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* 8. Die Zukunft der Kultur * 8.1. Die Vermischung der Weltkulturen RENDEZVOUS IM EINKAUFSZENTRUM

Bedrohen Fernsehen und Internet die Vielfalt der Weltkulturen? Kommt es zur großen Gleichmacherei? Der britische Ethnologe NIGEL BARLEY glaubt den Pessimisten nicht. Er plädiert für einen lockeren Umgang mit dem Kulturbegriff.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Die Futurologie hat eine großartige Vergangenheit. Einige der Vordenker des frühen 20. Jahrhunderts machten sich Sorgen, dass die Städte der Welt im Mist jener Pferde ersticken würden, die die Metropolen in Gang hielten. Andere sahen die wahre Bedrohung in der unheiligen Allianz von Frauenbildung und Postämtern, die dazu führen würde, dass alle Mädchen Liebesbriefe schreiben könnten.

Und erinnern wir uns an Marshall MacLuhan (Schlachtruf: »Das Medium ist die Botschaft"), der in den sechziger Jahren vom kleinen kanadischen Schullehrer zum höchstbezahlten Redner seiner Generation aufstieg. Er glaubte, die Zukunft würde sich nur ums Fernsehen drehen. Unglücklicherweise vergaß er, den PC und das Internet vorauszusagen. MacLuhan lag ziemlich daneben.

Was er mit modernen Theoretikern gemeinsam hat, ist die Überzeugung, dass die Kultur durch Technologie angetrieben werde - etwa so wie jener italienische Performance-Künstler, der seine Muskeln mit Elektroden bestückt hat und sich durch zufälligen Input aus dem Internet mit Stromstößen über die Bühne schubsen lässt.

So lange die Menschen in Kategorien des Fernsehens dachten - ein paar aktive Sendeantennen, Millionen passiver Empfänger -, gab es eine verbreitete kulturelle Furcht vor Verschmelzung, Gleichmacherei, Manipulation und der Anonymität der Massen. Elitäre, dominierende Technologien, hieß es, müssten unausweichlich zur Massenkultur führen. Doch dann wurde die handliche Videokamera erfunden, und viele glaubten, nun sei alles wieder im Lot und die Welt wieder demokratisch.

Wenn die Technik die Kultur beeinflusst, dann auf dem Umweg über die Köpfe der Menschen. Die große Neuerung des 19. Jahrhunderts war nicht die Umwälzung der Technik selber, die industrielle Revolution, sondern der grundsätzliche Ideenwandel, den sie ermöglichte - etwa mit dem Konzept der Trennung von Arbeit und Privatleben. Damit teilte sich unsere Identität in »öffentlich« und »privat«, das Zuhause wurde zum Zufluchtsort, an dem sich unser wirkliches Ich aufhielt.

In Indonesien zieht der Mann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, die Hosen aus und legt den Sarong an. Im Westen verzichtet man am Wochenende aufs Rasieren. Zur Zeit meiner Großeltern nahm man nach Feierabend das Gebiss heraus und löste die Korsettschnüre.

Nun erzählt man uns, dass in wenigen Jahren die meisten dank Internet wieder zu Hause arbeiten werden. Heißt das, dass der kulturelle Raum, in dem wir leben, sich verändern wird? Werden Arbeit und Zuhause, Öffentlichkeit und Privatheit automatisch miteinander verschmelzen? Werden wir wieder eins mit uns selbst? Wahrscheinlich nicht.

Kaum dass die Furcht vor Totalitarismus sich langsam auflöste, fingen Schriftsteller wie Alvin Toffler an, sich darüber zu sorgen, ob das wirkliche Problem der Zukunft nunmehr nicht eher die Auflösung unserer Identität sei. So wie Menschen, die aus ihrer angestammten Kultur in eine fremde geworfen werden, sollten wir nach Toffler einen Kulturschock erleiden. Diesen Geisteszustand nannte er »Zukunftsschock«, eine Art kollektiver Nervenzusammenbruch. Die Menschen würden buchstäblich zerrissen durch zu viele Kontakte ohne Tiefgang.

