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Briefe

Religiöse Denkmuster
aus DER SPIEGEL 22/1996

Religiöse Denkmuster

(Nr. 20/1996, Audiophilie: High-Tech-Voodoo auf der High-End-Messe)

Das ist aber ungerecht, daß von Ihnen die Audiophilen mit Drogenabhängigen verglichen werden. Schließlich haben Suchtdrogen eine ganz unzweifelhaft wahrnehmbare physische Auswirkung auf den User, was man von den genannten geheimnisvollen Audiokabeln zum Meterpreis von 6250 Mark nun wirklich nicht behaupten kann. So betrachtet sind Fixer verglichen mit Audiophilen eher realitätsnah. Das ganze System der Audiophilie kann eigentlich nur funktionieren, wenn man einige bewährte religiöse Denkmuster übernimmt. CD oder Schallplatte sind stets in ganz profan arbeitenden professionellen Studios aufgenommen, in denen es weltweit auch nicht einen einzigen Zentimeter audiophile Kabel gibt. Im Sinne der Audiophilie kann also die verwendete »Klangkonserve« nur von profaner Natur sein, die erst durch eine sakrale Handlung, nämlich das Abspielen auf der audiophilen Anlage, die Transsubstantiation erfährt. Aber noch eine zweite wichtige Voraussetzung ist erforderlich, um Audiophilie wirklich werden zu lassen: Die Gesetze der Raumakustik sind noch zu beachten. Deshalb mein Tip: Erst mal das Wohnzimmer neu bauen lassen, so daß keine parallelen Wände mehr vorhanden sind, dann auch die Decke in mehrere Einzelflächen auflösen, so daß es keine mit dem Fußboden parallelen Flächen mehr gibt. *UNTERSCHRIFT:

Hamburg PROFESSOR RÜDIGER NEUMANN

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