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IRAN Reißender Wolf

Als Rammbock gegen den Schah war ihnen Chomeini gerade recht, jetzt geht Persiens politische und geistige Elite auf Distanz.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Der oberste Mullah von Kaswin, einer Provinzstadt 150 Kilometer nordwestlich von Teheran, strich mit behutsamer Gebärde über den feinen braunen Wollstoff seines langen Gewandes. »Was Ajatollah Chomeini sagt«, bekannte er gläubig, »das reicht wohl für einen normalen Menschen aus.«

Etwa 30 solcher Normalbürger, einfache Menschen in zerschlissener Kleidung, Notable der Stadt im dicken schwarzen Anzug, hocken, das Teeglas vor sich, auf dem Teppich seines Empfangsraumes. Ergeben murmeln sie: »Bale, Bale« -- ja, ja.

Der Mullah, den die Leute respektvoll »Ajatollah« nennen, obgleich er außerhalb der Stadt nicht als solcher gilt, hat eben recht. »Er muß recht haben«, flüsterte einer der Anwesenden einem westlichen Journalisten zu, »denn er hat den meisten Reis im Keller.«

Vom Mullah ist in Notzeiten vielleicht was zu holen. Die Gläubigen erwarten von ihm mehr als fromme Sprüche -- wieviel aber erst vom Ajatollah Chomeini. Ihre Hoffnungen auf Chomeini richten sich denn nicht nur auf geistlichen Trost, den die Anwesenheit »unseres geliebten Propheten« spendet, sondern auf die Erfüllung ganz materieller Wünsche.

Der Mathematiklehrer der Grundschule, wie seine Kollegen seit Monaten im Streik, ist »bereit, mein Leben für Chomeini zu geben« -- aber auch nicht umsonst. Er will, daß der Ajatollah »die Schulbücher endlich vom kolonialen Staub reinigt« und zeitnahe wissenschaftliche Unterrichtsmethoden einführen läßt.

Ähnlich denken auch die anderen Anwesenden. Ein Arzt erwartet, daß der Ajatollah etwas für sein Hospital tut, in dem es an den notwendigsten Medikamenten mangelt; ein Händler erhofft sich eine Geldspritze, »denn ich habe nichts mehr, um neue Ware einzukaufen«. Keiner steht zurück, jeder weiß recht genau, was Chomeini für ihn tun soll. Meinungsfreiheit wird es geben, glauben sie, und eine gerechte Aufteilung der Ölgelder an alle. Not und Sorge werden beendet sein.

Und wenn der Ajatollah diese Wünsche nicht erfüllt? Druckendes Schweigen im Raum. Schließlich ein einfacher Mullah: »Es wird besser werden, wenn Chomeini erst hier ist -- Inschallah, so Gott will.«

Da mag ein Teheraner Universitätsprofessor, zu Besuch beim Mullah, nun doch nicht länger auf dem Teppich bleiben. »Mein Gott, sind diese Leute naiv«, flüstert er und verabschiedet sich eilig; Chomeini als Weihnachtsmann der Nation -- das geht ihm zu weit.

Die intellektuelle Gefolgschaft des Schiitenführers geht auf Distanz. Das Schlagwort in Teheraner Salons, Parteibüros und Anwaltskanzleien heißt: »To bring around Chomeini -- Chomeini umstimmen.«

Die Angst vor einer »islamischen Monarchie mit einem Schah namens Chomeini« ist besonders in den Büros der Oppositionsbewegung Nationale Front zu spüren. »Chomeinis Rolle darf nur sein, als Motor der Bewegung gegen den Schah und seine Institutionen zu dienen«, erklärte ein Mitglied der Nationalen Front, »wenn der Ajatollah mehr will, dann hat er uns gegen sich.«

Das ist im Augenblick wohl noch keine Drohung. Doch die Nationale Front konnte sich nicht mit dem eigensinnigen Greis einigen. Aus ihrem Ärger über Chomeini machen die führenden Männer der Oppositionsbewegung jedoch keinen Hehl.

Im eleganten Villenwohnsitz des Nationalen-Front-Führers Sandschabi nahe der Niawaran-Straße im Norden Teherans herrscht ein anderes geistiges Klima als beim Mullah in Kaswin. Die Herren parlieren französisch, und die Philosophen der Aufklärung stehen ihnen näher als der Schiiten-Heilige Imam Ah oder die Ajatollahs.

»Chomeini wird immer Chomeini sein«, meint vieldeutig einer. Aber wie bekommt man den Ajatollah in den Griff? Das ist die Frage, über die im reichen Norden Teherans bei schottischem Whisky und parfümiertem persischem Tee in schweren Klubsesseln viel diskutiert wird. Wie lange lohnt es sich noch, Mitläufer des Ajatollah zu sein, wann soll man abspringen?

