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CHINA Rette uns

Öffentlicher Protest in Peking: Verbannte Rotgardisten möchten zurück in die Hauptstadt. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Genosse Hsiao-ping, rette uns!« Das rote Spruchband mit der vertraulichen Anrede per Vornamen an Chinas wichtigsten Führer, Familienname Teng, flatterte über eine Woche lang vor dem Haupteingang des Rathauses in Peking.

Darunter, auf den Stufen zum Portal im stalinistischen Zuckerbäckerstil, saßen acht Tage lang mal 100, mal 120 Chinesen mittleren Alters aus der Provinz Schansi (Shanxi), Männer und Frauen: Sie lasen, strickten, schwiegen.

Seit die Demokratiebewegung des »Pekinger Frühling« von 1979 vom Reformer Teng erst ermuntert, dann unterdrückt wurde, gibt es nur noch wenig öffentlichen Widerstand gegen den sozialen Umsturz, der sich in China von oben vollzieht. Kaum je wird gestreikt, im Januar protestierten Pekinger Studenten tagelang gegen das Mensa-Essen. Doch die Rathaus-Demonstranten waren erfahrene Rebellen: Rotgardisten aus der Kulturrevolution vor 19 Jahren.

Nach zwei Jahren Aufstand gegen Tengs Parteibürokratie hatte Mao selbst die Schüler und Studenten 1968 zur Beruhigung aufs Reisfeld verbannt. Sie waren auch noch begeistert, weil es ihr Mao war, der nun - gereift - erklärt hatte: »Es ist äußerst notwendig, daß die jungen Leute mit Schulbildung aufs Land gehen und von den armen Bauern umerzogen werden.«

Die Landverschickung von rund 16 Millionen Jugendlichen - darunter 400 000 aus Peking - in entfernte Provinzen Chinas brachte die Bürgerkrieger von der Straße und löste zudem das Problem der Jugendarbeitslosigkeit.

Die Städter folgten »enthusiastisch dem großen Ruf des Vorsitzenden Mao« (so die »Volkszeitung« im Dezember 1968), lagen aber nun, zur Landarbeit nur bedingt tauglich, als zusätzliche Esser den Volkskommunen auf der Tasche.

Vor den harten Lebensbedingungen flüchteten bald viele heimlich in die Städte zurück, ohne Zuzugsgenehmigung und somit ohne Lebensmittelmarken. Sie überlebten im illegalen Dickicht der Städte: Mit Gelegenheitsarbeiten, unter Beistand von Freunden und Verwandten, auf Pump und mitunter auch per Diebstahl schlugen sie sich durch.

Einige konnten die in China so wichtigen persönlichen Beziehungen nutzen. Wer mit ärztlichem Attest eine Krankheit vorschützte oder nachwies, daß die Familie in Schwierigkeiten war, durfte nach Hause. Natürlich ließen sich die zuständigen Beamten auch von kleinen Geschenken, mit Geld, Armbanduhren oder Radios beeinflussen. Und für manche der aufs Land verschickten jungen Mädchen begann der Heimweg im Bett des örtlichen Parteisekretärs.

Nach Mao-Tod und Machtwechsel 1976 durften unverheiratete, alleinstehende oder geschiedene Ex-Rotgardisten mit einer Befürwortung der örtlichen und der städtischen Behörden heim zu Muttern. Doch wer die Haushaltsregistrierung ergattert hatte, bekam noch längst nicht Wohnung und Arbeitsplatz. Den Revolutionären a.D. erschien Rebellion gerechtfertigt.

Am 5. Februar 1979 besetzten 5000 zurückgekehrte Schanghaier Jugendliche den Bahnhof der Stadt und blockierten drei Tage lang die Gleise. Im November 1980 erreichten fast 70 000 nach Sinkiang verschickte Schanghaier nach einem vierwöchigen Sitz- und Hungerstreik in Aksu, 100 Kilometer von der sowjetischen Grenze entfernt, die Heimreise. Viele kehrten aber mangels Arbeitsplatz und Wohnung nach Sinkiang zurück.

Zu jener Zeit hielten sich zeitweilig bis zu 200 000 Bittsteller aus der Provinz in Peking auf, berichteten über Mißstände und Hunger, forderten Arbeit und Wiedergutmachung des während der Kulturrevolution erlittenen Unrechts. Auf Wandzeitungen an der »Mauer der Demokratie« steigerten sich persönliche Klagen zu Forderungen nach Reformen.

