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»Revolutionäre kämpfen nicht für Geld«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über den Streik der britischen Bergarbeiter Mit dem dritten großen Bergarbeiter-Streik dieses Jahrhunderts wollen die Gewerkschaften verhindern, daß jede dritte Zeche in Großbritannien von der Regierung Margaret Thatcher geschlossen wird. Doch die Gewerkschaftsbasis folgt der Führung nicht: In vielen Zechen sprachen sich die Kumpel gegen den Arbeitskampf aus. *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 16/1984

Das Schauspiel von mehreren hundert Bergleuten beim Schichtwechsel ist fremdartig und böse. Die erschöpften Gesichter mit dem Schmutz in allen Falten blicken wild und irgendwie böse. Der Fremde aus dem Süden kann sich allzu leicht vorstellen, wie sich diese Wut und Wildheit in Aktionen Bahn bricht, wenn sie durch Ausbeutung und Not provoziert wird.« Das schrieb George Orwell vor fünfzig Jahren nach einer Reise durch die Steinkohlenreviere der britischen Midlands.

Seitdem hat sich vieles verändert. Die Streikposten vor dem Haupttor von Zeche Lea Hall in den Midlands haben keine Dreckfalten im Gesicht. Sie sind ausgeschlafen, wohlgenährt und gut gekleidet. Nur die Bartstoppeln auf den rosigen Wangen geben einen Anschein proletarischer Patina.

Aber wütende Klassenkämpfer können sie noch immer werden - zum Beispiel, wenn die Bobbys wieder einen Autobus voll Streikbrecher zum Zechentor eskortieren.

Kurz nach halb neun, anderthalb Stunden vor Schichtwechsel, gibt der Posten vorn an der Straße Alarm: Sie kommen!

Es ist das gleiche Ritual wie vor acht Stunden: Die Bobbys bilden rings um den Bus zwei Stoßkeile. Die Männer, die auf der Mauer neben dem Wächterhäuschen gesessen haben, schmeißen ihre Zeitungen in die Feuertonne und springen in Positur. Das kräftigste Dutzend nach vorn, die anderen in schräg gegeneinander versetzten Schlachtreihen dahinter.

21.37 Uhr: Feindberührung. Die Polizisten rennen untergehakt gegen die tiefgestaffelten Linien der Arbeiter an. Die ersten zwei Reihen brechen unter dem Ansturm der Polizei auf. Doch in der dritten und vierten rennen sich die Blockadebrecher fest. Einer der Beamten stürzt. Weil er seinen Ellbogen fest im Ellbogen des Nachbarn verkrallt hat, stürzt auch der zweite, dann der dritte und dann die ganze Phalanx.

Die Arbeiter johlen vor Begeisterung. Aber die Männer von der North Staffordshire Police Force haben mehr Übung im Raufen als die Kumpels. Sie sind wieder auf den Beinen, ehe die Streikposten ihre Lücken wieder schließen können. Im zweiten Anlauf fallen auch die beiden letzten Schlachtreihen. Um 21.45 Uhr rollt der Bus mit den »Marmeladen-Babys«, wie die Arbeitswilligen im Jargon der Streikwachen, der »pickets«, heißen, durchs Zechentor.

Die besiegten Wachen klettern zurück auf die Mauer unter der großen Bogenlampe. Die Bobbys sammeln ihre runtergefallenen Helme auf und richten ihre zerzausten Uniformen. Dann ist Teatime. Ein paar Kumpels stellen sich zusammen mit den Polizisten vor dem Mannschaftswagen an, um heißen Tee mit Milch zu fassen. »Diese Gentlemen tun ihren Job, und wir tun unseren Job«, sagt der Sergeant, der den Einsatz leitet. »Und jeder von uns versucht, fair zu bleiben.«

Nicht jeder. Ein Arbeiter, der regelwidrig mit einer Zaunlatte in den Kampf eingegriffen hat, wird zur Aufnahme der Personalien in den Mannschaftswagen der Polizei gebeten. Er wird sich wegen »unordentlichen Benehmens« zu verantworten haben - ebenso wie die fünfzig Gewerkschafter, die vormittags auf dem nahen Motorway 1, der Nord-Süd-Achse zwischen England und Schottland, den Berufsverkehr lahmgelegt haben.

