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BUNDESKRIMINALAMT Rest Unbehagen

Im Bundeskriminalamt häufen sich die Besuche ausländischer Fahnder und Politiker, die etwas lernen wollen. Manche Gäste stammen aus Ländern, die zum Rechtsstaatlichen kein rechtes Verhältnis haben.
aus DER SPIEGEL 39/1979

Aufmerksam lauschte Tschao Jen-li, stellvertretender Leiter der Abteilung für die Wahrung der Sicherheit in Peking, samt seinen sieben Begleiterinnen und Begleitern den Erläuterungen der deutschen Gastgeber. Daß »die Sowjets nur mit acht Fingern arbeiten«, die »Deutschen aber mit zehn«, und daß die Deutschen, wie anders, »den Russen damit weit überlegen« seien, wurde von der Runde mit beifälligem Nicken bestätigt.

Nachmittags, lange nachdem die meisten Bediensteten des Bundeskriminalamts (BKA) aus dem Amte enteilt waren, mochten die zartgliedrigen Kriminalexperten aus China »ruhig noch gerne ein wenig länger bleiben«. Denn Erkenntnisse darüber, daß »der Abdruck der kleinen Finger bei der Spurensuche am meisten hergibt« (ein BKA-Referent) und daß auch »die Methoden von Galton-Henry und FBI« dem computerisierten Fingerabdruck-System des BKA »nicht gewachsen« seien, waren nicht das einzige, was die sachkundigen Gäste während zweiwochiger Studien auf dem Wiesbadener Geisberg beeindruckte.

»Wir haben die oft erst um zehn Uhr abends aus dem Haus gekriegt«, stöhnte letzte Woche ein übernächtigter Betreuer, als er Amtschef Horst Herold Bericht erstattete. Dem späten Handlesen im Asservatenraum folgte die eine oder andere Spätlese im nahen Rheingau; das Fazit der China-Wochen im BKA, wie es spöttisch durchs Amt ging, hatte Doppelsinn: »Die wollten hier mal kräftig absaugen.«

Besuche dieser Art häufen sich in Wiesbaden. Das BKA ist Anziehungspunkt für Häscher und Geheime aus aller Welt geworden. Und so mancher Gast müßte dem Bundesamt oder dem vorgesetzten Bonner Innenministerium recht ungelegen kommen.

Einige Wochen vor den Chinesen hatte das BKA einen arabischen General für öffentliche Sicherheit nebst Begleitern bewirtet. Davor noch stellten sich in kurzer Abfolge Tunesier, Natio?ialchinesen? Herren aus Lesotho, der Türkei, Indonesien und Australien bei Herold ein -- von regelmäßigen Visiten europäischer Nachbarkollegen ganz zu schweigen. »Allesamt«, freut sich der Amtschef, »sind sie dabei, bei uns abzukupfern -- wir lernen natürlich auch von denen.«

Stärkster Magnet scheint Herold selber zu sein, dessen viel zitierte Theorien und Forschungen über kybernetische Regelkreise bei der Verbrechensbekämpfung dem Amt binnen weniger Jahre wissenschaftlichen Ruf verschafft haben. Andächtig lauschen die Gäste den Schilderungen des BKA-Chefs, wie er zum Beispiel »mit riesiger Man-Power«, nämlich »mit 450 Mann-Jahren«, rund 2 Millionen Fingerabdrücke »verformeln« und tagtäglich von einer Typistinnen-Heerschar in den Computer »schaufeln« läßt.

Über einige der Besucher sprechen die BKA-Leute nicht so gerne, über den chilenischen General etwa, der nach 30 Minuten wieder hinauskomplimentiert wurde. Oder über Libyens Staatschef Gaddafi, der ungesehen das Haus durcheilen wollte. Und auch zu dem russischen General, dem rumänischen Oberstleutnant, dem Geheimdienstler aus dem Jemen möchten die Bundeskriminalisten nichts sagen.

Daß gelegentlich im BKA auch Männer auftauchen, die den palästinensischen Terroristen nahestehen, ist den Gastgebern jedoch ganz recht. En passant, so glauben sie, nehme solcher Besuch auch realistische Eindrücke aus der westdeutschen Terrorszene mit, und dabei gehe allerhand verloren von dem revolutionären Nimbus der RAF-Täter.

