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»Rettet Rußland! Schlagt die Juden!«

Walerij Soifer über Antisemitismus in der Sowjet-Union »Gegen Juden und Freimaurer« tritt in der UdSSR eine Bewegung auf, die latenten Antisemitismus im Lande ausnützt. Darüber berichtet für den SPIEGEL der Moskauer Genetiker Walerij Soifer, 50. Der Sohn eines 1937 verhafteten Altbolschewiken war Professor und Direktor des von ihm gegründeten Instituts für Molekularbiologie und Genetik, bis er 1980 Berufsverbot erhielt: Er wollte daraufhin emigrieren, was ihm bis heute verweigert wird. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Am Anfang stand das Wort »Nüchternheit": Ende der 50er Jahre wurde im Osten der Sowjet-Union, unweit der Industriestadt Nowosibirsk, ein riesiges Wissenschaftszentrum mit Dutzenden von Instituten der Akademie der Wissenschaften eingerichtet - Akademgorodok, das »Akademie-Städtchen«.

Als Erster Rayon-Sekretär der KPdSU bei der sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften wurde Jegor Ligatschow eingesetzt, der dann später Parteichef von Tomsk war und heute nach Gorbatschow der zweite Mann im Politbüro ist.

Am Mathematikinstitut gelang einem gewissen Nikolai Sagoruiko eine steile Karriere. In den 70er Jahren zum Prorektor der Nowosibirsker Universität berufen, fand Sagoruiko bald noch einen weiteren Tätigkeitsbereich: Er gründete im Wissenschaftler-Club von Akademgorodok die »Freiwilligen-Gesellschaft für Nüchternheit« (DOT).

Deren Mitglieder, die früher - wie übrigens auch Sagoruiko - gern und kräftig getrunken hatten, erklärten nun, sämtlich überzeugte Abstinenzler zu sein. Die Idee der Nüchternheit wollten sie erst im kleinen Akademgorodok, später in Nowosibirsk und schließlich im ganzen Lande durchsetzen.

Das Vorhaben fand zahlreiche Anhänger. DOT immer mehr Mitglieder. Doch im Laufe der Zeit gerieten die Aktionen immer hysterischer, ihre Urheber verbreiteten zwei Hauptthesen. Erstens: Rußland droht an der Trunksucht zugrunde zu gehen; zweitens: Juden und Freimaurer seien es, die den Russen zum übermäßigen Schnapskonsum animierten.

In Vorlesungen sprachen Mitglieder der Gesellschaft davon, daß ganz Rußland in »einem jüdisch-freimaurerischen Netz gefangen« und »der Alltag voll von geheimen jüdischen Symbolen« sei; beispielsweise sähen die sechskantigen Schraubenmuttern dem Davidstern verdächtig ähnlich.

In Tomsk sorgte der Druck von Ligatschow dafür, daß sich Mitglieder zahlreicher Versammlungen dafür aussprachen, Tomsk zu einer »Stadt der Nüchternheit« zu machen. Und bald wurde dort das erste totale Alkoholverbot eingeführt, wie es inzwischen übrigens auch in Nowosibirsk herrscht: Alkohol wird überhaupt nicht mehr verkauft - höchstens auf dem Schwarzmarkt und heimlich.

Die Auseinandersetzungen wurden heftiger und die Beschuldigungen gegen Juden immer deutlicher - allgemein, aber auch in konkreten Einzelfällen. So

irrte der Sohn eines Professors nachts durch Akademgorodok und rief: »Rettet Rußland! Schlagt die Juden!« Der geistesgestörte Sagoruiko-Anhänger kam in eine Anstalt.

Als Gorbatschow sein Amt antrat, bekam der Kampf gegen den Alkoholismus sofort einen anderen Ton: Er wurde versachlicht, Demagogie unterblieb fortan, die Verbreitung der Sagoruiko-Ideen war in diesem Zusammenhang nicht mehr gefragt.

Darum mußte ein neuer Verein her. Mit Fleiß schuf Sagoruiko deshalb nun eine Gesellschaft zur Erhaltung von alten Denkmälern und Sitten mit Namen »Pamjat« (wörtlich: Gedächtnis): Durch einfache Änderung des Repertoires gelangte er vom Kampf gegen den Wodka zur Mobilisierung für die Erhaltung von Kirchen, Ikonen und anderen Altertümern - beides gewiß gleich ehrenwert.