Mit Fairness und Sportsmanship ist es nicht überall gleich gut bestellt im dritten großen britischen Bergarbeiterstreik dieses Jahrhunderts. Vor der regionalen Hauptverwaltung der staatlichen Kohlebehörde (NCB) in Doncaster haben Streikposten eiserne Krähenfüße auf die

Parkplätze gestreut und die Autos von arbeitswilligen Angestellten demoliert.

Vor der Grube Ellington in Northumberland war der 72jährige NCB-Chef Ian MacGregor unter dem Ansturm einer Gruppe aufgeregter Arbeiter bewußtlos zu Boden gegangen. Nur seine Leibwache hatte Schlimmeres verhütet.

Viele Kumpel haben Grund, MacGregor zu hassen. Er ist von Margaret Thatcher zum Vollstrecker des »großen Zechenmordens« (so der kommunistische »Morning Star") bestellt worden. Er soll die britische Kohleförderung auf knapp hundert Millionen Tonnen drosseln und die Axt an jede dritte der 176 Zechen legen. Dagegen wird gestreikt.

Allein im letzten Jahr hat »Mac the Knife« alias »Mac Abwracker«, wie sie ihn in Anlehnung an sein unschönes Mandat nennen, 28 Pütts ganz oder teilweise stillgelegt. Und zwanzig weitere mit 21 000 Beschäftigten hat er im laufenden Etatjahr auf seiner Strichliste.

Obwohl er bei der Attacke in Ellington einige schmerzhafte Schürfwunden erlitt, hat MacGregor auf eine Strafanzeige verzichtet. Die Zechenbosse wollen der bis ins Mark gespaltenen Bergarbeitergewerkschaft NUM ("National Union of Mineworkers") keinen Anlaß liefern, sich zu solidarisieren.

Deshalb schauen die Bobbys diskret weg, wenn die Pickets auf dem Zechengelände Kohlen für ihre Wärmetonne klauen. Und deshalb halten sich auch die Staatsanwälte mit der Strafverfolgung von Rechtsbrechern an der Streikfront zurück. »Außerdem ist das Gesetz ja nicht mal vier Jahre alt«, sagt der Sergeant vor Zeche Lea Hall - als wenn Recht und Ordnung an Inkubationsfristen gebunden wären.

Das Gesetz erlaubt im Streikfall nur noch maximal sechs Streikposten vor dem eigenen Betrieb. Die Blockade fremder Betriebe - »secondary picketing« im Gewerkschaftsenglisch - ist nicht mehr erlaubt. Wer es trotzdem tut, macht seine Gewerkschaft schadensersatzpflichtig. Dennoch hat die NUM-Spitze in Sheffield rund 3000 »flying pickets« aus bestreikten Gruben in Yorkshire ausschwärmen lassen, um die zwei Dutzend Gruben im benachbarten Nottinghamshire, deren Belegschaften sich dem Gewerkschaftsbeschluß widersetzen, auch noch lahmzulegen.

Blockadekolonnen ziehen nach unkalkulierbarem Konzept von Zeche zu Zeche, um arbeitswillige Belegschaften am Betreten des Arbeitsplatzes zu hindern.

Morgens blockieren sie fünf Gruben im Süden, mittags drei Gruben im Norden, abends fünf im Süden und drei im Norden. Man weiß nie, wo sie wiederauftauchen.

Trotzdem haben die arbeitswilligen Belegschaften der Zechen in Nottinghamshire einen überzeugenden Heimsieg gegen die vagabundierenden Streikposten aus Yorkshire errungen. Vier Wochen nach dem Beginn der Belagerung sind noch immer alle 26 Minen in den Grafschaften Süd- und Nord-Nottinghamshire in Betrieb - außerdem 29 weitere in den benachbarten Counties. »Solidarity« ist in diesem Streik nur ein Wort.