Teng Hsiao-ping hat seither China reformiert, den öffentlichen Protest indes läßt er als Ausdruck politischer Opposition heute unterdrücken - obwohl die Verfassung von 1982 in Artikel 35 das Recht auf Freiheit der Rede und der Versammlung garantiert.

»Die Jugendlichen aus Shanxi fordern entschlossen die Rückkehr nach Peking«, hatten die rund 300 ehemaligen Rotgardisten aus der Hauptstadt auf ein Spruchband geschrieben. Die Männer und Frauen, nun Mitte 30, mit schwieligen Händen und wettergegerbten Gesichtern, lösten sich bei ihrem Sitzstreik ab. Nach Dutzenden von Briefen und Petitionen sahen sie in ihrem Erscheinen vor der Haustür der Pekinger Partei- und Stadtverwaltung die letzte Möglichkeit, auf ihr Problem aufmerksam zu machen.

»Stellen Sie keine Fragen, unsere Lage ist schon grausam genug«, sagte eine Frau, das Gesicht von einem Schal verhüllt, zum SPIEGEL. Ausländische Journalisten wurden von der Polizei für die Akten photographiert.

»Wir wollen keinen Aufruhr, wir wollen nur zurück zu unseren Familien«, meinte einer der Petenten besonnen, gereift, sozusagen umerzogen. Und: »Wir sind die eigentlichen Opfer der Viererbande.« Umstehende Pekinger nickten beifällig.

Die »Jugendlichen mit Schulbildung«, so die offizielle Bezeichnung aus der Kulturrevolution, sind nicht mehr die aufsässigen Hitzköpfe von 1966/67. Wegen des Verlustes ihrer Berufs- und Lebenschancen gelten sie im Land als die »Verlorene Generation«. Sie wecken die ungewohnte Tugend des Mitleids.

Eine alte Frau unter den Passanten erzählte, sie müsse allein und ohne Kinder ihr Leben fristen. Einige Zuhörer brachen in Tränen aus. Selbst die offizielle Kultur hat sich des Schicksals der verbannten Jung-Maoisten angenommen: Ein Film über ihr Los ("Vergeudete Jahre") wurde prämiert, ein zweiter 1984 preisgekrönt.

Doch das Aufbegehren vor dem Rathaus weckte bei der Staatsgewalt nur Zorn: Gäbe man den 300 die Heimat wieder, könnten auch die anderen 20 000 aus der Hauptstadt nach Shanxi Verbannten ihre Rückkehr fordern. Und in anderen Grenzprovinzen halten sich noch weitere 70 000 Landverschickte aus Peking auf.

Den Demonstranten riet die Partei daher, nach Shanxi »schleunigst zurückzukehren«, um bei der Modernisierung Chinas »ihren Beitrag« zu leisten: Sie hätten auf dem Lande »eine angemessene Arbeit«.

Bürgermeister Chen und Stadt-Parteichef Li orteten »giftige Einflüsse kulturrevolutionärer Methoden« durch Provokateure, »eine für Staat und Volk schädliche und egoistische Aktivität«.

Die Pekinger Tageszeitung ("Beijing Ribao") stellte auf der ersten Seite neben die Dissidentenschelte fünf Artikel über Universitätsabsolventen, die sich jetzt erst wieder zum Einsatz in Chinas Nordwesten »freiwillig« gemeldet hätten. Die Botschaft war klar: Hier »die guten Söhne und Töchter, »entschlossen, in allen vier Ecken des Landes zu arbeiten« (Kommentartitel), dort die eigensinnigen Leute, denen nur mit »strenger Kritik und geduldiger Erziehung« beizukommen ist. Die Landverschickung geht weiter.

Die Bittsteller aus der Provinz, urteilten Spitzenfunktionäre, hätten mit ihrem Sit-in »die Arbeit der Verwaltung gestört und den Verkehr behindert«, sogar »den gesellschaftlichen Frieden« der Neun-Millionen-Stadt gestört.

Der war am vorigen Dienstag wiederhergestellt. Ein neues, amtliches Spruchband hing am Rathaus, rechtzeitig vor Eintreffen ausländischer Festtagsgäste: »Feiert den 1. Mai, den internationalen Arbeitstag.« Die Landarbeiter waren verschwunden.

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