So international geht es inzwischen im BKA zu, daß mitunter dem befreundeten Ausland personelle Amtshilfe gewährt wird. Als etwa 1976 die isländische Regierung in eine Krise kam, nachdem einflußreiche Freunde des damaligen Justizministers Olafur Johannesson von der Opposition als Schnapsschmuggler und als Hintermänner des ungeklärten Mordes an Baggerführer Geirfinnur Einarsson verdächtigt wurden, fahndete die Insel-Regierung nach einem unabhängigen Spitzendetektiv.

Sie fand ihn dank eines Winks aus Wiesbaden in Karl Schütz, 64, dem gerade pensionierten Abteilungspräsidenten der Bonner Sicherungsgruppe. Ein Mann von Ruf: Kollegen haben ihn wegen seiner Ermittlungserfolge gegen

* Mitte September mit BKA-Beamten.

die Soldatenmörder von Lebach, die frühen Baader-Meinhofs und die DDR-Agenten Sütterlin und Guillaume mit dem Spitznamen »Kommissar Kugelblitz« geschmückt.

Schütz überführte in l66tägiger Recherche vor Ort die wahren Schmuggler; sie hatten Einarssons Leiche in den »roten Hügeln« vergraben, einer wilden Lavalandschaft. Ganz nebenbei entlarvte der deutsche Leih-Kriminalist Islands TV-Sprecher Asgeir Ingolfsson als Mörder einer Putzfrau.

»Sie haben vom isländischen Volk einen Alpdruck genommen«, lobte Johannesson den pensionierten Kugelblitz beim Abschied. Und für die kriminaltechnische Beihilfe des BKA verlieh Reykjavik BKA-Chef Horst Herold den Silbernen Kranich-Orden.

Die Mär von den deutschen Super-Fahndern tragen vor allem aber ausländische Kriminaltechniker in die Welt, wenn sie in Wiesbaden mitschreiben und interne Papiere einpacken. Forschungsprogramme, die den Gästen gerne vorgeführt werden, sind das Enträtseln verstellter Stimmen und Handschriften, verkleideter Gesichter, verdrehter Sprechweisen.

BKA-Physiker Ernst Bunge in der Abteilung Kriminaltechnik schaut beispielsweise bei Fahndungsphotos nicht mehr auf Bärte, Koteletten oder Brillen, sondern er mißt den Augenabstand. Die Daten werden in Versuchsreihen derzeit ebenso eingespeichert wie die Klangprofile von Tonbandstimmen verschiedener Menschen: Sagen unterschiedliche Testpersonen den Testsatz »Mein Name ist Nemo« auf, erkennt der Computer den Sprecher -- schlechte Zeiten womöglich für Erpresser. Derlei Zwischenergebnisse der BKA-Forschung. und Herolds allumfassendes EDV-Konzept stehen unter anderem deshalb so hoch im Kurs, weil »Interpol«, die Polizeizentrale von 133 Staaten in Saint-Cloud bei Paris, den technischen Fortschritt längst verpaßt hat. Jederzeit, so doziert Herold gern vor Kollegen, wäre Wiesbaden zum Beispiel in der Lage, für das kaum noch beachtete Saint-Cloud eine weltweite Sachfahndung aufzubauen, zum Beispiel systematische Recherchen per Telex und EDV nach falschen Pässen und gestohlenen Autos.

Der Gedanke, daß es einigen Besuchern wohl nicht so sehr um geklaute Autos geht und daß da womöglich deutsche Kriminalisten an unrechter Stelle Entwicklungshilfe leisten, beschwert den BKA-Chef offenbar nicht: »Wir geben ja doch nur kriminaltechnisches Know-how weiter, keine Fahndungsprogramme.«

Für manchen Herold-Kollegen aber, wie den baden-württembergischen Landespolizeipräsidenten Alfred Stümper, bleibt bei dieser Krimi-Nachhilfe für jedermann »ein Rest von Unbehagen«.

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