Chefkonstabler David Hall aus Humberside, der die Operation leitet, hat 20 000 Polizisten im Einsatz. Die Beamten kassieren, solange sie im Streickampf stehen, Direktorengehälter: normale Bezüge plus 500 Pfund (1875 Mark) Prämie die Woche. Motivation ist das Wichtigste.

Dem hat die Gewerkschaft mit ihren sieben Pfund Tagegeld für auswärtige und vier Pfund für einheimische Pickets plus 8 Pence Kilometerpauschale nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Die Streikposten bekommen nicht mal Streikgeld wie deutsche Gewerkschaftsmitglieder. »Wir sind Revolutionäre«, sagt Hauer Neil Matthews aus Oakdale in Wales, der vor Zeche Hem Heath bei Stoke-on-Trent Wache schiebt. »Revolutionäre kämpfen nicht für Geld.« Doch wie man sieht, kann auch ein Bergarbeiterstreik nicht funktionieren, wenn die Kohlen nicht stimmen.

Es liegt natürlich nur zum geringeren Teil am miserablen Spesensatz, daß die NUM die letzten Pütts nicht dicht kriegt. Auch die Regie hat Schwächen. Um die Polizei zu zwingen, ihre Kräfte breiter zu streuen, hat die Streikleitung die Blockade auf Hütten- und Elektrizitätswerke ausgedehnt. Jack Collins, der rote NUM-Herzog von Kent, hat erklärt, man werde gegebenenfalls die Nation in die Knie zwingen - nicht die Kohlebehörde, nein, die Nation.

Aber um das zu erreichen, hätte die NUM ebensogut die Palastwache im Buckingham Palace unter Kuratel stellen können. Denn die Kohlekraftwerke haben für ein halbes Jahr auf Vorrat gebunkert. In den Zechen liegt nach dem milden Winter noch mal fast eine halbe Jahresförderung auf Halde. Der Streik kostet Geld. Aber er hilft auch Überschüsse abbauen. Nur für die britische Stahlindustrie, die sich gerade eben aus langjähriger Agonie aufzurappeln beginnt, kann es kritisch werden, wenn mittelfristig der Koks ausbleibt. Doch das setzt voraus, daß die Streikenden nicht nur wissen, was sie tun, sondern auch, wie sie es tun. Das ist nicht immer der Fall: Die Belagerung des E-Werks Trawsfynydd wird nach knapp 24 Stunden ergebnislos abgebrochen, als sich herausstellt, daß Trawsfynydd nicht mit Kohle, sondern mit Atomkraft beheizt wird. Das Kraftwerk in Portsmouth kann nicht mehr bestreikt werden, weil es, wie das Streikkommando erst vor Ort feststellt, schon lange abgerissen ist. Halb England schwelgt in Schadenfreude.

So unpopulär wie dieser war in Britannien schon lange kein Arbeitskampf mehr. Die Mehrheit der Bergarbeiter in einem halben Dutzend der Bergregionen stimmte gegen den Streik. Auf den Zechen von South Derbyshire waren 84 Prozent dagegen, in Leicestershire 89 Prozent. In der kleinen Billinge-Mine in Lancashire war von fünfzig Belegschaftsmitgliedern lediglich einer dafür - der örtliche NUM-Sekretär.

Nur da, wo die Kumpel Angst haben müssen, daß ihnen MacGregor den Deckel auf den Pütt tut, haben sich stellenweise magere Mehrheiten gefunden: in Süd-Wales, in Schottland, und vor allem in der »Volksrepublik Süd-Yorkshire«, der marxistisch durchwachsenen Heimat-Grafschaft des linksradikalen NUM-Chefs Arthur Scargill, die auch die Hauptmacht der Pickets stellt.

Die kümmerlichen Abstimmungs-Ergebnisse wären noch kümmerlicher ausgefallen, wenn nicht - so einige empörte Kumpel - eine Reihe von Streiklokalen vorzeitig geschlossen worden wären, so daß viele Streikgegner ihre Stimme nicht mehr hätten abgeben können.

