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FRANKREICH / PFERDE Reiten statt Kino

aus DER SPIEGEL 10/1964

Frankreichs willensstarker Landwirtschaftsminister Edgard Pisani will Tausende gallischer Arbeiter, Angestellter und Sekretärinnen in den Sattel setzen. Er ist sicher: Reiten werden sie schon können.

Pferdevermittler Pisani, der selbst nur schwimmt und Basketball spielt, erwärmt sich für die Reiterei, um die Interessen der französischen Armee mit dem Budget seines eigenen Hauses und dem derzeit herrschenden Geschmack des Publikums sinnvoll zu koordinieren.

Dieses Publikum klettert seit kurzer Zeit wie nirgends sonst in Europa auf Pferderücken. Die Reitschulen können des plötzlich virulent gewordenen Kavalleriegeistes nicht Herr werden, obschon die Zahl der Reitklubs seit 1945 von 50 auf 600 gestiegen ist. Die Preise für eine Reitstunde kletterten um etwa das Achtfache.

Da bot die Armee unerwartet Abhilfe: In ihren Ställen stehen noch 1400 Vierbeiner, die hauptsächlich zu Sport - und Repräsentationszwecken unterhalten wurden - die letzten großen Reiter-Einheiten, die gefürchteten nordafrikanischen Spahis, stellte man schon vor anderthalb Jahren außer Dienst.

Weil aber Frankreichs Armee bis 1970 von derzeit 700 000 Mann auf knapp 400 000 Mann verringert werden soll und die Atomrüstung riesige Summen verschlingt, befahl Armeeminister Pierre Messmer, 900 der noch verbliebenen Militärpferde abzurüsten. Sie wurden auf das für die Pferdezucht zuständige Landwirtschaftsministerium umgeschrieben.

Agronom Pisani sah sein Budget unversehens um eine erhebliche Kostenstelle belastet, die andererseits einen solchen Anlagewert darstellt, daß sie nicht durch Beschickung der Pferdemetzgereien zu eliminieren war.

Zudem brachte die Pensionierung der 900 Vierbeiner Pisanis Etat noch an anderer Stelle in Gefahr: Die 21 staatlichen Gestüte, die von einer Abteilung des Ministeriums verwaltet werden, verloren einen Teil ihres bislang sicheren Absatzes.

Pisani faßte daher den Plan, die meist unbenutzten Reithallen alter Kasernen und Militärschulen dem Publikum zu öffnen und mit den Messmer-Pferden zu bestücken. 30 bis 50 neue - staatliche - Schulen sollen den überhitzten Reitermarkt Frankreichs entlasten.

Um der neuartigen Betätigung des Staates auch noch einen gemeinnützigen Sinn zu geben und der Reiterei den Geruch des Feudalismus zu nehmen, werden die individualistischen Franzosen nur in geschlossenen Gemeinschaften - im Rahmen von Schulen, Banken, Industriebetrieben, Gewerkschaften - auf den staatlichen Hufen traben. Einzelpersonen sind ausgeschlossen.

Die Pferdeabteilung des Pariser Agrarministeriums hat bereits einen Kampfpreis ins Auge gefaßt, der den Schwarzbart Pisani populär machen dürfte: Die Reitstunde im Pisani-Sattel soll nicht mehr kosten als eine Kinokarte.

Französische Spahi-Kavallerie: Armee-Pferde für das Volk

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