»Welch ein Glück«, sagt ein Architekt, »ich habe nie an Demonstrationen teilgenommen. Und wenn alles noch schlimmer wird, dann gehe ich zu meinem Bruder in die USA.«

Möglich, daß eine Einschüchterung der Intellektuellen der Nationalen Front ernstlich schaden könnte. Organisationen, in denen der Bekennermut sozusagen Mitgliedsausweis ist, hätten dann die Möglichkeit, sich schärfer zu profilieren. Etwa die Männer von der Links-Partei Demokratische Union.

Ihr Hauptquartier ist nicht im feinen Norden, sondern im Arbeitervorort Arjaschahr, in der 17. Straße, dort, wo ihr Führer Bahasin wohnt. Bahasin, Shakespeare-Übersetzer und einer der bekanntesten Schriftsteller im Lande, weiß was es heißt, für seine Grundsätze einzustehen. Erst kürzlich ist er -- unbeugsamer Schah-Kritiker -- aus monatelanger Haft entlassen worden.

Im Gegensatz zu dem ebenfalls vom Schah inhaftierten Nationalen-Front-Führer Sandschabi, der immerhin in einer Villa festgehalten wurde, mußte Bahasin die Zeit in einer engen, dunklen Zelle zubringen, die kaum Platz bot, sieh umzudrehen.

»Drei Wochen vor der Entlassung«, so berichtete Bahasin dem SPIEGEL,

»hat man als besondere Hafterleichterung meine Zellentür tagsüber eine Handbreit geöffnet.«

Mit der Religion hat Bahasin nicht viel im Sinn. Aber auch er zählt sich zu der Gefolgschaft von Ajatollah Chomeini. »Was wir jetzt brauchen«, sagt er, »ist eine breite nationale Einigkeit aller Demokraten.«

Schließlich gelte es, meint er, »dem Imperialismus im Iran die Hände abzuhacken«. Wenn dieses Ziel mit Chomeini als Rammbock erreicht werden könne -- nun gut. Für später hat auch er andere Pläne. Seiner Partei, der hauptsächlich Schriftsteller und Studenten angehören, hat Bahasin ein Programm entworfen, das »in etwa der Vor-Godesberger-SPD entspricht«.

Noch will er stillhalten und Chomeini folgen -- wie auch die Kommunisten von der Tudeh-Partei. Deren neuer Vorsitzender Nurreddin Kianuri erklärte jüngst, auch die Schiiten hätten demokratische Wurzeln. »Die Tudeh-Partei erkennt die objektiv progressiven Elemente der Bewegung von Ajatollah Chomeini an.«

Wie lange da die Parteidisziplin noch hält, wird täglich fraglicher. »Ich kann dieses Geschwätz von Revolution, die nur durch die Einheit der Demokraten bewirkt werden kann, nicht mehr mit anhören«, sagt ein Student, der sich als Tudeh-Anhänger bekennt, und schaut spöttisch auf eine Ajatollah-Demonstration.

»Soll es denn eine Revolution sein, wenn man auf der Straße umherzieht und Slogans schreit? -- Nein, Kampf, bewaffneter Kampf ist das Richtige.« Doch zu einem bewaffneten Volksaufstand wird es wohl nicht kommen:

Auch die Front der wichtigsten Anhänger Chomeinis beginnt zu wanken. Unter die rund 200 000 Verfassungsfreunde und Schah-Sympathisanten, die vergangene Woche zum Teheraner Regierungsviertel zogen, hatte sich auch eine starke Delegation von Basaris gemischt. Der Basar, der den Aufstand gegen den Schah mit finanziellen Zuwendungen geschürt hat, steht nicht mehr so kompromißlos hinter Chomeini wie noch vor wenigen Wochen.

»Es muß endlich Schluß sein«, sagt Obsthändler Amir Barghwats, einer der Sprecher der Basar-Dissidenten. »Der Schah ist weg. Und Premier Bachtiar macht ernst mit der Demokratie. Dafür haben wir gekämpft. Für mehr nicht.«

Ein liberaler Medizinprofessor in seiner karg eingerichteten Praxis resigniert beim Kerzenlicht-Gespräch während des Stromausfalls: »Ach, wissen Sie, die Perser taugen doch nicht zu Revolutionären. Selbst wenn wir Waffen hätten -- wer würde denn schießen? Höchstens ein paar Jugendliche. Wir haben keine nennenswerte Arbeiterklasse, die revolutionär denkt, und das Volk ist zu ungebildet.«

Für den Iran gibt es nach seiner Ansicht nur eine Rettung: »Wir müssen aus dem reißenden Wolf Chomeini einen Hofhund machen, der nur auf Befehl bellt. Aber wie, aber wie?«

Und vergangenen Donnerstag klagte das sonst nicht schlecht informierte »Tehran Journal": »Wenn es unter unseren Lesern jemanden gibt, der weiß, was in diesem verdammten Land vorgeht, dann soll er uns anrufen und es sagen. Wir wissen es nicht.«

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