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GLÜCKSSPIELE Revolutionäres Prinzip

Eine neue Variante des Kettenbriefes grassiert: der »Goldkreis«. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Bei »White Lady« und »Orange Dream«, den modischen Cocktails der Hamburger Popper-Bar »New York New York«, kamen zwei entfernte Bekannte ins Gespräch. Der eine, Doktorand der politischen Wissenschaft, brauchte Geld. Der andere, ein arbeitsloser Lehrer, hatte einen heißen Tip.

Mit »200 Mark Einsatz«, »Entschlossenheit« und »Vertrauen« ließen sich, so der Vorschlag des Pädagogen, »in ein paar Wochen einige hunderttausend Mark machen«. Der Politik-Student ließ sich überzeugen und war gleich um 200 Mark ärmer.

Auf den in Aussicht gestellten Gewinn wartet er seit Wochen vergebens. Er hat sich auf ein aus den USA stammendes, angeblich wunderbares Geldvermehrungssystem eingelassen: den »Goldkreis«.

So verheißungsvoll wird eine neue, ausgeklügelte Variante der schon vor Jahrzehnten als Scharlatanerie enttarnten Kettenbriefe angepriesen, die seit dem Frühsommer in der alternativen Szene wie in Randbezirken des Bürgertums Furore macht. Beamte und Anwälte spielen mit, vor allem aber Aussteiger und Grüne, Freaks und Flippis: Gerade jene, die sonst mit ihrem distanzierten Verhältnis zu Geld und Wachstum kokettieren, ereifern sich nun über die Frage, was der »Goldkreis« ist: das »Perpetuum mobile der Geldanlage« ("Tageszeitung") oder »Beschiß am Letzten« (Kölner »Stadt-Revue")?

Daß der »Goldkreis« zum Sommer-Hit der Szene geworden ist, liegt vor allem an der besonderen Art der Verbreitung. Während herkömmliche Kettenbriefe anonym per Post vertrieben werden, basiert die neue Variante auf persönlicher Ansprache. Und die kommt stets von einem Bekannten, der laut »Goldkreis«-Text »DM 200 investiert« und damit seine »absolute Überzeugung« dokumentiert hat, »daß das Konzept erfolgreich ist«.

»Goldkreis«-Fans wie die 39jährige Photographin Karin loben denn auch neben den Gewinnchancen vor allem den psychologischen Effekt des Spiels: »An 'Goldkreis' ist mir sehr bewußt geworden, daß es für mich darum geht, mich einzulassen. 'Goldkreis' kann nur funktionieren, wenn sich die Beteiligten einlassen und wenn sie Vertrauen haben, daß andere sich auch einlassen. Das ist wie früher, als ich als Linke an die Revolution glaubte.«

Das revolutionäre Prinzip ist einfach: Für 100 Mark erwirbt der Interessent eine Spielanleitung und eine zwölf Namen enthaltende Adressenliste. Weitere 100 Mark schickt er, in Anwesenheit des Verkäufers, an die auf Nummer eins rangierende Anschrift: »Auf diese Weise«, so die »Goldkreis«-Autoren, »kann jeder Beteiligte überzeugt sein, daß das Geld abgeschickt worden ist.«

Danach streicht der neue Mitspieler die erste Adresse und setzt seine eigene Anschrift an die freigewordene zwölfte Stelle.

Er photokopiert Spielanleitung und Namensliste und versucht, seinen Einsatz zurückzuerhalten, indem er das »Goldkreis«-Paket weiterverkauft - an zwei »verantwortungsbewußte Personen, von denen Sie wissen, daß sie den Instruktionen ohne Zögern folgen werden«.

»Durch Ihre beiden Nächsten«, so die Spielanleitung, »stehen Sie 2x auf Platz 12. Wenn Ihre Nächsten die Liste neu formieren und weitergeben, sind Sie 4x auf Platz 11.« Beim »nächsten Schritt«, verspricht die sechsseitige Schrift, »sind Sie 8x auf Platz 10« und, immer so weiter, schließlich die »Nr. 1 auf 4096 Listen«.

Auf diese Weise wäre der Erfolg gar nicht zu vermeiden: »Wenn nun 4096 Personen das Konzept an je 2 Personen verkaufen, wird jede dieser dann 8192 Personen Ihnen DM 100 zustellen, weil Sie in diesem Moment an 1. Stelle stehen. 8192 x 100 = DM 819200,-!«

Die Rechnung stimmt zwar, aber sie geht nicht auf.

Das Schneeballsystem, bei dem sich die Zahl der Mitspieler in jeder Runde verdoppelt, stößt schnell an demographische Grenzen. Wer auf 8192 Listen als Nummer zwölf stünde, hätte kaum noch Chancen auf den großen Gewinn. Damit auch diese Zwölfer allesamt auf den ersten Platz gelangen und der Postbote das viele Geld ins Haus brächte, müßten 33554432 Spieler mitmachen, die ihrerseits nur zu Geld kämen, wenn es auf der Erde rund 137 Milliarden Mitspieler gäbe.

Verdienen können mithin nur die unbekannten Initiatoren des Spiels, die von Beginn an dabei sind. Je später ein Mitspieler den »Zwölf Aposteln der Knete-Kirche« ("Stadt-Revue") beitritt, desto geringer ist seine Aussicht auf Gewinn. Und: Kein »Goldkreis«-Zocker weiß, wie lang die Kette schon ist, an die er sich legen läßt.

Diese Erkenntnis hat mancherorts schon dazu geführt, daß sich der »Goldkreis« nicht mehr versilbern läßt. Und zum finanziellen Risiko der Spieler, das spricht sich allmählich herum, kommt noch ein juristisches: »Wer ohne behördliche Erlaubnis öffentliche Lotterien veranstaltet«, droht Paragraph 286 des Strafgesetzbuches, »wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.«

Daß der »Goldkreis« als unerlaubte Lotterie einzustufen ist, stellte Ende Juni erstmals das Amtsgericht in Siegen fest. Dort war das Spiel laut Gericht »in Lehrer-, in Journalisten- und in Beamtenkreisen« betrieben worden. »Auch Rechtsanwälte« sollen mitgemacht haben, »soweit bekannt ehrenwerte Leute«.

Der Angeklagte, ausgerechnet ein Mathematiklehrer, wurde freigesprochen. Da auch Juristen mitgespielt hatten und es zum speziellen »Goldkreis«-System noch kein obergerichtliches Urteil gibt, wurde dem Beschuldigten ein »Verbotsirrtum« unterstellt - er habe nicht wissen können, daß sein Tun strafbar sei. Hätte der Angeklagte, befand Richterin Rosmarie Klier, »zehn Rechtsanwälte um Rat gefragt«, hätte er nur widersprüchliche Rechtsauskunft bekommen, aber »fünf Käufer für das Spiel gefunden«.

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