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Revolutionäres Handwerk

Die von ihm entwickelten Techniken zur Konservation toter Körper machten Gunther von Hagens zum »Erfinder der Plastination«.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Um aus seinen »Gruselleichen« »postmortale Prachtstücke« zu kreieren, wendet Gunther von Hagens in der Regel drei verschiedene Techniken an.

Bei der »flexiblen Plastination« wird - vereinfacht gesagt - einem toten, sezierten Körper zuerst in einem Aceton-Bad bei minus 20 Grad das Wasser entzogen und gegen das Lösungsmittel Aceton ausgetauscht. Anschließend wird die mit Aceton voll gesogene Leiche in eine Vakuumkammer gelegt, aus der langsam die Luft gepumpt wird. Durch das verdampfende Lösungsmittel entsteht ein Unterdruck im Präparat, der flüssigen Silikonkautschuk in die Zellen saugt.

Ist die Leiche mit dem Kunststoff durchtränkt, folgt die wunschgemäße »Positionierung« der Körper - mit Hilfe von Spannrahmen, Nylonschnüren, Klemmen und Gewichten; einzelne Muskeln oder Nervenstränge werden zusätzlich mit Stecknadeln oder Schaumstoffstückchen in Form gebogen. Nach Entfernung des überschüssigen Kunststoffs härten die Exponate dann aus und sollen ewig haltbar, trocken und geruchslos sein.

Bei schlechter Verarbeitung jedoch kann es passieren, dass menschliches Fett im Gewebe bleibt, das später aus Hagens' Leichenskulpturen heraustropft und das ästhetische Empfinden des Plastinators stört. Denn »vor allem die Ganzkörper-Plastination«, lässt Meister Hagens seine Ausstellungsbesucher wissen, sei »eine intellektuelle und bildnerische Leistung, bei der man das Ergebnis schon zu Beginn vor dem inneren Auge haben sollte, wie der Künstler die Statue«.

Die Herstellung von »Scheibenpräparaten« dagegen ist eher solides Handwerk. Leichen oder einzelne Organe werden - wie oben - zunächst mit Aceton behandelt, dann aber schockgefrostet. In diesem Zustand können sie bequem in 3,5 Millimeter (Gehirne) oder 5 Millimeter (Bäuche) starke Tranchen geschnitten werden, bevor die übliche Behandlung in der Vakuumkammer folgt, wobei statt des flexiblen Silikonkautschuks transparentes, hartes Epoxidharz ins Präparat gepumpt wird.

Ähnliche Techniken werden von Anatomen bereits seit mehr als 90 Jahren angewandt, wie die nach dem Leipziger Anatom Werner Spalteholz benannten Präparationen im Dresdner Hygiene-Museum. Aber selbst seine Kritiker gestehen Hagens zu, er habe mit seinen Methoden diesen Zweig der Medizin revolutioniert.

Hagens' derzeitige Lieblingsmethode ist die so genannte Korrosion. Dafür benötigt man äußerst »frische« Leichen, denen der Kunststoff sozusagen direkt in die Blutgefäße gespritzt werden kann.

Derartig präpariert, werden die Körper dann oft über Monate in ein Bakterienbad getaucht, bis Fleisch, Fett und Haut aufgelöst sind. Übrig bleiben nur Knochen und das vorbehandelte Adersystem.

Vorherige Experimente mit Käfern dagegen hatten nicht zum gewünschten Ergebnis geführt: Die Insekten waren zu gefräßig.

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