Nur an der Grundideologie änderte sich so gut wie nichts. Sie bestand auch weiterhin aus denselben chauvinistischen Sprüchen, nur daß die »Fremden«, Juden vor allem, nun auch für die Vernichtung russischen Kulturerbes verantwortlich gemacht wurden.

Neben Juden und Freimaurern sprach man jetzt auch Anhänger moderner Strömungen in Malerei und Literatur für alle Leiden Rußlands schuldig. Alle nationalen Minderheiten gelten nun als Plage, und Einflüsse einer Art fundamentalistischer Chomeini-Ideologie lassen sich in vielen »Pamjat«-Aktivitäten ausmachen - eine offensichtliche Xenophobie, wie sie für jeden extremen Isolationismus charakteristisch ist.

Die Grundideen von »Pamjat« wurden, wie schon früher die von DOT, in vielen Städten rasch und begierig aufgegriffen, so daß dahinter eine Regie von oben vermutet werden darf. Auch in Moskau entstand eine »Pamjat«-Filiale. Wie in Sibirien duldeten die Behörden diese neue, inoffizielle Vereinigung nicht nur, sondern behandelten sie geradezu väterlich wohlwollend.

Sie bekam Räume im Zentrum Moskaus, ihre Versammlungen durften stets unbehelligt stattfinden, ihre Ansprachen unterlagen keiner Zensur. Der Anführer der Moskauer »Pamjat«-Gruppe konnte plötzlich über ein Rank-Xerox-Kopiergerät verfügen, obwohl der private Besitz und Gebrauch von Vervielfältigungsanlagen sonst für Sowjetbürger kategorisch verboten ist.

Doch damit nahmen die Wunder noch kein Ende. Als am Abend des 6. Mai dieses Jahres einige hundert »Pamjat''-Anhänger vor dem Moskauer Stadtsowjet mit der Losung »Wir sind für Prohibition« aufmarschierten, Gorbatschow zu sprechen wünschten und der bald tausendköpfigen Neugierigen-Menge zuriefen, daß der nationale Untergang durch eine zionistisch-freimaurerisch-imperialistische Verschwörung drohe, wurde keiner der Anführer etwa aufs Polizeirevier gebracht. Statt dessen ließ der Stadtparteichef Boris Jelzin die Demonstranten vor, dem sie ihre »Gedanken« erläutern durften.

Betrachten wir uns einen führenden Moskauer »Pamjat«-Kopf aus der Nähe: Sein Name ist Walerij Jemeljanow. Von Haus aus Spezialist für arabische Sprachen, in den 50er Jahren als Attache an der sowjetischen Botschaft in Kairo, danach in mehreren arabischen Ländern unterwegs, als Redner ungemein begabt, fiel Jemeljanow in seinem Freundeskreis schon früh durch Haßtiraden gegen Schwarze und Juden auf.

Aber das tat seiner glänzenden Diplomatenkarriere keinen Abbruch. Erst als Anfang der 60er Jahre bekannt wurde, daß er seine Doktorarbeit über libanesische Landwirtschaft zu großen Teilen aus einem anderen Werk abgeschrieben hatte, geriet der Aufsteiger vorübergehend in Schwierigkeiten: Er verlor seinen Posten, die Partei schloß ihn aus.

Doch Jemeljanow verfügte ganz offensichtlich über einflußreiche Gönner. Nach einiger Zeit erhielt er sein Parteibuch zurück und dazu das Prestige eines stellvertretenden Lehrstuhlinhabers an einer Moskauer Hochschule.

Mitte der 70er Jahre wurden die antisemitischen Stimmungen im Lande immer spürbarer, Jemeljanow war einer derjenigen, die sie schürten. Er schrieb einen langen Brief an Breschnew über »eine Verschwörung und ihre Verzweigungen«, das schwere Schicksal Rußlands sei immer von Juden verursacht worden, in der Sowjet-Zeit, besonders unter Stalin, hätten viele Parteiführer Jüdinnen geheiratet und seien unter deren unguten Einfluß geraten und so weiter.

Ihren Höhepunkt erreichten diese Wahnvorstellungen mit dem Buch »De-Zionisierung«, das Jemeljanow in einem Pariser Palästinenser-Verlag herausbrachte. Dies freilich geschah wohl ohne Abstimmung mit seinen Schutzpatronen. Der bislang »unversenkbare« Jemeljanow wurde gemaßregelt.

