssekretärs: »Außerdem dachte ich stets, daß die Juden erschossen würden; daß sie in Lagern systematisch umgebracht wurden, erfuhr ich erst nach Kriegsende in Nürnberg.«

Globke auf die Frage eines Verteidigers im Treblinka-Prozeß, was er denn wohl unternommen hätte, wenn ihm Nachrichten über Vernichtungslager dienstlich zugekommen wären: »Dann hätte ich gesagt, der und der ist zuständig, gehen Sie bitte zu ihm.« Die Zuhörer lachten.

Zwischen seinen Zeugen-Reisen in die Vergangenheit sucht Pensionär Globke in seiner Altbauvilla in der Bonner Diezstraße 10 - gegenüber der katholischen Pfarrkirche St, Elisabeth - die Ruhe zu finden, die ihm von Amts wegen zusteht. Die Anwohner der Diezstraße bekommen ihren Nachbarn höchst selten zu Gesicht - nur dann einmal, wenn er, angetan mit hohen Schnürstiefelchen, zu einem Spaziergang mit Frau Augusta aufbricht.

Fragen von Journalisten geht er aus dem Wege, und auch für die Forderung auf Rückgabe des luxemburgischen Großkreuzes (Ex-Regierungschef Bech: »Logischerweise müßte Herr Globke die Auszeichnung nun eigentlich von sich aus wieder zurückgeben") hat der versierte Kommentator keinen Kommentar.

Globke zum SPIEGEL: »Ich möchte, daß es jetzt endlich um meine Person ruhig wird.«

Zeuge Globke (M.): Die Zuhörer lachten

Globke-Villa am Genfer See: Vor dem Einzug eine Verzichterklärung

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