Es könnte ähnlich gewesen sein wie im Januar bei der Wahl des neuen NUM-Generalsekretärs. Zunächst, so beklagte

sich der gemäßigte Kandidat John Walsh, sei die Wahl ausgerechnet auf seiner Heimatzeche Kellingley in Yorkshire viel zu früh beendet worden. Dann habe es ungewöhnlich viele ungültige Stimmzettel - nämlich 3935 - gegeben. Sieger wurde der Linke Peter Heathfield mit einem Vorsprung von 3615 Stimmen.

Auf der dritten Sohle von Zeche Hem Heath haben sich in 1026 Meter Tiefe vier Püttmänner aus Protest gegen die angebliche Wahlschieberei zum »work in« niedergelassen. Terry Hackett, Peter Knapper, Jim Yates und sein Sohn Michael haben geschworen, daß sie so lange unten bleiben, bis der Streik abgeblasen wird oder Arthur Scargill sie persönlich nach oben bittet. »Wir sitzen es aus«, sagt Jim Yates. Und die drei anderen recken zur Bestätigung die kohlschwarzen Daumen gegen die Streckendecke.

Für die Gewerkschaft ist die Aktion der vier Rebellen ein Dolchstoß in den Rücken der Arbeiterklasse. Haben sie keine Angst vor Klassenkeile?

Da streckt sich Jim Yates, und er spricht: »Angst, Sir? Mein Großvater, der hatte Angst, als ihn die Soldaten 1926 beim großen Streik mit Bajonetten in den Pütt trieben, jawohl. Diesmal muß nur Scargill Angst haben.«

Scargill, so sagt er, habe Kumpel gegen Kumpel gehetzt und den Bergmannsstand zum Prügelknaben der Nation gemacht. Auf Hem Heath stimmten sie mit drei zu eins gegen den Streik. Doch die Gewerkschaft habe das Ergebnis einfach vom Tisch gewischt. Zwei NUM-Kommissare aus Sheffield hätten die Abstimmungsunterlagen kassiert und den Streik für eröffnet erklärt. Der Betriebsrat habe gehorcht. »Pfeifen«, schnaubt Jim Yates, »sie sind alle Pfeifen.«

Hackett, Knapper und die Yates sind »Schwarzmäuler« - Abkömmlinge von allerbestem Arbeiteradel. Ihre Familien leben seit drei Generationen vom Bergbau. Sie sind Gewerkschaftsmitglieder wie ihre Väter und ihre Großväter. Aber sie haben ihre Zweifel, daß auch ihre Söhne noch in der Gewerkschaft sein werden.

Sogar Ted McKay, einer der zwei Gewerkschafts-Chefs der nordwalisischen Kohlenreviere, der sich zu den Fundamentalisten der Bewegung zählt, hat zu Mäßigung geraten: »Ich bin für den Streik. Aber es war Wahnsinn, in die Schlacht zu ziehen, solange wir unsere Truppen nicht hinter uns hatten. Dieser Streik kann leicht den Anfang vom Ende unserer Gewerkschaft bedeuten.« Das hofft auch Zechensanierer Ian MacGregor.

Den anderen britischen Gewerkschaften geht es nicht viel besser - auch ohne Streik. Die Dachgewerkschaft TUC ist ideologisch zerrüttet. Seit Ex-Arbeitsminister Norman Tebbit - das »halbdomestizierte Stinktier«, wie Ihrer Majestät damaliger Oppositionsführer Michael Foot ihn einmal nannte - die Gewerkschaftsgesetze gestrafft hat, sind der dritten Macht im Staate über eine Million Mitglieder von der Fahne gegangen - mehr als zehn Prozent ihrer Gesamtstärke. Und ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Machtverlust für die Gewerkschaft bedeutet Machtverlust für die Labour Party. In den meisten der 106 unter dem TUC-Dach angesiedelten Fachgewerkschaften zahlen die Mitglieder zwei Pflichtbeiträge - einen für die »union« und einen für die Partei, die »weite Kirche der Sozialisten«, wie der Labour-Linke Tony Benn sie nennt. Die Gewerkschaften bringen über vier Fünftel der Labour-Einkünfte auf.