Im Juli 1979 wird gegen ihn ein Parteiverfahren eingeleitet, im März 1980 erfolgt der Ausschluß aus der KPdSU. Und am 7. April desselben Jahres tötet er seine Frau; am nächsten Morgen - zufällig Subbotnik, ein Tag des freiwilligen Arbeitseinsatzes - schleppt er die Rucksäcke mit der zerstückelten Leiche auf den Hof und versucht, sie dort auf dem Müllhaufen zu verbrennen.

Für solch einen Mord droht in der UdSSR normalerweise die Todesstrafe. Doch Jemeljanow kam ein weiteres Mal glimpflich davon: Er wurde als unzurechnungsfähig eingestuft und in die Psychiatrie eingewiesen. Noch vor zwei Jahren kursierte unter seinen ehemaligen Moskauer Freunden das Gerücht, er sei dort gestorben; sie versammelten sich sogar zu einer Trauerfeier.

Doch plötzlich, gerade in dem Moment, als die Gesellschaft »Pamjat« in Moskau aktiv zu werden begann, tauchte Jemeljanow wieder in der Hauptstadt auf. Wie in der »Sowjetskaja kultura« zu lesen war, wurde Jemeljanow »lediglich auf Grund eines gerichtsmedizinischen Gutachtens entlassen«. Von _(Mit Forderungen nach rechtlicher ) _(Anerkennung und nach Landschaftsschutz. )

Anfang an mischte sich Jemeljanow unter die »Pamjat«-Anhänger und wurde dank seiner demagogischen Begabung bald zu einem Hauptredner. Während andere Mitglieder noch ausschließlich und ehrlich für Belange des Denkmals- und Umweltschutzes eintraten, versuchten die Jemeljanows und jene, die sie steuern, die »Pamjat«-Bewegung auf den Weg des Chauvinismus und der Hysterie zu lenken.

Vor kurzem erschien in der »Prawda« ein Beitrag von Fjodor Burlazki, einem Gorbatschow nahestehenden Journalisten. Danach hat sich »Pamjat« ursprünglich »für die rechtschaffende Idee der Erhaltung russischer Nationalkultur« eingesetzt. Nationale Werte der Vergangenheit zu schützen und der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen - »das war gut so«, sagt Burlazki. Doch dann hätten sich leider »in diese Bewegung Leute eingeschlichen, die eindeutig nationalistische und chauvinistische Auffassungen vertreten«.

Doch die »Pamjat«-Begründer waren vom ersten Tag an voller Haß gegenüber allen, die in Rußland leben, aber keine Russen sind, besonders gegenüber Juden. In örtlichen Statuten dieser Gesellschaft wurde in einigen Städten sogar festgeschrieben, daß nur echte Russen aufgenommen werden dürften, die nachweislich bis in die vierte Generation zurück kein fremdes Blut in ihrem Stammbaum haben.

Die führenden »Pamjat«-Funktionäre sprechen viel und gern davon, wieviel Leid dem russischen Volk von den verschiedenen »Fremden« angetan worden sei: von Tataren und Mongolen, von Deutschen und Türken, vor allem aber von den Juden. Sie seien es nicht nur gewesen, die den Russen zur Trunksucht verleiteten, sie hätten auch Kirchen und heilige Stätten zerstört, sich überall im Staatssicherheitsbereich entscheidende Positionen gesichert und seien vor allem in der nachrevolutionären Tscheka besonders schlimm gewesen.

In »Pamjat«-Versammlungen und privaten Gesprächen wird immer wieder behauptet, die jüdische Durchdringung sämtlicher Zellen des sozialen Lebens sei die Wurzel allen Übels. Die Tatsache, daß Burlazki diese chauvinistische Hetze jetzt in der »Prawda« eindeutig verurteilt hat, ist ohne Frage begrüßenswert. Nur befindet er sich im Irrtum, wenn er keinen Unterschied sehen will zwischen den antisemitisch-chauvinistischen »Pamjat«-Leuten auf der einen Seite und jenen, die vom alltäglichen Antisemitismus gequält und mutlos, die UdSSR verlassen wollen und dies nicht immer dürfen, den »Refuseniks«.

