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USA Reiter der Ströme

Ein US-Missionar vertreibt seit Jahren seine Botschaft per Flaschenpost - jetzt verhindern Umweltschützer den Gottes-Dienst. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Am Steg des Flußhafens von Petaluma (Kalifornien) liegt seit Wochen der 18 Meter lange Lachs-Trawler »Lorraine W.« tief im Wasser und klar zum Ablegen. Doch der Eigner des Schiffes, der christliche Seemann Ike Williams, mag mit dem bis unters Deck vollbeladenen Trawler nicht auslaufen.

Passiert er mit Schiff und Ladung die wenige Meilen entfernte Golden Gate Bridge, läuft er Gefahr, von den Schnellbooten der Küstenwache gestoppt zu werden. Die haben, weiß Williams, »Maschinengewehre an Bord«.

Diese Warnung hat ihm der Eigner der Fracht übermittelt: Pastor Craig Rice, 40, Gründer der »Current Evangelism Ministries« und bei Freunden und Eingeweihten als »Reverend Rice, der Flaschen-Prediger« bekannt

Der Sektenmann müht sich seit 19 Jahren ab, Gottes Wort per Post zu verbreiten. Dafür beansprucht er allerdings nicht den »U.S. Postal Service«, sondern den Dienst von Meeresströmungen, von denen feststeht, daß sie noch langsamer arbeiten als das amerikanische Staatsunternehmen.

Insgesamt 58000 sorgfältig verkorkte Flaschen, gefüllt mit einer Viertelmillion religiöser Traktate, Predigten und Auszügen des Neuen Testaments, hat Rice in den letzten zwei Jahrzehnten dem Pazifik übergeben. Die »Reiter der Meeresströme« ("Current Riders"), hofft Rice, treiben übers Meer an die Küsten von Ländern, in denen »drei Milliarden Menschen leben, die noch nichts von Jesus Christus gehört« hätten, an chinesische Gestade etwa.

Rasch geht der Postweg mit den Pazifikfluten nicht. Den Rekord hält derzeit eine Rice-Flasche, die zur 4025 Seemeilen entfernten Pazifik-Insel Majuro (Marshall-Inseln) in 18 Monaten gelangte. Ansonsten beträgt die durchschnittliche Dümpeldauer, nach Neuguinea etwa, nach Malaysia oder Korea, wenigstens zwei Jahre. Die Zeitangabe ergibt sich aus den mit normaler Post übermittelten Antwortschreiben. 200 Flaschenfinder bestätigten Rice bisher Fundort und -datum. Rice schickte ihnen als Finderlohn eine komplette Bibel zu. Die mit knapp 0,4 Prozent eher dürftige Erfolgsquote seiner bisherigen Meerespostwurfsendungen will Rice nun mit einem Großeinsatz anheben.

Während der vergangenen Jahre hatten der Pastor, seine Frau und einige Missionsfreunde an »Straßenrändern und auf Müllplätzen« eifrig Flaschen gesammelt.

Sie wurden mehrfach gespült, vor allem das Etikett abgelöst, sodann das Johannes-Evangelium und weitere religiöse Schriften »auch in Russisch, einem einfachen Chinesisch, Koreanisch und Vietnamesisch« hineingetan und schließlich verkorkt.

Mitte November letzten Jahres machte die »Lorraine W.« am Pier von Sausalito fest. Flaschenpostler Rice und seine Freunde trugen 34400 Flaschen an Bord.

Grüne Gruppen beobachteten die Beladeaktion und alarmierten den Umweltschutz, der wiederum die »Coast Guard« verständigte. Die Küstenwächter verlangten von Amts wegen die »Unbedenklichkeitsbescheinigung zur Müllversenkung auf See« sowie Angaben über den genauen Leichterungsort.

Flaschenprediger Rice konnte freilich nur vage Koordinaten »außerhalb der 200-Meilen-Grenze in internationalen Gewässern« angeben. Das reichte nicht. Ebensowenig der Hinweis auf ein Gutachten kalifornischer Strömungsforscher. Nach deren Erkenntnis wird jeder schwimmfähige Gegenstand 50 Seemeilen vor der kalifornischen Küste von Strömungen in Richtung Hawaii und darüber hinaus getrieben.

Biologe Gordon Chan vom nahen »College of Marin« hingegen sah eine von den »Flaschenevangelisten« ausgelöste »Umwelttragödie« heraufziehen. Chan: »Die Flaschen werden alle in Kalifornien anlanden«, zerschellen und so Fischwelt und Strandläufer gefährden.

Mit dem Hinweis, er möge sich die amtlichen Papiere besorgen - »Coast Guard«-Auskunft: »Das ist ganz einfach und dauert nur zwei Jahre« -, verbot die Küstenwacht unter Strafandrohung von »50000 Dollar und einem Jahr Gefängnis« dem Flaschen-Frachter das Auslaufen.

Daß die Behörden Gottes in Flaschen gegebenes Wort als profanen Müll behandeln, erboste den Reverend besonders. Auch gebe es »kein Gesetz, das die Verkündigung des Evangeliums per Flasche verbietet«.

Skipper Ike Williams hat die »Lorraine W.« von Sausalito den Petaluma-Fluß hinaufgefahren und wartet den Ausgang des »bürokratischen Krieges zwischen Gott und Satan« (Rice) ab. Wenigstens bis Anfang April will Williams die Flaschenfracht an Bord belassen. Bis dahin muß das »Wunder«, um das Rice »betet«, geschehen. Andernfalls wird ausgeladen. In sieben Wochen beginnt die neue Lachsfang-Saison.

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