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TODESSCHUSS Richtig drauflos

Das Ende des Münchner Geiseldramas demonstrierte den Hinrichtungscharakter des »finalen Rettungsschusses«. Die katholische Kirche sanktionierte die Todeskugel: »Ethisch gerechtfertigt.« *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Der Geiselgangster wollte Frühstück machen, und fast alles, was der arbeitslose Heizungsinstallateur Werner Bloy, 45, dazu begehrte, hatte er auch schon bekommen: vier Semmeln mit Wurst und Käse, zwei Schachteln Marlboro und eine Sonntagszeitung.

Die Ware nahm seine Geisel, die kaufmännische Angestellte Petra Hofmeier, 23, über eine Fensterbrüstung seiner Parterrewohnung in München-Schwabing, Winzererstraße 178, entgegen - der Täter trat zunächst nicht in Erscheinung.

Erst als endlich die bestellte Flasche Limonade nach einiger Verzögerung zum Fenster hinaufgereicht wurde schob der Geiselnehmer, offenbar ungeduldig geworden, den Vorhang zur Seite - und geriet ins Visier eines Polizei-Präzisionsschützen, der Bloy aus etwa vierzig Metern Entfernung mit einem gezielten Kopfschuß sofort tödlich traf.

Ein »finaler Rettungsschuß«, so der Polizei-Terminus für den Todesschuß, beendete am vorletzten Sonntag das Schwabinger Geiselverbrechen, das 38 Stunden zuvor als Eifersuchtsdrama begonnen hatte.

Der Täter wollte seine ehemalige Freundin ursprünglich zu einer »letzten Aussprache« bewegen, bedrohte die Widerspenstige aber alsbald mit einer Mauser-Pistole und entführte sie in sein Appartement am Olympiapark. Für ihre Freilassung forderte Bloy von der Polizei, die ihn zeitweilig mit mehr als 200 Beamten belagerte, eine Million Mark und ein Fluchtauto mit Chauffeur.

Polizei und Staatsanwaltschaft werteten die gezielte Lösung des Kriminalfalles als »einzige Möglichkeit« gegenüber einem »wild entschlossenen« und »zu allem bereiten« Täter. Sogar das Erzbischöfliche Ordinariat in München beeilte sich, den Todesschuß zu sanktionieren.

Er sei »ethisch gerechtfertigt«, solange es sich »nicht um einen Akt der Schnelljustiz, sondern um einen Akt der Notwehr handelt«, bei dem »unschuldiges Menschenleben nicht anders als durch gewaltsame Ausschaltung des Täters gerettet werden kann«.

Sogar die alternative »Tageszeitung« zeigte Verständnis. Das staatliche Gewaltmonopol habe »dem Schutz des Schwächeren« gedient: »Die übliche Verurteilung der Konfliktlösung durch polizeiliche Mittel wird schwerfallen.«

Gezielte tödliche Schüsse auf Geiselgangster sind keine Seltenheit seit der Ballerei in der Münchner Prinzregentenstraße im Sommer 1971. Damals als die Polizei es mit einer Kombination aus Bankraub und Geiselnahme zu tun hatte, war neben dem Bankräuber Georg Rammelmayr auch eine Geisel getötet worden, weil der Täter noch fünfmal zurückfeuern konnte, ehe er starb.

In Hamburg benötigte die Polizei, drei Jahre später, noch acht Schüsse, um einen Bankräuber, der seine Geisel mit einem Messer bedroht hatte, vor einer Commerzbank-Filiale im Stadtteil St. Georg zu erledigen. Die Schützen hielten sich an die Devise ihrer Polizeiführung, das »Problem an Ort und Stelle zu lösen« - eine Vorgabe, auf die sich später auch die Experten der Innenministerkonferenz (IMK) einigten.

Obschon in mindestens zwei spektakulären Fällen in Köln (1971) und Trier (1972) offenkundig geworden war, daß sich durch geschicktes Eingehen auf Flucht-Forderungen Todesschüsse vermeiden lassen, postulierten die IMK-Spezialisten, daß »Rundreisen« zu vermeiden seien und die Entscheidung »am ersten Tatort gesucht« werden solle.

