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ZIONISMUS Reißer mit Tiefgang

aus DER SPIEGEL 41/1959

Die meisten Geschehnisse in seinem - nun auch deutsch vorliegenden, zweiten - Buch »Exodus"* seien »geschichtlich«, versichert Leon Uris, aber »alle Charaktere . . rein fiktiv«. Ausnahmen bildeten natürlich »namentlich aufgeführte Persönlichkeiten wie Churchill, Truman. ..«

Auf der Bestseller-Liste der New Yorker Wochenschrift »Time« rückte der Roman seit Dezember vorigen Jahres rasch vom 10. Platz über den 3. (im Januar) und 2. (im März) auf den 1. Platz (Mitte Mai), den er bis Ende August konstant behauptete; seitdem hielt »Exodus« wechselnd mit David Herbert Lawrences »Lady Chatterley's Lover« die Verkaufsspitze.

Der 1924 in Baltimore geborene Leon Uris erreichte mit seinem in vierzehn Sprachen übersetzten Erstling »Battle Cry« ("Urlaub bis zum Wecken") eine Millionenauflage; das Buch wurde verfilmt und mit Preisen bedacht. Der (griechisch-lateinische) Titel des, Romans »Exodus« entspricht dem zweiten Buch Mosis - der Schilderung des »Auszuges« aus Ägypten und der Wüstenwanderung zum Gelobten Land.

Mit dem so biblisch belasteten Wort meint Uris jenen Vorgang im 20. Jahrhundert, der aus ähnlichen Veranlassungen zu einem ähnlichen - erstaunlichen und umstrittenen - Ergebnis führte. Das Wort ist aber, als Name, auch an ein Schiff fixiert, einen vergammelten, gerade noch seetüchtigen Blockadebrecher, der jüdische Kinder aus einem britischen Anhaltelager auf Zypern nach Israel schmuggeln soll.

Ein »Fall Exodus« machte im Jahre 1947 tatsächlich Sensation: Das von Juden gecharterte Schiff »Exodus« wurde von den Engländern vor der Küste Palästinas aufgebracht. Über 4000 jüdische Flüchtlinge wurden auf englische Schiffe verfrachtet und gelangten nach abenteuerlicher Fahrt - kein Land wollte sie aufnehmen - nach Hamburg. Mit Gewalt trieben englische Soldaten die Flüchtlinge von Bord und brachten sie in ehemalige Konzentrationslager.

In den ersten Nachkriegsjahren war die britische Mandatsregierung über den gewaltigen Andrang jüdischer Menschen nach Palästina - eine Folge der Hitlerzeit - bestürzt. Das britische Außenministerium sah heftige Reaktionen der arabischen Welt voraus. Doch drakonische Einwanderungssperren, für die vor allem der in Gewerkschaftsdingen mehr als in der Außenpolitik versierte Außenminister der damaligen Labour-Regierung Ernest Bevin verantwortlich gemacht wurde, erwiesen sich als unwirksam. Bevins Maßnahmen haben die auf Einwanderung drängenden und die schon in Palästina eingesessenen Juden erbittert und empört, ohne daß sich die Beziehungen Englands zu den Arabern dadurch gebessert hätten. Kriegshandlungen zwischen Juden und der englischen Besatzungsmacht in Palästina, die schon über einen Kleinkrieg hinausgingen, kennzeichneten die Lage.

Mitten hinein in dieses fatale Nachkriegsgeschehen läßt Uris einen amerikanischen Journalisten platzen, der, wie einstmals Vergil den Dichter Dante in der »Göttlichen Komödie«, den Leser eher durch Höllen als durch Himmel führt.

»Welcome to Cyprus, ging ihm dabei durch den Kopf, willkommen hier in Zypern - das war doch (Shakespeares) Othello. Aber er konnte nicht darauf kommen, wie die Stelle weiterging«, heißt es im Einführungsabsatz. »Irgendwas zu verzollen? fragte der Beamte. Zwei Pfund Heroin und ein Buch mit pornographischen Zeichnungen, antwortete Mark, während er nach Kitty Ausschau hielt.«

Derlei Köder im Unterhaltungsstil sollen den Leser in ein Panorama des Elends, der Verzweiflung, der Erniedrigung und des ohnmächtigen Zorns verlocken, zu dessen näherer Betrachtung er ohne solche List kaum bereit wäre. Die auf Zypern festgehaltenen Juden, allermeist aus europäischen Konzentrationslagern übriggeblieben, haben Unvorstellbares erduldet und werden von den Engländern - die, wie es den Juden erscheint, mit der einen Hand nehmen, was sie mit der anderen, in der Balfour-Deklaration*, gegeben haben - an der Weiterfahrt in das Land ihrer Sehnsucht gehindert.

Bevin ist, Uris zufolge, kaum weniger verhaßt als Hitler. Immer wieder wird versucht auszubrechen, und immer mehr klapprige Schiffe mit illegalen Einwanderern werden von der britischen Flotte aufgebracht und nach Zypern dirigiert.

