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Resignation

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der Schritts fetter ("Deutschland, Deutschland unter anderm") und Lyriker ("Blindenschrift") Hans Magnus Enzensberger, 38, hat seine Gastdozentur an der amerikanischen Westcyan University in Middletown (Bundesstaat Connecticut) vorzeitig abgebrachen, um in Kuba zu arbeiten. In einem Briet an den Präsidenten der Universität nennt er unter anderen folgende Gründe für seine Entscheidung:

Ich glaube, daß die herrschende Klasse der Vereinigten Staaten von Amerika und die Regierung, die deren Politik ausführt, das gefährlichste Gremium von Männern auf der Welt ist. So oder so ist diese Klasse in verschiedener Abstufung eine Bedrohung für jeden, der ihr nicht angehört ...

Viele Amerikaner sind über die Lage ihrer Nation tief beunruhigt ...

In mehrerer Hinsicht erinnert mich die Lage Ihrer Nation an die meines eigenen Landes Mitte der dreißiger Jahre ...

Ich komme gerade zurück von einer Reise nach Kuba. Ich sah die Agenten der CIA auf dem Flugplatz von Mexico City, die jeden Passagier photographierten, der nach Havanna abflog. Ich sah die Silhouetten der amerikanischen Kriegsschiffe vor der kubanischen Küste; ich sah die Spuren der amerikanischen Invasion in der Schweinebucht; ich sah die Erbschaft einer imperialistischen Wirtschaft und die Narben, die sie auf Körper und Geist eines kleinen Landes hinterließ; ich sah die tägliche Belagerung, die die Kubaner nötigt, jeden einzelnen Löffel, den sie benutzen, aus der Tschechoslowakei und jede einzelne Gallone Benzin aus der Sowjet-Union zu importieren, da die Vereinigten Staaten seit sieben Jahren versuchen, sie durch Hunger zur Kapitulation zu zwingen.

Ich habe mich entschlossen, nach Kuba zu gehen und dort für längere Zeit zu arbeiten. Das ist kaum ein Opfer meinerseits; ich habe nur das Gefühl, daß ich mehr von den Kubanern lernen und ihnen von weitaus größerem Nutzen sein kann als den Studenten der Wesleyan University.

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