»Wer setzt sich bei uns denn schon für ein ''unbeschränktes Recht auf Demonstration'' ein?« fragt Burlazki und antwortet sicherheitshalber gleich selbst: »Die lokalen Nationalisten, die Extremisten von ''Pamjat'' und ... Menschen, die eigennützige Interessen verfolgen, ins Ausland wollen, die sogenannten ''Refuseniks''.« So werden Verfolger und Opfer letztlich in einen Topf geworfen.

Seit wann existiert in Rußland diese Aversion gegenüber den »Fremden«? Und: Sind die antisemitischen Losungen so neu, für die sich »Pamjat« heute begeistert?

Die ersten jüdischen Familien siedelten sich im 16. und 17. Jahrhundert in Rußland an. 1648 zur Zeit des Anschlusses der Ukraine an Rußland, hat Bogdan Chmelnizki einen fürchterlichen Terror gegen die damals in Kleinrußland wohnenden Polen und Juden entfesselt. In der Studie »Rußland unterm Romanow-Zepter« aus dem Jahre 1912 heißt es über die Zeit: »In der ganzen Ukraine wurden Juden und Polen praktisch ausgerottet.«

Am 2. Dezember 1742 erließ die Zarin Elisabeth einen »Ukas über die sofortige Ausweisung aller Juden, welche Titel sie auch immer haben mögen«. Eine weitere antijüdische Welle entstand nach zahlreichen Terroranschlägen Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als bekannt wurde, daß sich unter den Terroristen auch Juden befanden.

Im 19. Jahrhundert infizierte der antisemitische Virus selbst hervorragende Persönlichkeiten Rußlands; er gehörte nun zum Alltag, zum Fleisch und Blut des russischen Volkes. Anton Tschechow beispielsweise schrieb, als einmal auf seine Einladung hin der berühmte Maler Isaak Lewitan bei ihm übernachtete, an die Tür des Gästezimmers den witzig gemeinten Hinweis: »Tauschgeschäft des Juden Lewitan«. Als der Gast am nächsten Morgen den »Spaß« entdeckte, packte er umgehend seine Sachen und kündigte Tschechow die Freundschaft.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand der »Bund des Russischen Volkes«, der in 900 Städten Rußlands Filialen gründete. Sofort begannen antijüdische Pogrome: 1906 in Gomel, Jalta, Odessa, Bialystok und anderen Orten.

Eine russische Variante der Dreyfus-Affäre war der Prozeß gegen Mendel Beilis: Der Angestellte einer Ziegelei wurde beschuldigt, einen russischen Jungen umgebracht zu haben, um mit dessen Blut Matze-Brot zuzubereiten. Die Untersuchung dauerte von 1911 bis 1913. Am Ende stand fest, daß außer wahnhaftem Haß nichts gegen Beilis vorzubringen war. Er wurde freigesprochen.

In die Revolution von 1917 ging Rußland scheinbar geheilt von der antisemitischen Seuche, und nach der Umwälzung gab es nicht mal mehr eine Spur davon. Benachteiligungen von Juden fanden nicht mehr statt. Isaak Babel, Solomon Michoels, Boris Pasternak, Busja Goldschtein, David Oistrach, Isaak Dunajewski, Leonid Utjossow und Tausende weiterer begabter Juden waren im ganzen Land bekannt und beliebt. Man konnte den Eindruck gewinnen, als ob nicht nur die äußeren Anzeichen für nationalen Zwist für immer vernichtet wären, sondern auch die tieferen Wurzeln dieser uralten Krankheit.

Doch bald nach dem faschistischen Überfall auf die Sowjet-Union ist ein rapides Wiederansteigen des Antisemitismus zu verzeichnen. Dabei war nicht zuletzt der Umstand von Bedeutung, daß die Nazis Juden zu Feinden der Zivilisation erklärt hatten, sie auf bestialische Weise vernichteten und bei primitiven Menschen in der ganzen Welt entsprechende Aversionen schürten.

Chauvinismus wurde unter Stalin zur offiziellen Staatspolitik. Ganze Völker mußten nach Sibirien wandern, ohne Begründung, ohne Mitleid mit Gebrechlichen, Schwangeren und Todkranken. Die Deutschen an der Wolga traf es als erste; ihnen folgten die Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren und viele andere. Auch die Juden waren auf eine massenhafte Verbannung vorbereitet, denn der Antisemitismus wuchs nun in erschreckendem Ausmaß.