Da tritt der so listige wie verwegene Held des Romans in Aktion, Ari Ben Canaan; er schafft es mit seinen Funktionären, ein paar hundert Kinder und Jugendliche nachts auf ein gechartertes Schiff zu bringen - rechnet aber nicht mit der Ausfahrt. Die Verschworenen möchten vielmehr durch Alarmnachrichten über, das von den Engländern festgehaltene Kinderschiff und seine selbstmordnahen Jungpassagiere das Weltgewissen wachrütteln.

Der Plan gelingt. Bei aller Härte kann sich die britische Regierung nicht zu Methoden entschließen, wie sie unter Hitler oder Stalin bedenkenlos angewendet wurden. Das Schiff mit seiner Kinderfracht darf passieren, der Auszug wird zum Einzug, wie vor über dreitausend Jahren.

Von seinem engen Handlungsraum stößt Uris in weltweite Spekulationen vor: er bündelt menschliche, Schicksale und löst sie wieder aus dem Verband. Neben dem Romanhelden Ari und der nur äußerlich kühlen amerikanischen - nichtjüdischen -Krankenschwester Kitty (seiner Partnerin) agieren der halbjüdische, vornehme britische Zypern-Kommandant und seine smarten Gegenspieler in London. Ein aus »gutdeutsch denkender« jüdischer Professorenfamilie in Köln über Dänemark nach Zypern verwehtes Mädchen namens Karen spielt seine gewichtige Rolle wie auch ein KZ-Junge, im Schriftfälschen begabt, sonst undisziplinierbar neurasthenisch, der nur noch mit Explosivstoffen um sich werfen möchte. Uris scheut nicht das Problem der entwurzelten, von frühauf mißhandelten jungen Leute, die jeder sozialen Eingliederung widerstehen.

Vielerlei Menschen mit ihren Leidenschaften und Liebschaften, mit Haß und Sehnsucht werden im ersten Teil des Buches von Zypern nach Israel versetzt und geraten dort in die Sphäre israelischer Partisanenhelden und der entsprechenden reisigen Mädchen; sie erleben die Kibutzbauern, die Terroristengruppen, die alten, weisen, sehr realistisch denkenden Politiker im werdenden Staat. Dazu kommen

- »nicht von dieser Welt« - die ganz

und gar inaktiven chassidischen Gebetsfanatiker und die primitiven, aus dem Yemen eingeflogenen Juden, die eine Kulturentwicklung von zwei Jahrtausenden sprunghaft nachholen sollen.

Ganz gewiß steht der Autor auf seiten der Einwanderer aus 75 verschiedenen Nationen. Aber er sucht auch den Engländern gerecht zu, werden und stellt sogar aus der arabischen Welt sympathische Figuren auf die Massenbühne seines Romans: Manchmal gerät die Schilderung der Begebnisse ins Heldenliedhafte,aber diese Übersteigerungen werden in archivalisch nüchternen Passagen stets abgefangen.

Die Reißerqualitäten des Buches garantieren seine Popularität; in den rein instruktiven mit den romanhaften verflochtenen Abschnitten weiß Leon Uris einen umfänglichen Tatsachenstoff zu gliedern und faßlich zu machen.

Der Autor vermerkt im Vorwort, daß er bei der Materialsammlung für sein zweites Werk annähernd 50 000 Meilen zurückgelegt habe. »Die Anzahl der Tonbänder und der Interviews, die Massen, von Büchern und die Menge der Filmaufnahmen und des ausgegebenen Geldes ergeben ungefähr gleich hohe, eindrucksvolle Zahlen.«

Goethe (1749 bis 1832) plauderte aus, er habe sein ganzes - bedeutendes - Vermögen, all seine Autoren-Honorare und auch sein stattliches Ministergehalt zugunsten seines Schaffens ausgegeben; bei einem freilich recht noblen Lebensstandard. Die gegenwärtigen Autoren suchen ihre Mühen und Spesen schnellstens zu amortisieren; wenn sie Erfolg haben, wie der heute 35jährige Uris, sind sie bald reich.

Uris lebt mit Frau und (drei) Kindern im komfortablen USA-Paradies Kalifornien. Hätte er sich der exakten, harten. Geschichtsschreibung ergeben, dann müßte er vermutlich für ein paar hundert Dollar im Monat als College-Professor arbeiten. Sein Entschluß, den korrekten Ertrag mühevoller und kostspieliger Erhebungen in einen virtuos komponierten Reißer eingebaut an die Massen zu bringen, ist verständlich.

Die »Time« allerdings findet, daß der Romancier Uris mit seinem »fahnenschwingenden Enthusiasmus für den Zionismus« die Leistungen der Israelis oft eher herabmindere als erhöhe.

* Leon Uris: Exodus«; Kindler Verlag, München; 828 Seiten; 22 Mark.

* Die Deklaration, genannt nach Arthur Balfour (britischer Außenminister 1916 bis 1919), versprach 1917 die Einrichtung »einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina«.

Autor Uris in Israel

Mühen und Spesen wurden amortisiert

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