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Republikaner

aus DER SPIEGEL 1/1954

Die Komödie, die der Wahl des französischen Präsidenten Coty vorausging, hatte auch einen Nutznießer: den Staatssekretär für Informationen, Hugues. Abgeordneten, die während der Wahlzeremonien von der Fernsehkamera beobachtet worden waren, machte er Komplimente über ihre großartige Fernsehwirkung, um sie von der Notwendigkeit neuer Kreditbewilligungen zugunsten des französischen Fernsehens zu

überzeugen. Auch Postminister Ferri durfte zufrieden sein. Bereits am zweiten Tage der Präsidentenwahl zählte er über 100 000 verkaufte Sonderpostkarten, die mit dem illusionistischen Stempel »Kongreß des Parlaments, 17. Dezember 1953« versehen waren. *

Spaßmacher Ferdinand Lop, eine legendäre Montmartre-Type, die bei jeder Wahl als Phantasie-Kandidat auftritt und es auf diese Weise schon zu einer Art nationaler Berühmtheit gebracht hat, erhielt im ersten Wahlgang die Stimme des Abgeordneten Bène. Als er im Restaurant »Londres« später mit Daladier zusammentraf, sagte Lop

bekümmert: »Mein lieber Präsident, die ersten Wahlgänge haben mich enttäuscht. Glauben Sie, daß ich unter diesen Umständen meine Kandidatur aufrechterhalten oder daß ich sie zurückziehen soll?« Daladier: »Keineswegs, mein Lieber. Bleiben Sie im Rennen.« *

Auch der zeitweise aussichtsreiche Kandidat Laniel suchte prominenten Zuspruch, ehe er schließlich doch nach dem zehnten erfolglosen Wahlgang seine Kandidatur zurückzog. Er klopfte beim 81jährigen Altstaatsmann Herriot an, um sich bestätigen zu lassen, daß er mit seinem renitenten Präsidentschafts-Ehrgeiz keineswegs vom rechten republikanischen Wege abgewichen sei.

Laniel: »Bin ich ein guter Republikaner?«

Herriot: »Sie sind es.«

Laniel: »Würden Sie an meiner Stelle fest bleiben?«

Herriot: »Ja.«

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