Ab 1948 wurden Juden aus Forschungsinstituten, von Hochschulen und höheren Positionen entfernt. Am 13. Januar 1948 kam Solomon Michoels, Intendant des Jüdischen Theaters, beliebter Schauspieler und Regisseur, bei einem fingierten Autounfall ums Leben. 1952 vernichtete Stalin die letzten Repräsentanten der europäisch-jiddischen Kultur wie Dawid Bergelson, Lew Kwitko, Perez Markisch und andere.

Und noch gegen Ende seines Lebens setzte er eine Verfolgung jüdischer Ärzte in Gang, denen er Ermordung von hohen Funktionären und die Vorbereitung eines Attentats auf seine eigene Person unterstellte. Die angebliche Entlarvung dieser Gruppe löste eine landesweite Explosion von Judenfeindlichkeit aus. Viel fehlte nicht, und es wäre in jenen Jahren zu neuen Pogromen gekommen.

Zwei Monate später starb Stalin, und vielleicht wurde nur dadurch ein weiterer Genozid verhindert. Seine Nachfolger begriffen, daß mit diesem Wahnsinn Schluß gemacht werden mußte: Die Ärzte wurden aus der Haft entlassen. Die Presse erklärte, die Anklagen seien mit gefälschtem Beweismaterial fabriziert worden.

Allerdings zeigte sich bald, daß an der Spitze der Partei niemand ernsthaft vorhatte, im Lande wieder jene Situation herzustellen, die nach der Revolution geherrscht hatte. Offene Aufforderungen »Schlagt die Juden, rettet Rußland« hörte man zwar nicht mehr, doch ein latenter Antisemitismus war überall im Lande zu spüren. Er wurde zum entscheidenden Motiv für die jüdische Emigration aus der Sowjet-Union.

Eine halbe Million Antragsteller zeugen davon, daß es hier nicht um »ungesunde Interessen einzelner« geht, die nicht recht wissen, wo sie am besten leben sollen, wie dies in sowjetischen Veröffentlichungen häufig zu lesen ist.

Und nun sprechen die »Pamjat«-Aktivisten wieder offen vom Schaden, den »der Jude« Rußland zufügt.

Wer also manipulierte »Pamjat«? Wer bemüht sich so engagiert, ihren Propagandisten im ganzen Lande Klubs und Säle für Tausende Zuhörer zur Verfügung zu stellen? Wer sind die Menschen, die sich sorgfältig davor die Ohren verstopfen, wie auf »Pamjat«-Weise nationaler Zwist gepredigt, wie gewarnt wird, der Weltkultur die Türen zu öffnen?

Wie ist es möglich, daß die Nowosibirsker »Pamjat«-Leute inzwischen offen erklären können, man dürfe die internationalen Computersprachen »Fortran« und »Basic« nicht verwenden, weil sie nicht russisch seien - und offenbar aus demselben Grunde tagtäglich im Rechenzentrum von Akademgorodok die Scheiben einschlagen?

Warum wird der Name Nikolai Sagoruiko, des geistigen Vaters dieser Wahnbewegung, trotz zunehmend und dankenswerterweise kritischer »Pamjat«-Berichterstattung aus den Medien herausgehalten? Wer ist so mächtig, daß er Autoren und Redakteure darüber zum Schweigen veranlassen kann? Und warum wurde bislang kein einziger kritischer Leserbrief zur führenden Rolle des Mörders und Antisemiten Walerij Jemeljanow in der »Pamjat«-Bewegung veröffentlicht?

Wer aber vor allem konnte dem Kandidaten des Politbüros und Ersten Sekretär der Moskauer Parteileitung Boris Jelzin befohlen haben, die Moskauer »Pamjat«-Mitglieder für drei Stunden zu empfangen und mit ihnen höflich zu diskutieren, wo doch eindeutig bekannt ist, daß Jelzin deren Ideen entschieden ablehnt, woraus er auch während des Gesprächs keinen Hehl machte?

Wohl doch nur einer, der noch höher in der Hierarchie rangiert als er. Sicher ist nur, daß es Generalsekretär Michail Gorbatschow nicht war.

Mit Forderungen nach rechtlicher Anerkennung und nachLandschaftsschutz.

Walerij Soifer
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