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NATO / VERTEIDIGUNG Richelieus Geist

aus DER SPIEGEL 44/1965

Präsident Johnson lag frisch operiert im Bethesda-Hospital; Kanzler Erhard lag in Koalitions-Wehen; Präsident de Gaulle ließ zum Generalsturm gegen seine Alliierten blasen.

Angesichts der Maladen in Washington und Bonn zerriß der Cheffranzose den Schleier, mit dem er seit Jahren Frankreichs Forderungen für eine Reform des westlichen Bündnissystems verhüllt hatte. Seit der letzten Woche ist klar, daß de Gaulle die Nato in ein maßgeschneidertes zweiteiliges Komplet gaullistischer Haute Couturé zerlegen will.

Vor über einem Jahr hatte der General sein Außen- und Verteidigungsministerium beauftragt, die gaullistischen Bündnis-Visionen zu Papier zu bringen. Da der Generals-Präsident seine Ansprüche laufend steigerte, mußte -der Text von den Experten immer wieder umgearbeitet werden. Jetzt hielt de Gaulle die Zeit für die Veröffentlichung der vorläufigen Endfassung herangereift. Er wählte dafür die dem Quai d'Orsay nahestehende offiziöse Zeitschrift »Politique Etrangère«. Die französischen Vorschläge:

- Die Westeuropäer sollen ihre Streitkräfte unter französischem Oberbefehl integrieren ... ohne Verfügungsgewalt über die französische Atomstreitmacht, die allein Frankreich reserviert bleibt.

- Mit den USA sollen die so vereinigten Westeuropäer eine klassische Allianz ohne jede Integration von nationalen Streitkräften oder Stäben schließen.

Für ihre deutschen Freunde formulierten die Franzosen einen Satz von cartesianischer Klarheit: Sie sollen von jeder »Teilnahme an den Entscheidungen über den Einsatz von Atomwaffen ausgeschlossen« werden.

Dafür bietet Frankreich eine Schutzgarantie durch seine Atomstreitmacht, über deren Einsatz aber allein der weise Mann im Pariser Elysee-Palast befinden würde.

Dem amerikanischen Partner hatte de Gaulle selbst schon früher verkündet, was er zu erwarten hätte. Auf seiner Pressekonferenz am 9. September forderte de Gaulle, die Unterordnung unter die Amerikaner, »als Integration bekannt«, müsse »allerspätestens 1969« wenn der gegenwärtige Nato-Vertrag abläuft - aufhören.

Als US-Staatssekretär George Ball Anfang September nach Paris kam, verlangte de Gaulle die Unterstellung der US-Stützpunkte in Frankreich unter französisches Kommando. Französische Diplomaten bekundeten gegenüber westlichen Kollegen immer deutlicher, die Anwesenheit der amerikanischen Truppen in Europa sei überflüssig, die Existenz autonomer US-Militärbasen und integrierter Nato-Stäbe auf französischem Boden unerträglich.

Die Insassen des Nato-Palastes an der Pariser Porte Dauphine und der von US-General Lemnitzer kommandierten Shape-Zentrale in Rocquencourt bei Paris wurden, monatelang durch Gerüchte- über eine angeblich bevorstehende Kündigung der Gebäude mit nachfolgender Austreibung der Fremdlinge aus dem Franzosenland unter wohldosiertem Druck gehalten.

Nach der Enthüllung der Detailvorstellungen des Generals in Paris wehte den Europäern letzte Woche erstmals wieder der Geist des Kardinals Richelieu entgegen, der Frankreichs Hegemonie über das Europa des 17. Jahrhunderts begründete, und der Eiswind von der Seine zerblies lang gehegte Illusionen:

Nichtfranzösische Gaullisten hatten geglaubt, de Gaulle wolle nur demontieren und desintegrieren. Jetzt sehen sie: Er will herrschen.

Die mit der Kabinettsgeburt beschäftigten Deutschen beharrten dennoch untätig. - Der kranke Präsident Johnson entschloß sich aber, den Pressionen de Gaulles endlich den Boden zu entziehen:

Er beauftragte das State Department und das Pentagon festzustellen, unter welchen Umständen eine Verlegung der Nato-Einrichtungen und der US-Nachschubbasen (die mit insgesamt 30 000 amerikanischen Soldaten bemannt sind) aus Frankreich in andere europäische Länder möglich sei.

Die Meinung unter den Experten war bisher geteilt. Während eine Verlagerung des Nato-Hauptquartiers nach Südengland durchaus möglich scheint - die Bundesrepublik kommt nicht in Frage, weil die Bündnis-Befehlszentrale dann im Ernstfall in direkter Schußlinie der Russen läge -, meinten Pentagon-Strategen, vom militärischen Effekt her gesehen wäre »eine Nato ohne Frankreich dasselbe wie eine Nato ohne Nat - nämlich eine Null« ("U.S. News & World Report").

Doch trotz der strategischen Bedenken, die einer Nato ohne Hinterland entgegenstehen, und trotz der riesigen Kosten einer Umgruppierung (Mindestschätzung: 20 Milliarden Mark) zieht der US -Präsident die Unannehmlichkeiten eines Auszugs aus Frankreich einem verdrußreichen Untermieterdasein beim Hausherrn de Gaulle vor.

Ehe er seine Entscheidungen verkündet, will der US-Präsident das Problem allerdings noch mit einem Gast besprechen: mit Ludwig Erhard, der im November zu seinem vierten Gespräch mit Lyndon B. Johnson nach Washington fliegt.

Chicago Sun-Times

»Warum bleibt ihr Amerikaner immer da,

wo man euch nicht haben will?«

Nato-Hauptquartier in Paris: Ohne Nat eine Null

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