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FRANKREICH »Republik mit Herz«

Der spektakuläre Aufstieg des Zentrumskandidaten François Bayrou bringt die Wahlkampfstrategie von Sozialisten und Konservativen durcheinander: Favorit Nicolas Sarkozy sucht sein Heil in nationalistischen Parolen.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Im Wahlkampf-Hauptquartier von Nicolas Sarkozy heißen sie die »Scharfschützen« - eine Riege gewiefter Polit-Strategen, die in der mehrstöckigen Zentrale an der Rue d'Enghien die Auftritte der Rivalen beobachten und die Konkurrenz bei Bedarf mit Kritik, Vorwürfen oder schlichten Gemeinheiten eindecken. Bislang galt für die Experten der Regierungspartei UMP der Leitsatz: »Warum über einen Konkurrenten reden, der weit hinter uns liegt?« Auf den Rivalen François Bayrou bezogen bedeutete das: ignorieren, missachten, einfach links liegenlassen.

Das war gestern. Inzwischen hat sich der Zentrumskandidat bei den Scharfschützen den Ruf als »Sprengmeister« erworben, als jemand, der die politischen Gewissheiten durcheinanderwirbelt. François Bayrou, Vorsitzender der kleinen, bürgerlich-liberalen Union für die französische Demokratie (UDF), hat in den Meinungsumfragen mit der Kandidatin Ségolène Royal (23 Prozent) gleichgezogen und unter den Genossen der Sozialistischen Partei (PS) ein wildes Hauen und Stechen ausgelöst.

Zugleich kommt der Überraschungskandidat der Mitte jetzt auch dem mit 29 Prozent führenden Sarkozy gefährlich nahe und verunsichert die Hierarchen der Regierungspartei. Bei einigen Beratern des Innenministers, so das Blatt »Le Parisien«, hat Bayrous spektakulärer Aufstieg bereits »Anflüge von Panik ausgelöst«.

Lange war Bayrou der belächelte Außenseiter: kreuzbrav, ehrlich, fleißig, geschlagen mit dem Charisma eines Dorfschullehrers. Als sich Konservative, Zentristen und Liberale 2002 gegen den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen zur UMP zusammenschlossen, blieb Bayrou an der Spitze seiner Rest-Partei UDF zurück - ausgeschlossen, wie es schien, vom Kampf um die Macht.

Fünf Jahre später feiert er nun ein Comeback: Beinahe handstreichartig hat er sich neben dem Spitzenduo als ernstzunehmender Konkurrent etabliert. Nur noch fünf Wochen vor dem ersten Wahlgang wird der angekündigte Showdown zwischen dem konservativen Sarkozy und der Sozialistin Royal zu einer Auseinandersetzung mit dem großen Unbekannten. Der Präsidentschaftswahlkampf müsse mit der »Unsicherheit, dem Argwohn und der Treulosigkeit« der Wähler fertig werden, erklärt »Le Monde« den Stimmungsumschwung;

über 60 Prozent der Wähler glaubten »weder der Rechten noch der Linken«.

Davon profitiert Bayrou. Derzeit liegt er deutlich vor dem Extremisten Le Pen. Zunächst vor allem bei Lehrern, Beamten und Rentnern beliebt, gewinnt der UDF-Chef nun bei Arbeitern, kleinen Angestellten und Jungwählern an Rückhalt. »Bayrou«, so der Politikwissenschaftler Roland Cayrol, »ist längst kein Phänomen der Mittelklasse mehr.«

Der 55-jährige Katholik, Vater von sechs Kindern und Landwirt aus der südwestfranzösischen Provinz Béarn, hat es verstanden, sich als »Kandidat gegen das System« zu profilieren, als Held der kleinen Leute, als Heilmittel gegen Staats- und Politikverdrossenheit. Er empfiehlt sich als »Friedensstifter« jenseits der traditionellen Grabenkämpfe zwischen rechts und links, in denen sich die Favoriten bislang erschöpften.