Heute scheint auch dieser »Zukunftsschock« der Vergangenheit anzugehören. Wir verändern nicht nur im Laufe unseres Lebens die Identität, wir haben sogar verschiedene zur gleichen Zeit. Das Internet erlaubt uns, eine andere Identität und Adresse für unterschiedliche Zwecke - Geschäft, Sex, Sozialkontakte - zu entwickeln, die jeweils zugehörigen Persönlichkeiten haben unter Umständen wenig miteinander gemein. Hinter »elegant, abenteuerlustig, weiblich, geschieden« kann sich heutzutage leicht der fette Boris aus der Buchhaltung verbergen.

Angeblich heißt Cyberspace auch, dass wir globalisiert, gleichgemacht und Mitglied einer einzigen Weltkultur werden. Auch hier wieder ist es das Denkmodell von der riesigen passiven TV-Gemeinde, das diesen Schluss nahe legt. Aber mit der Wirklichkeit scheint das nichts zu tun zu haben. Im Gegenteil: Zwar lernen mehr und mehr Menschen auf der Welt, sich in einer der vorherrschenden Weltkulturen zu bewegen - der amerikanischen, der chinesischen, was auch immer - aber das löscht keineswegs ihre heimische Kultur aus. Stattdessen werden sie kulturell mehrsprachig.

In westlichen Hauptstädten tummeln sich Kinder indischer Eltern, die schon im Westen geboren sind, fließend Hindi und Punjabi sprechen, indische Mahlzeiten einnehmen, die Tagesschau direkt aus Delhi empfangen und die aktuellsten Bangra-Hits kennen. Natürlich sprechen sie auch Englisch oder Deutsch, verschlingen Burger und tanzen nach den Top Ten der US-Charts.

Moderne Kommunikationsmöglichkeiten machen es nicht etwa schwieriger, sondern viel leichter, eine Minderheiten-Kultur zu pflegen als früher; niemand stört sich daran, solange man in seiner neuen Umgebung funktioniert.

Als ich letztes Jahr zu einem Arbeitsaufenthalt in einer rein männerdominierten Welt der Südsee aufbrach, habe ich mir vorher ein Fanmagazin von Manchester United besorgt, um meine Kenntnisse über die Spieler aufzufrischen - alles über ihre Vorlieben und Kräche, ihre Triumphe und Niederlagen: Ich wusste, dass die Männer auf Fidschi und Rarotonga alles darüber wissen und darüber endlos reden wollen. Obwohl ich Fußball hasse, musste ich mir diese Weltkultur aneignen. Und es hat funktioniert: Ich redete auf Hochzeiten und im Flugzeug, in Bars und am Strand immer über Fußball. Erst als ich nach Hause kam, konnte ich die Vereinsfarben in den Mülleimer versenken.

Sollten wir also den enthusiastischen Befürwortern des Cyberspace Glauben schenken, die von schönen neuen Kulturwelten sprechen und die das Internet als Quelle neuen Wissens preisen? Vorsicht. Es heißt, der Cyberspace sei grenzenlos, voller unerschöpflicher Ressourcen, jenseits von Regularien, frei von persönlichem Eigentum, ein Platz, um reich zu werden, um wundervolle Entdeckungen zu machen. Ach ja, und auch von wilden, unersättlichen Weibern wimmelt es dort.

Daran ist nichts Neues, in Wirklichkeit sind solche Beschreibungen uralt. Sie lesen sich wie eine Schilderung aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts - die Kunde von einem mystischen Ort, den sie California nannten, bevor irgendjemand entschieden hatte, wo er auf der Landkarte zu finden sei. Und wie jedes Utopia entpuppt sich auch das Internet trotz der glühenden Voraussagen als ein Ort, wo es nur allzu leicht ist, Pleite zu gehen oder sich ein unangenehmes Virus einzufangen.

