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WESTWALL Reptilien im Bunker

Experten streiten, ob die Westwall-Reste geschleift oder geschützt werden sollen. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Hitler feierte die unter dem Decknamen »Limes« erbaute Anlage als »gigantischstes Befestigungswerk aller Zeiten«. Nach einer Besichtigungstour wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zeigte sich der Führer »überzeugt« von der »Unbezwingbarkeit« des Sperrgürtels. Doch der mit Propagandagetöse gepriesene Westwall, der sich über rund 630 Kilometer von Brüggen bei Aachen bis nach Lörrach in Baden erstreckte, wurde gegen Kriegsende von den Truppen der Alliierten nahezu mühelos überrannt; die geschwächten deutschen Verteidiger konnten viele Unterstände überhaupt nicht mehr besetzen. Die meisten Festungsanlagen wurden von den Siegern gesprengt.

Ausgerechnet um die Trümmer ist 39 Jahre nach dem Krieg Streit entbrannt: Während der Bund als Eigentümer der geborstenen Gemäuer deren Beseitigung betreibt, fordern Naturschützer die Erhaltung der bizarren Überbleibsel - und Denkmalspfleger auch.

Ökologen schätzen die Ruinen als »Rückzugsgebiete«, »Spähplätze« und »Überwinterungsorte« für Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind.

Vor allem inmitten von 960 zerstörten Westwall-Bunkern, die in der Oberrhein-Ebene zwischen Lörrach und Karlsruhe verwittern, hat der Deutsche Bund für Vogelschutz eine »vielseitige Insektenwelt« und eine »durch Menschen kaum beeinträchtigte Zufluchtstätte« für »Reptilien, Amphibien und seltene Vögel« ausgemacht.

Üppiger Wildwuchs, der auf den schwer zugänglichen Trümmergrundstücken ungehindert wuchert, macht das Gebiet zur Öko-Nische: Dort finden auch Kleinlebewesen Nahrung, die in der mit Pflanzenvernichtungsmitteln traktierten Kulturlandschaft ringsum längst nicht mehr existieren können, die aber als Ernährungsgrundlage für zahlreiche Vogel- und Insektenarten unabdingbar sind.

Der Kehler Vogelschützer Andreas Braun hat in einer Untersuchung über »die Bedeutung der Westwall-Bunker unter besonderer Berücksichtigung ihrer ökologischen Funktion« allein 94 Pflanzen-

und 87 Käferarten nachgewiesen, die außerhalb der Kriegsrelikte »kaum eine Überlebenschance« hätten. Die »ökologisch wichtigen« Bunker müßten »auf jeden Fall« erhalten bleiben.

Beim Bundesvermögensamt in Baden-Baden, das die Trümmer-Bunker verwaltet, wird das anders gesehen. Nach Meinung von Amtsleiter Ekkehard Streuber zum Beispiel ("Seit Jahren gibt es Ärger mit den Dingern") sind die Westwall-Reste schlicht »Brutstätten von Ungeziefer« und »Entstehungsherde von Krankheitserregern«, die zudem »üble Gerüche« ausströmten - Hinweis auf die verbreitete Unsitte, auf den Trümmergrundstücken heimlich Müll abzuladen.

Weil durch Steilwände, herausragende Eisenarmierungen und wassergefüllte Hohlräume auch spielende Kinder »an Leib und Leben gefährdet« würden, sind laut Streuber »Gefahrensbeseitigungsmaßnahmen« erforderlich.

Im Klartext: Die Bunker sollen Zug um Zug geschleift werden, ein Unterfangen, das je nach Größe zwischen 10 000 und 60 000 Mark pro Unterstand kostet. Bislang machte der Bund zur Beseitigung von Hitlers lästigen Westwall-Hinterlassenschaften rund 40 Millionen Mark locker - mit bescheidenem Erfolg.

Noch immer künden gewaltige Trümmerhaufen, oft grün überwuchert, von nationalsozialistischer Gigantomanie: Zwischen 1938 und 1940 wurden entlang der Westgrenze acht Millionen Tonnen Zement, 1,2 Millionen Tonnen Stahl, 20,5 Millionen Tonnen Zuschlagstoffe und 950 000 Festmeter Holz zu 20 000 Bunkern und Unterständen, davon 1800 mit Panzerkuppeln bewehrten Kampfständen, und vielen Kilometern höckerförmiger Panzersperren verbaut. Gesamtkosten der Befestigungsanlage, an der zeitweise bis zu 241 000 Arbeiter beschäftigt waren: 3,5 Milliarden Reichsmark.

Nach dem Krieg beflügelte das Betonerbe die Phantasie der Überlebenden. Sparsame Bürger wollten die wenigen heilgebliebenen Bunker zu »Bunkalows« umbauen, Bauern nutzen die Unterstände als Rübenmieten, Hühnerställe und Weinkeller. Später wurden Westwall-Reste bemalt und in den Bau von Parkanlagen und Kinderspielplätzen einbezogen.

Inzwischen fordern sogar Wissenschaftler, die häßlichen Bauten unter Denkmalschutz zu stellen. Für die Kölner Kunsthistorikerin Henriette Meynen etwa sind die »sehr funktionalen« Befestigungsanlagen »auch Vorläufer der modernen Architektur«. Der Stuttgarter Denkmalspfleger Volker Osteneck sah in den Kriegsrelikten schon vor Jahren ein »typisches historisches Denkmal, eine Landwehranlage des 20. Jahrhunderts«, und empfiehlt, »Bunker als Museen« herzurichten.

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