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PERSONALIEN Richard Milhous Nixonv, Gustav Heinemann, Erich Mende, Grischa Barfuss, Alfons Geppel, Friederike, griechische Königin Mutter, Maddalena Kerrh, Karl Kelle Riedl

aus DER SPIEGEL 6/1971

Richard Milhous Nixon, 58, Amerikaner, ist aktiver, als seine Gegner glauben -- behaupten Statistiker des Weißen Hauses. Als Beweisstück Nummer eins präsentierten sie eine Aufstellung, nach der Amerikas 37. Regierungschef in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit mehr als 150mal mit Gouverneuren konferiert, 185 000 Meilen gereist, 17 ausländische Staaten besucht, 776 Gesetzesvorlagen unterzeichnet, 131 Bekanntmachungen und 121 Verfügungen herausgegeben sowie annähernd 6000 Telegramme verschickt habe. Auch seiner Pflicht als Weißer-Haus-Herr sei Nixon im großen Stil nachgekommen: Er habe bei 132 offiziellen Dinners 13 000 Gäste begrüßt und weitere 40 000 Personen zu Frühstücks- oder Tee-Empfängen geladen. Beweisstück Nummer zwei: ein regierungsamtliches Photo (l.), das vom Weißen Haus herausgegeben wurde und den Titel trägt: »Langer Tag im Büro«.

Gustav Heinemann, 71, Bundespräsident, erhielt »soviel Post wie nie zuvor« (Präsidialamts-Sprecher Geert Müller-Gerbes). Nach seiner TV-Rede zum 100. Jahrestag der Reichsgründung, in der sich Heinemann kritisch mit dem Bismarck-Reich auseinandergesetzt hatte, kamen 500 Briefe, Telegramme und Telephonanrufe. Die Hälfte der Schreiber und Anruf er warf dem Präsidenten mangelndes Nationalbewußtsein vor (etwa: »Sie haben den größten Deutschen mit Füßen getreten"). Bei den übrigen fand die Heinemann-Rede -- so Müller-Gerbes -- »begeisterte Zustimmung«. Ein ehemaliger SS-Mann und NPD-Anhänger aus Süddeutschland bekannte am Telephon, die Ansprache habe ihn »völlig umgeschmissen«, so daß er sein »falsches Engagement« einsehe. Heinemann war von dieser Einsicht nicht überrascht: »Nazis sind -- wie die Erfahrung zeigt -- belehrbar, nicht aber Deutsch-Nationale.«

Erich Mende, 54, vormals FDP -- derzeit CDU-MdB, gefällt sich als Märtyrer. Beim FDP-Parteitag im Juni letzten Jahres hatte sich der von Linksliberalen Angegriffene mit dem -- 1969 gestürzten -- tschechoslowakischen KP-Chef Alexander Dubcek verglichen. Beim CDU-Parteitag letzte Woche in Düsseldorf charakterisierte der Partei-Pendler seine derzeitige Situation so: »Ich komme mir vor wie ein deutscher Jude 1939 -- vom »Stern' verfolgt.«

Grischa Barfuss, 53, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein und zeitweiliger (1946 bis 1952 und 1958) Zeitungsredakteur, weiß besser als seine ehemaligen Kritiker-Kollegen, »was gut und was weniger gut ist«. In einer Bekanntmachung am Schwarzen Brett des Düsseldorfer Opernhauses versicherte der frühere Theater- und Musik-Experte westdeutscher Lokalblätter seinen Mitarbeitern, daß die Kritik »eines Teils der Presse« an der »Mahagonny« -Inszenierung der Rhein-Oper »nicht im geringsten etwas zu bedeuten hat«, denn »seit alters her sind es zwei Paar Schuhe, etwas zu machen und über etwas urteilend zu parlieren«. Barfuss aus Erfahrung: »Das erste ist verdammt schwer. Das letztere läßt sich wesentlich leichter tun.«

Alfons ("Fonsä") Geppel, 65, Bayern-Regent, ist »froh, daß wenigstens im Radio unsa Bayernliad gspuit werd«. In einem Brief an den Industriemeister Heinrich Brenner, 49, in Marktredwitz, der ihm in einem »humorvollen, in schönstem Bayerisch gehaltenem Schreiben« (Bayerische Staatskanzlei) vorgeschlagen hatte, die »Bayernhymne« nach jeder Nachrichtensendung des heimatlichen Rundfunks abspielen zu lassen, lobte der CSU-Ministerpräsident: Es sei erfreulich, daß »oana« noch etwas für Heimat und Hymne übrig habe, »bloß moant hoit i, daß doch z'vui waar, wenn mas glei noch alle Nachrichten spuin taat Schlieaßli is a so a Hymne ja wos Feierlichs«. Im Fernsehen sei die Chance des Bayernliedes im übrigen gleich Null. Goppel: »Weil ja do meistens a andara Sender dro ist ois win München.«

Friederike, 53, griechische Königin-Mutter im römischen Exil, soll aus der griechisch-orthodoxen Kirche ausgestoßen werden. Die Heilige Synode wird am 11. Februar über einen Antrag des nordmazedonischen Bischofs Augustinos aus Florina auf Exkommunikation der Witwe entscheiden. Grund: Als damalige Regentin soll Friederike 1961 dem US-Journalisten Cyrus Sulzberger gesagt haben, es interessiere sie nicht, ob Christus jemals existierte, und: die Geistlichen ihres Landes seien »schlecht«. Augustinos in seinem Blatt »Spitha« ("Funke"): Friederike sei nicht mehr gläubig und habe den griechischen Geistlichen Unrecht getan. Der Bischof fragte, ob sie nach diesen »gotteslästerlichen Äußerungen« noch im »Polychronion« (dem obligatorischen Gebet für die Königsfamilie) als »die Gottesfürchtigste« bezeichnet werden könne.

Maddalena Kerrh, 32, Bühnen-Aktrice, sorgte für Wandel durch Annäherung. Weil ihr Ehemann und Mitspieler Karl Kelle Riedl, 43, beim 105-Minuten-Spiel »Narr und Nonne« in seinem Münchner »Off-Off-Theater« während einer Strip-Szene gefesselt war (1. Photo), mußte er hilflos zusehen, wie zwei »nette, junge Männer« (Riedl) aus dem Publikum seiner Frau beisprangen und »sie bis zum Nabel auszogen«. Hilfe-Schreie quittierte das Publikum »mit Beifall«, weil »die dachten, es gehört dazu«. Auch die Ensemble-Mitglieder griffen nicht ein. Riedl: »Die hielten das für einen genialen Werbe-Gag, denn der Laden war bummsvoll.« Damit sich jedoch »die Leute nicht jeden Abend animiert fühlen, herumzufummeln« » entschied das Schausteller-Paar »auf beiderseitigen Wunsch«, das Textbuch zu ändern und die Fessel-Szene vorzuverlegen. Beim Strip assistiert der »off-Off«-Chef seitdem eigenhändig (r. Photo). Mutmaßte Riedl: »Bei uns könnte einer erstochen werden, und die Zuschauer meinen, es gehört dazu.«

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