Was ist von der Behauptung zu halten, das Netz sei inhärent demokratisch und befreiend? Ist die künftige Kluft zwischen freien Besitzenden und unterdrückten Besitzlosen tatsächlich dieselbe wie jene zwischen denen mit E-Mail-Adresse und jenen ohne?

Letztes Jahr sah ich in Ghana solargetriebene PC in der Schule eines Fischerdorfes. Ich war beeindruckt. Und was sahen sich die Leute auf dem Bildschirm an? Ironischerweise klickten sie durch die Website zu Steven Spielbergs Film »Amistad«, dessen Botschaft ist, dass nur der amerikanische Way of Life die Afrikaner aus der Sklaverei errettet.

Die Kinder, die auch den Film gesehen hatten, fühlten sich in ihrem Eindruck bestätigt, wie wichtig das obsessive ghanaische Streben nach »Connections« ist - Leute zu kennen, die einem einen Vorteil, einen Job oder einen Vertrag zuschanzen. »Drin« zu sein hat für die Ghanaer nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit persönlichem Einfluss - auch den Zugang zum Datennetz hatten sie nur durch ihr Beziehungsnetzwerk in der Hauptstadt ergattert.

Wir im Westen haben ein ganzes Arsenal von Vorstellungen davon ausprobiert, was einen Menschen ausmacht, wie er mit sich und seiner Umwelt umgehen sollte. Und nun entpuppt sich - zu unserem Entsetzen - der typische Mensch des 21. Jahrhunderts als verhasster Tourist, der Kultur und Umgebung gering schätzt, der Lebensstile wie Hüte ausprobiert und in seiner Konturlosigkeit und Oberflächlichkeit die Kreditkarte dem Parteibuch vorzieht.

Während ethnische Konflikte in vielen Teilen der Welt zur Hauptbeschäftigung geworden sind, scheint der einzige Lösungsvorschlag des Westens zu sein, die Betroffenen zu einem gemeinsamen Besuch eines Einkaufszentrums einzuladen. Vielleicht funktioniert das ja sogar. Ein bosnischer Taxifahrer in New York erzählte mir einmal, er habe beschlossen, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln, als er sah, wie inmitten einer Schlacht in Bosnien per Fallschirm Eiscreme für die US-Truppen abgeworfen wurde. So wird die Zukunft aus Schokoeiswaffeln geschrieben.

Es ist der vorherrschende Trend unserer Zeit, das Schicksal durch die Freiheit der Entscheidung zu ersetzen - fast schon die Wahlfreiheit des Konsumenten. Religion, Sexualität und Identität sind heute in zunehmendem Maße verhandelbar. Leben, Geschichte und Politik werden so etwas wie eine ausgedehnte Seifenoper. Toffler nannte dies das Problem des »Überangebots«, eine andere Form des Zukunftsschocks, die uns auf willkürliche Gewalt und Ungemach zurückwirft.

Tatsächlich bedeutet dies alles aber nur eines: Die schlichte Vorstellung von monolithischen Kulturen ist überholt. Fragen wie »Wo kommst du her?«, lassen sich immer schwieriger beantworten. Versuchen Sie einmal, darauf überhaupt noch eine klare Antwort zu bekommen - und nicht etwas wie: »Also, meine Eltern sind aus W, aber ich wurde in X geboren und habe die meiste Zeit meines Lebens in Y verbracht, und mein Mann ist aus Z.«

In einer Selbstbedienungswelt liegt der wahre Schlüssel zur Zukunft vielleicht darin, dass Grundbegriffe wie Kultur aufhören zu existieren. Niemand von uns ist tatsächlich noch von hier. Wir sind mehr oder weniger alle Touristen in Hawaiihemden. Aber heißt das zwangsläufig auch, dass wir unglücklich werden?

Nigel Barlay
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