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HEIMAT-VERTEIDIGUNG Reserve ohne Ruh

aus DER SPIEGEL 4/1966

Mit psychologischem Gespür wählten die Planer des Bundesverteidigungsministeriums die Truppenbezeichnung. Sie verschmolzen die Vokabel »Heimat« mit dem seit Lettow-Vorbeck erinnerungsseligen Begriff »Schutztruppe«. Das ergab: »Heimatschutztruppe«.

Zu dieser neuen Bundeswehrformation werden in diesem Jahr etwa 10 000 Gediente einberufen - Vorhut einer Reservisten-Armee, die bis 1969 rund 50 000 Mann umfassen soll. Zweck der Heimatschutztruppe: Schutz und Verteidigung lebenswichtiger Anlagen - etwa Brücken, Kraftwerke, Versorgungsdepots - in der Heimat*.

Auf Dienstpflicht-Basis ist die Heimatschutztruppe genau das, was unter der schwerfälligen Bezeichnung »Territorial-Reserve« auf Freiwilligen-Basis nicht gediehen ist. Als Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel 1963 zum Dienst in dieser neuerdachten Territorial-Reserve aufrief, zeigte er sich zuversichtlich, bis 1965 würde ein Stamm von 25 000 gedienten Landsern freiwillig in seiner modernen Landwehr stehen.

Das war falsch kalkuliert. 80 000 gedienten Soldaten machte Bonn das Angebot, sie möchten sich auf drei Jahre für die Territorial-Reserve verpflichten

- nur ein Zehntel, genau 8384, ließen

sich registrieren. Nur 5500 von diesen wiederum konnten eingesetzt werden; die anderen wohnten zu weit von den schutzwürdigen Objekten entfernt und wären im Ernstfall nicht schnell genug zur Stelle gewesen.

Und was die verbleibende Territorial -Reserve trieb, umschrieb der Landserjargon bald so: »Heldenkurs nach Ladenschluß«. Nach den Bestimmungen des Dreijahreskontraktes hatte der Territorial-Reservist pro Jahr abzuleisten:

- neun Abendausbildungen von je drei

Stunden;

- vier Wochenendausbildungen von Sonnabend nachmittag bis Sonntag nachmittag und

- eine 13-Tage-Übung.

Die Kriegsspiele nach Feierabend litten unter personellen und materiellen Schwierigkeiten. So übten in den Reservisten-Kompanien auch Mariner und Flieger, die nicht recht wußten, was ein Grenadier zu tun hat. Und Heeres-Soldaten, die ihre Dienstzeit weitgehend auf Schreibstuben und in Sanitätsrevieren verbracht hatten, fummelten ratlos am MG.

Nur das Anlegen der Montur erwies sich als problemlos, denn die Uniform hatten die Reservisten - wie jeder gediente Soldat - im Kleiderschrank zu Hause. Der Umgang mit Waffen und Gerät jedoch, das von der Bundeswehr aufbewahrt und gepflegt wird, bereitete nicht selten Verdruß; Waffenwarte beklagten sich über »versaute MGs«.

Altgediente hatten vieles vom Soldatenhandwerk vergessen oder konnten die inzwischen neu eingeführten Waffen nicht kennen. Und schließlich war die Masse der Ausbilder - Unteroffiziere wie Offiziere - den Aufgaben nicht gewachsen; sie vermochten nur unzulänglich zu improvisieren.

Dem Verteidigungsministerium blieb nicht lange verborgen, daß sich diese Territorial-Reserve im Ernstfall wohl sehr reserviert verhalten würde. Die Traditionalisten, die der militärischen Feierabendgestaltung von vornherein nur den Nutzeffekt von besseren Schützenvereinen beigemessen hatte, drangen auf Reform. Angesichts der Geschichte der deutschen Heimatverteidigung konnten sie mühelos darlegen, daß allein, mit Zwang etwas auszurichten sei:

Schon Preußen brachte 1813 eine Landwehr nur durch »Verordnung« auf die Beine: Alle Männer zwischen 17 und 40, die nicht im stehenden Heer dienten, wurden »erfaßt«; Wehrfähige bis 50 kamen zum Landsturm. Und auch Hitlers Wehrmacht wartete nicht auf freiwillige Veteranen: Bei der Mobilmachung 1939 wurden 301 Landesschützen -Bataillone aufgestellt; sie bewachten militärisch wichtige Objekte und Kriegsgefangene.

Als Bonn sich nun ebenfalls dazu durchrang, für seine moderne Landwehr gediente Soldaten (im Alter bis zu 45 Jahren) einzuberufen, schienen zumindest einige Probleme der vormaligen Territorial-Reserve gelöst. Um den Personalbestand brauchten die Verteidigungsplaner nicht mehr zu bangen; die für Territorial-Reservisten einst verlockende Klausel, daß ein Freiwilliger nach drei Jahren sein Pensum an Reserveübungen abgegolten habe, wurde ersatzlos gestrichen; die Unkostenerstattung für Wochenend- und Abendausbildung wurde drastisch reduziert - so bekommt ein Reserveleutnant für eine Wochenendübung nur mehr 20 statt früher 49,20 Mark.

Die Guderian-Devise »Klotzen, nicht kleckern« stand Pate bei dem Entschluß, die Heimatschützer in zunächst sechs (später 22) Trainingszentren zu unterweisen. Wohnort der Reservisten, Trainingszentrum und schützbedürftiges Objekt sollen nahe beieinander liegen.

Beispiel: Reservisten aus den Hamburger Stadtteilen Harburg oder Wilhelmsburg sollen die Bewachung der Elbbrücken üben. Das Trainingszentrum wird ebenfalls in Brückennähe eingerichtet. Waffen und Gerät sind in sogenannten Rüsthäusern jederzeit griffbereit.

Umständlich erwies sich für die Bonner Militärs bei der Reform der Heimatverteidigung eigentlich, nur die Namensgebung, für die schließlich auch ein demoskopisches Institut zu Rate gezogen wurde. Bezeichnungen wie »Landwehr«, »'Heimwehr« oder »Landsturm« gefielen ebensowenig wie von Hassels Idee, die Reservisten-Armee »Nationalgarde« zu nennen.

Genehm war »Heimatschutztruppe« - eine Bezeichnung, die nach sachverständigem Demoskopen-Urteil erwünschte Assoziationen am zuverlässigsten auslöst. »Heimat« ist noch immer ein hochkarätiger Gemütswert für die Deutschen. Und »Schutztruppe« behagt außer dem einstigen ostafrikanischen Sisalpflanzer Hassel auch allen Bürgern, die noch wissen, daß der kaiserliche General von Lettow-Vorbeck als einziger deutscher Militär dieses Jahrhunderts »im Felde ungeschlagen« blieb.

* Die Heimatschutztruppe ist Bestandteil der Territorialen Verteidigung (unter General Übelhack), deren Truppen nicht der Nato unterstellt sind.

Territorial-Reservisten: Der Verteidigungsminister war für eine Nationalgarde

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