Schnelle und vorschnelle Schießentscheidungen zielten seither keineswegs nur auf schwerbewaffnete Kidnapper. Im März 1983 erwischte es in Augsburg einen 19jährigen alkoholisierten Autofahrer. Bei einer Verfolgungsjagd gaben die Polizisten mindestens 22 Schüsse ab. Die Beamten trafen keinen einzigen Autoreifen, aber den jungen Mann - tödlich.

Im selben Monat ereigneten sich drei ähnliche Fälle. Ein Hamburger Zivilfahnder erschoß einen 18jährigen, der sich nachts auf einem Parkplatz verdächtig gemacht hatte. In Ötisheim bei Pforzheim wurde ein 21jähriger Autodieb, ein Türke, der sich aus einem Versteck mit einer Schreckschußpistole wehrte, durch einen gezielten Schuß auf sein Mündungsfeuer exekutiert. In Gauting bei München kam der Schüler Jürgen Bergbauer, 14, ums Leben, weil ein Beamter den Buben für einen gefährlichen Einbrecher hielt und ihn sofort erschoß.

Die bayrische Polizei scheint ohnehin dazu zu neigen, scharf zur Sache zu gehen. Im Januar vorletzten Jahres etwa stürmten Beamte das Separee einer anrüchigen Nachtbar in der Münchner Innenstadt und erschossen einen Bargast, der eine Animierdame mit einer _(Winzererstraße 178 in München; oben: ) _(zerschos sene Fensterscheibe. )

Schreckschußwaffe bedroht haben soll. Und Anfang letzten Monats stoppten Streifenbeamte im Stadtteil Moosach den finnischen Ingenieur Markku Soucka, 27, der einen Passanten auf offener Straße ohne ersichtlichen Grund überwältigt und in ein fremdes Auto gezerrt hatte. Weil der Täter damit drohte, seine Geisel zu erstechen, fackelten die Polizisten nur eine Stunde - dann wurde die Geisel »durch einen gezielten Schuß befreit« (Polizeibericht).

Dieser »finale Rettungsschuß« auf einen offenkundig Geistesgestörten und, wie sich herausstellte, Suchtkranken erregte weit weniger Aufsehen als das Finale im Schwabinger Geiseldrama zu Allerheiligen und Allerseelen. Die Erschießung des Werner Bloy, aufgezeichnet von einem Amateurfilmer, wurde zum Wochenend-Schaustück für Millionen - Hauptdarsteller: eine hübsche Millionärstochter als Kidnapping-Opfer, ein rabiater Geiselgangster, der sechsmal ziemlich scharf auf Reporter ballerte und drohte: »Ich komm'' hier nicht mehr lebend raus, mein Leben ist mir egal. Petras auch.«

Zum erstenmal allerdings wurde in München einem breiten Publikum auch der Hinrichtungscharakter des gezielten Todesschusses vorgeführt, den lediglich die Bundesländer Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz - analog zum Musterentwurf der Innenministerkonferenz - in ihre Landes-Polizeigesetze übernommen haben. Alle anderen Bundesländer lehnten und lehnen die Regelung, die den Todesschuß über das Notwehr- und Nothilferecht hinaus in den Rang eines staatlichen Hoheitsakts erhebt, konsequent ab.

»Wir haben«, begründete ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums diese Haltung, »den Todesschuß nicht eingeführt, weil die im Grundgesetz abgeschaffte Todesstrafe nicht auf dem Umweg über eine gesetzliche Fixierung des Todesschusses wieder eingeführt werden darf.«

Die Kritiker geben zu bedenken, daß das Bemühen der Befürworter, schießende Beamte durch eine sichere Rechtsgrundlage zu entlasten, zugleich eine psychologische Barriere beseitigen könnte. »Die Hemmungen werden abgebaut«, warnte der Kölner Strafrechtler und ehemalige Hamburger Justizsenator Ulrich Klug, »und erst mal wird richtig drauflosgehandelt.«

Gegner der Todesschuß-Ermächtigung argumentieren überdies, die Regelung sei überflüssig: Polizeibeamte dürften ohnehin schießen, wie alle Bürger, sofern sie sich in einer Notwehrsituation befinden oder Gefahr für Leib und Leben eines anderen abwenden wollen.

Die Kritiker des gesetzlich verbrieften Finalschusses wollen es bei dieser Rechtslage denn auch belassen - obgleich sie schon mal dazu führen kann, daß ein leichtfertiger Todesschütze vor Gericht gestellt wird.

Winzererstraße 178 in München; oben: zerschos sene Fensterscheibe.

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