Bayrou will mit einer Regierung der nationalen Einheit, gebildet aus »Menschen guten Willens«, Frankreich fit machen für die Herausforderungen der Globalisierung. »Revolutionärer Zentrismus« nennt Bayrou dieses Rezept, das die widersprüchlichen Erwartungen der Franzosen gleichermaßen bedienen soll: die Sehnsucht nach einer Wende genauso wie das Bedürfnis nach Sicherheit.

Mit dieser Botschaft zieht der ehemalige Erziehungsminister seit Monaten durch die Dörfer und Kleinstädte Frankreichs. Und dort, an der politischen Peripherie, findet Bayrou Gehör und Zustimmung. Wo die Parteipolitiker Sarkozy und Royal die Nöte der Nation mit Euro-Millionen aus dem staatlichen Füllhorn lindern wollen, fordert Bayrou allerdings eiserne Haushaltsdisziplin, mehr Mitsprache für das Parlament und eine durchgreifende Bildungsreform.

Und er gewinnt sogar Stimmen mit diesen Forderungen. »Bisher waren sich UMP und PS nur in einem Punkt einig: dass ich nicht existiere«, mokiert sich der einst belächelte Kandidat. »Jetzt, wo ich Chancen auf die zweite Runde habe, wird das alle ganz schön beschäftigen.«

Das ist noch untertrieben. Beflügelt von seinem Umfragehoch, bringt der »Donnerschlag« (Bayrou über Bayrou) derzeit die ganze Wahlkampfarithmetik durcheinander. Sollte der Kandidat der gemäßigten Mitte beim ersten Durchgang einen der beiden Spitzenkandidaten übertrumpfen, hat er nach Meinung der Demoskopen gute Chancen, die Stichwahl zu gewinnen und in den Elysée-Palast einzuziehen.

Der Grund: Bei der ersten Runde der Präsidentenwahl folgen Franzosen gern ihren ideologischen Neigungen - so kommt es, dass viele Parteien einstellige Ergebnisse einfahren. Wegen dieser Stimmenaufsplittung verfehlen die Kandidaten der großen Parteien regelmäßig die 50 Prozent, die für den Einzug in den Elysée nötig sind. Zwei Wochen später, beim zweiten Durchgang der beiden Bestplatzierten, fällt die Entscheidung dann nach eher pragmatischen Gesichtspunkten.

Genau hier liegt die Chance für Bayrou, sollte er sich im ersten Wahlgang gegen Royal oder Sarkozy durchsetzen: Dann nämlich würden die Sozialisten, denen der Gedanke an einen Präsidenten Sarkozy Alpträume bereitet, annähernd geschlossen für Bayrou stimmen, ganz nach ihrer Devise »TSS« ("tout sauf Sarkozy« - alles, nur nicht Sarkozy). Genauso sicher würde Bayrou aber gegen die PS-Frau siegen, denn auch für die Wähler der konservativen UMP gilt: »TSS« ("tout sauf Ségolène« - alles, nur nicht Ségolène).

Bei den Sozialisten hat das unerwartet gute Abschneiden Bayrous bereits den Richtungsstreit zwischen der Kandidatin Royal und den Traditionshütern der Partei wieder aufflammen lassen: Soll der PS mit einem eher linken Bekenntnis an alle »fortschrittlichen Kräfte« appellieren oder sich zu einer sozialdemokratischen Mitte öffnen?

Innerhalb der Partei wächst die Zahl der Wankelmütigen: Die »Abtrünnigen« (PS-Chef François Hollande) zweifeln an der Kompetenz der Kandidatin oder glauben, dass eher Bayrou mit dem Ruf nach »sozialer Demokratie« Ernst macht.