Das soll nun anders werden. Darin sind sich die Tories mit der oppositionellen Social Democratic Party einig, die sich - im weitest denkbaren Sinne - gleichfalls als Arbeiterpartei begreift. Die »bread and butter connection« (auf deutsch soviel wie Bratkartoffel-Verhältnis) von Labour und Gewerkschaft zwingt die Labour-Spitze auf Streikkurs.

Zur Eröffnung des Streiks hat Parteichef Neil Kinnock, so heißt es in einer Grußbotschaft, den Genossen »eine Eisenbahnladung Sympathie« rübergeschickt an die Streikfront. Aber es sieht so aus, als wäre der zusammen mit den Kohlewaggons aufs Abstellgleis geschoben worden: Die moderate Hälfte der 24 regionalen NUM-Bosse hat eine gesamtbritische Urabstimmung gefordert. Und seit eine Umfrage ergeben hat, daß fast 90 Prozent aller britischen Gewerkschafter diese Forderung unterstützen, ist auch Kinnock dafür.

Aber Arthur Scargill und seine Rotgardisten wehren sich gegen solche plebiszitären Faxen - weil sie in Kenntnis der Stimmungslage unter ihren Knappen selbst nicht im Ernst daran glauben, daß sie eine Chance haben, die vorgeschriebenen 55 Prozent zu erreichen.

Scargill sagt, der Vater des Junghauers David Jones, den Mitte März beim Picketing vor Zeche Ollerton der Herzinfarkt traf, habe ihn beschworen, sich nicht der Unternehmerwillkür zu beugen. Und dies sei ein heiliges Vermächtnis.

Die Streikfrage hat ganze Bergarbeiterfamilien gespalten. Pro oder Contra ist dabei vorwiegend eine Frage der sozialen Perspektive, zum Beispiel für die Cairns-Brüder bei Stoke-on-Trent. Patrick, der Älteste, hat einen sicheren Job auf Zeche Hem Heath, in die die Regierung gerade erst 14 Millionen Pfund investiert hat. Er macht inklusive Prämien fast 200 Pfund (750 Mark) netto die Woche. Er ist gegen den Streik.

Sein Bruder Joe ist auch dagegen. Er arbeitet als Hauer - wenn auch für weniger Geld - auf Zeche Holditch, die mindestens noch fünf Jahre vor sich hat.

Bill, der Jüngste, war einer der Ersten, als die Gewerkschaft zum Picketing rief. Er hat einen der 400 Jobs auf Zeche Wolstanton, die angeblich aus Kostengründen gestrichen werden sollen.

Sein Bruder George steht auf Streikposten vor Zeche Silverdale, obwohl sein Arbeitsplatz gesichert ist. Er gehört zu den Ausnahmen.

»Die Kohlebehörde gibt Zechen auf, die noch lange nicht am Ende sind«, sagt George Cairns. Die Silverdale-Grube, in der er arbeitet, sollte schon 1962 dichtgemacht werden, weil sie nicht mehr rentabel war. Aber dann steckte die Kohlebehörde nochmal ein paar Millionen in die Erschließung neuer Flöze. Heute arbeitet Silverdale wieder mit Gewinn. Und

so, meint George, könnte es vielen Zechen in Großbritannien gehen.

Frau Thatchers nationaler Kohlen-Direktor MacGregor und die Gewerkschaft sind sich darüber einig, daß Großbritannien im Jahr 2000, wenn das Nordseeöl nicht mehr sprudelt, dreimal soviel Kohle brauchen wird wie heute. Sie können sich nur nicht darüber verständigen, ob die Förderung bis dahin langsam gesteigert, oder ob sie erst herunter- und dann bei Bedarf wieder raufgefahren werden soll.

MacGregor ist ein kompromißloser Marktwirtschaftler, einer der Väter der Blut-Schweiß-und-Tränen-Kur, mit der die Konservativen unter anderem die Automobilproduktion von British Leyland wieder in Schwung gebracht haben. Bei British Steel sind »Big Old Macs wilder Schlächterei«, wie Scargill das Sanierungsprogramm umschreibt, 80 000 Arbeitsplätze sowie das Machtmonopol der Stahlarbeitergewerkschaft zum Opfer gefallen.

