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FORSCHUNG / TROCKENGEBIETE Rettung aus Röhren

aus DER SPIEGEL 44/1970

Seit Monaten ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Sonne brennt erbarmungslos. Weit und breit gibt es kein Gewässer. Und doch wachsen auf einem abgezirkelten Stück Wüste Zitronen, Melonen und Gemüsearten.

Der Boden des bewachsenen Landes scheint ausgetrocknet wie die Wüste rundum. Er ist es aber nur an der Oberfläche. Denn aus etwa 50 Zentimeter tief liegenden perforierten Kunststoffröhren sichert Wasser. Die Wurzeln absorbieren es, die Pflanzen gedeihen.

Unterirdische Bewässerung gibt es bisher nur auf zwei Testfeldern im griechischen Nauplion und im tunesischen Korba. Aber der Erfinder, der deutsche Dozent Dr. Wolfgang Ständer, glaubt, daß sein Verfahren »in den ariden und semiariden Ländern die Landwirtschaft auf eine völlig neue Basis steilen« dürfte.

Allein 40 Prozent des afrikanischen Kontinents sind Wüste oder Halbwüste -- obschon sie es nicht zu sein brauchten. Denn von den jährlich vorhandenen 27 Billionen Kubikmeter Süßwasser nutzen die Menschen weniger als zwei Billionen.

Wo in den trockenen Ländern Bewässerungssysteme existieren, wird das kostbare Wasser in Gräben auf die Felder geleitet oder mit Regnern versprüht. Ein großer Teil verdunstet, bevor er die Pflanze erreicht hat.

Unterirdische Bewässerung hat gegegenüber oberiridischer viele Vorteile:

Da der Verdunstungsverlust entfällt, reichen 15 Prozent der Wassermenge, um den gleichen Effekt zu erzielen. Dem Wasser können Düngemittel beigegeben werden. Der Sauerstoff- beziehungsweise Stickstoffhaushalt des Bodens ist manipulierbar, indem man durch die Bewässerungsrohre zeitweilig Luft preßt.

Ständer, früher Assistent und Musterschüler des heutigen Bonner Wissenschaftsministers Leussink, betreibt seit 1962 in Karlsruhe ein privates »Polytechnisches Institut« mit insgesamt 70 Mitarbeitern aus allen grundlegenden naturwissenschaftlichen Disziplinen. Er finanziert seinen Betrieb mit eigenem Vermögen, den Erträgen aus Erfindungen und Industrieberatung. Öffentliche Mittel hat er bislang kaum erhalten.

Auf Ständers Feldern der Zukunft regulieren die Pflanzen die Wasser- und Nährstoffzufuhr. Einige »Leitpflanzen« sind an elektrische Meßanlagen und einen Computer angeschlossen. Da sich die elektrische Leitfähigkeit der Pflanzen mit ihrer Feuchtigkeit verändert, signalisieren an Blättern und Stämmen angebrachte Meßfühler, wie durstig die Pflanzen sind. Automatisch wird mehr oder weniger Wasser abgerufen.

Ständer: »Die Pflanzen werden zu optimalem Wachstum angeregt. Selbst dar Geschmack und die Haltbarkeit bestimmter Früchte sind zu beeinflussen. Sogar Schädlinge abweisende Stoffe können den Pflanzen zugeführt werden.«

Das Wasser will Ständer aus einem bislang kaum erschlossenen Reservoir gewinnen: aus den Süßwasserquellen des Meeres. Die Fachwelt hatte die Nutzung dieser Quellen für unmöglich gehalten, da sich das Süßwasser bereits tief im Meeresboden mit dem spezifisch schwereren Salzwasser vermischt. Ständer bewies, daß es möglich ist, diese Quellen zu fassen.

Auf der griechischen Peloponnes-Halbinsel drohte die Argolis-Ebene zu versteppen. Die Welternährungsorganisation hatte zehn Millionen Mark verpulvert, ohne die Wassernot lösen zu können. In achtjähriger Arbeit gelang es Ständer, Süßwasserquellen zu erschließen, die in Küstennähe unter dem Meer zutage treten (SPIEGEL 1511969). Seit Juni dieses Jahres fließen elf Kubikmeter Süßwasser pro Sekunde aus dem salzigen Mittelmeer in die Argolis-Ebene. Ständer: »Man könnte in Wüstengebieten völlig neue Lebensräume schaffen, ohne auf das natürliche Wasserangebot angewiesen zu sein.«

Denn Unter-Meeresquellen wie die vor der Argolis gibt es vor vielen Küsten subtropischer und tropischer Karstgebiete« etwa vor Kreta, dem Libanon, Nord- und Südafrika und an den Küsten des Roten Meeres.

* Im Gewächshaus seines Karlsruher Instituts.

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