Gefährlich ist dessen Beschwörung nationaler Einmütigkeit aber auch für den UMP-Kandidaten Sarkozy. Denn Bayrou, einst Minister in den konservativen Regierungen von Edouard Balladur und Alain Juppé, stammt aus dem rechten Lager und könnte dort die meisten Stimmen gewinnen.

Wichtiger noch: Verglichen mit dem gehetzt wirkenden UMP-Kandidaten Sarkozy, verbreitet der Pferdezüchter Bayrou ein Bild von Verlässlichkeit. Sein »Projekt Hoffnung« spielt mit patriotischen Reflexen, seine Vision einer »Republik mit Herz«

beschwört eine Zukunft aus Nostalgie und Internet. Wo Sarkozy mit seinem machtversessenen Ehrgeiz nach dem höchsten Staatsamt ("Ich brauche nur noch eine Stufe") beunruhigt, pflegt der Zentrumskandidat sein Image als volksnaher Landmann. »Als Präsident werde ich mich nicht im Elysée einschließen«, gelobt Bayrou, »ich werde jeden Tag die Wahrheit sagen.«

Gegen so viel treuherzigen Populismus haben die UMP-Experten bislang kein Mittel gefunden. Weil Weggucken nicht länger zulässig ist, kümmert sich neuerdings eine eigene »Zelle Bayrou« um die passende Strategie. Sarkozys Wahlkampfchef fordert die »Mobilmachung unserer Anhänger": »Wir müssen klarmachen«, so Claude Guéant, »dass Bayrous dritter Weg nichts anderes ist als ein vergeblicher Traum.«

Um aus Bayrous strahlender Überparteilichkeit »die Luft rauszulassen«, riet Sarkozy seinen Helfern, die Vergangenheit des Kandidaten nach Verfehlungen zu durchleuchten; zugleich verschärfte der UMP-Chef seine Wahlkampfrhetorik und strebte deutlich in rechtes Fahrwasser.

Zunächst begrüßte Sarkozy die Präsidentschaftskandidatur Le Pens - in der Hoffnung, beim zweiten Wahlgang die rechtsextremen Parteigänger des Front National für sich zu gewinnen; dann profilierte er sich als Superpatriot mit einer Wahlkampfrede, in der 113-mal das Wort Frankreich fiel. Schließlich überraschte er sogar die eigenen Gefolgsleute mit dem Vorschlag, ein Ministerium für Einwanderung und nationale Identität zu gründen.

Mit dieser Verbindung von Immigrationskontrolle und einem Amt für französische Leitkultur zielt Sarkozy auf Überfremdungsängste. Er schürt ein klassisches Reizthema, das von aktuellen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Teuerung ablenken soll.

Unsicher bleibt, ob der UMP-Kandidat mit solcher Anbiederung an den Schlagwortkatalog der extremen Rechten wirklich gegen den zunehmend populären Aufsteiger punkten kann. »Die Tatsache, dass Bayrou bei den sogenannten unteren Volksschichten an der Spitze liegt, beweist, dass seine Wähler nicht aus Verlegenheit wählen, sondern aus Überzeugung«, sagt der Meinungsforscher Stéphane Rozès. »Die Franzosen verspüren den Wunsch, die politische Landschaft zu verändern.«

Der Mann, der sich vorgenommen hat, diese Wende herbeizuführen, will seinen bisher erfolgreichen Kurs auch in der heißen Phase des Wahlkampfs fortsetzen. »Ein Präsident ist kein Staatschef der Rechten oder Linken, sondern der Präsident aller Franzosen«, wiederholt Bayrou, der nach wie vor durch die Vorstädte der Metropolen wie durch die ländlichen Regionen des Landes pilgert und dabei mit Vorliebe rustikale Metaphern pflegt: »Ich ziehe meine Furche im Tempo meines Traktors.« STEFAN SIMONS

* Oben: bei einer Kandidatendiskussion vor dem Bild von Jean-Marie Le Pen; unten: mit den Schauspielerinnen Emmanuelle Béart und Jeanne Moreau.

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