Mit dem gleichen Rezept will er nun auch den Bergbau kurieren, der den britischen Steuerzahler dieses Jahr 600 Millionen Pfund Sterling an Subventionen kostet. In den Gruben von Nord-Nottinghamshire, wo die Tonne Fettkohle knapp vier Pfund Gewinn abwirft, will er die Förderquoten durch Investitionen aufbauen. In Schottland und Süd-Wales, wo die Kohlebehörde pro Tonne über zehn Pfund zuschießt, will er sie abbauen.

Seit der Mensch im Kollektiv nach Kohle gräbt, sind Zechenschließungen in Britannien periodisch wie das Island-Tief und die Gartenparty der Königin. Irgendwann ist jedes Flöz mal soweit ausgekohlt, daß sich der Abbau nicht mehr lohnt. Wenn die Grube leer ist, wird sie zugemacht. Selbst die hartgesottensten Anachronisten der Gewerkschaftsbewegung dachten stets ökonomisch genug, um das einzusehen - nur Arthur Scargill nicht.

Die Befähigung des Arbeiterführers Scargill zur Einsicht in höhere Notwendigkeiten wird beeinflußt, wenn nicht blockiert von seiner Überzeugung, er müsse das Volk der Briten unbedingt zum Sozialismus führen. In einem Artikel für den »Morning Star« schrieb er, dieser Streik sei kein gewöhnlicher Arbeitskampf, sondern Klassenkampf.

Arthur Scargill steht, obwohl dem Arbeiterstand längst entwachsen, mit beiden Beinen fest in der Tradition der guten, alten »union«, die für das Recht auf die historische Teepause ganze Fabriken in Grund und Boden streikte.

Den ostdeutschen FDGB und die sowjetischen »Berufsorganisationen« hält er für legitime Vertreter von Arbeiterinteressen, die polnische Gewerkschaft »Solidarnosc« dagegen für ein Werkzeug des Imperialismus. Vergangenes Jahr erklärte er den Austritt der NUM aus dem Internationalen Bergarbeiterverband und bereitete die Gründung einer neuen Arbeiterorganisation vor, der außer Ostblockgewerkschaften nur noch die Mineure der französischen kommunistisch gelenkten Gewerkschaft CGT angehören.

Scargill, so sagte letztes Jahr im September der exil-polnische Bergarbeiter Richard Czubkowski von Zeche Ollerton in Nottinghamshire einem Reporter, gehöre nicht in die NUM-Zentrale, sondern in den Kreml.

Wenn Arthur Scargill in seinem 4,2-Liter-Dienstjaguar mit Chauffeur von Picket line zu Picket line eilt, träumt er vom ganz großen Streik wie dem von 1974, der den konservativen Premier Edward Heath um sein Amt brachte. Nach seiner Wahl zum NUM-Chef im Jahre 1981 sagten britische Zeitungen, Scargill erwarte »Gewalt auf den Straßen und das Auftauchen einer paramilitärischen Kraft im Gefolge des Sieges der Konservativen«. Nach dem erneuten Wahlsieg von Frau Thatcher im Juni 1983 kündigte er im Fernsehen an, die »Plutonium-Blondine« in Downing Street müsse auf außerparlamentarischem Wege zu Fall gebracht werden.

Und diesen Moment hält er nun für gekommen. Ausgerechnet jetzt, da es im Gewerkschaftsbau überall knackt und knistert und Teile der britischen Industrie mit einigem Schwung aus den roten Zahlen dampfen. »Das Elend mit Arthur«, so sagte neulich ein prominenter britischer Kommunist zur Londoner »Times«, liege darin, »daß sein Ego und sein Hirn nicht zueinander passen.«

Arthur Scargill scheren solche Anwürfe nicht. Denn er ist bis zum Jahr 2004 gewählt. Und einen so krisenfesten Job hat sonst keiner in der ganzen Branche.

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