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Phänomene Richtig geknackst

Rätselhafte Kreise im Korn wurden erstmals auch in Deutschland gesichtet. Die Ufologen jubeln.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Es war frühmorgens um sechs in Schleswig-Holstein. Während die Schwalben auf den Telefonmasten noch die Qualität der diesjährigen Fliegen diskutierten, fuhr Bauer Möller zu seinen Feldern, auf denen sichtbarlich der Segen des ackerbauenden Fleißes lag: Das Getreide stand gut in der Gelbreife, pralle Ähren überall, kaum ein Halm mit Schmachtkörnern.

Doch plötzlich, inmitten des im Winde wogenden Weizens, erblickte der Landmann, was bis dahin in Deutschland noch keiner gesehen hatte: einen jener geheimnisvollen Kreise im Korn, die stets über Nacht entstehen und bislang vornehmlich im Süden Englands beheimatet waren.

Ihr Deutschland-Debüt gaben die Ringe Mitte vorletzter Woche nahe dem Weiler Felm. Zwei Tage später schon gastierten sie 40 Kilometer nördlich, in der Umgebung des Ostseebades Damp. Letzte Woche dann überschlugen sich die Meldungen, fast jeden Tag ein neues Loch, Dienstag in Niedersachsen, Mittwoch in Sachsen-Anhalt, Donnerstag in Hessen.

Hans-Günther Möller gelang es noch, sich des Ansturms landfremder Menschen zu erwehren, indem er und sein Sohn an der einzigen Zufahrtstraße zu dem Acker Wache hielten. »So'n Tünkram, seht zu, daß ihr hier wegkommt«, schleuderte er einem Fähnlein von Wünschelrutengängern entgegen, das die 70 Meter durchmessende Ringspur zu begehen forderte.

Auf dem Feld bei Damp hingegen, wo die unbekannte Macht einen Ring von zwölf Meter Durchmesser in den Weizen geplättet hatte, drängten sich vor allem wochenends die Neugierigen. Aus ganz Norddeutschland, aber hörbar auch aus Brandenburg und Sachsen waren rudelweise Ufologen und anderweitig Bescheuerte angereist - die Hasen der Region ergriffen umgehend das nach ihnen benannte Panier.

So blieb ihnen der Anblick von somnambul einherschreitenden Menschenwesen erspart, die dem Geheimnis des Kreises mittels Pendel und Wünschelrute auf den Grund zu kommen versuchten. »Erhebliche Erdstrahlung«, konstatierte eine busenlastige Brünette, so stark, daß es in ihrem Wunderstöckchen »richtig geknackst« habe. Einige tickerten mit Geigerzählern herum, andere pulten Bodenproben aus dem holsteinischen Mutterboden oder blickten einfach nur sinnend in den Himmel, als hielten sie nach Bewohnern höherer Räume Ausschau.

Es wird die Wundergläubigen kaum irritiert haben, als sich am Freitag eine Banausen-Crew von Kieler Studenten der Jux-Tat öffentlich selbst bezichtigte: Auf Stelzen, erklärten die jungen Leute, seien sie nachts, ohne Spuren zu hinterlassen, ins Damper Kornfeld eingeschlichen, um dort »in weniger als einer Stunde« mit passenden Hölzern das Getreide in Kreisform plattzubügeln.

Vor allem die Korn-Figuration in Niedersachsen kann, was Umfang wie künstlerische Ausgestaltung angeht, durchaus mit ihren Vorbildern in England konkurrieren. 1976 waren dort erstmals Ringe im Getreide gesichtet worden; sie vermehrten sich von Mal zu Mal, bis es in diesem Jahr schier zu einer Invasion der Sommerlöcher kam: Über 400 wurden bislang gezählt, darunter viele, die sich aufs einfallsreichste über die schlichten Grundmodelle von einst hinausentwickelt haben.

Vom Lustigen ("Kreislaufende Igelhorden im Brunfttaumel") über das Erhabene ("Kreuzungspunkte universaler Kraftlinien") bis hin zum Lächerlichen ("Warnzeichen kosmischer Intelligenzen") reicht mittlerweile der Erkenntnishorizont der zahlreichen Kreisforscher aus England, Japan und Amerika.

Das Minimalkriterium der Plausibilität erfüllte einzig jenes Erklärungsmodell, das davon ausgeht, daß die Rotunden durch ionisierte Luftwirbel entstehen; als jedoch im letzten Jahr plötzlich ganze Piktogramme die Felder Südenglands zierten, war die schöne Theorie dahin - denn derart vertrackte Konfigurationen wie die bei Hildesheim ins Korn zu pusten, das vermag nicht einmal die außergewöhnlichste Windhose.

Bis zu 25 Pfund Begehungsgebühr verlangen inzwischen jene englischen Farmer, denen ein gütiges Schicksal so ein Phänomen beschert hat. An Ständen verkaufen sie T-Shirts, Bilder, Bücher und andere Memorabilien von den Kreisen, dazu Cola, Hamburger und die unumgänglichen Fish and Chips.

Ähnlichen Afternutzen, juxte das Kieler Landwirtschaftsministerium, solle auch der deutsche Nährstand aus dem Phänomen der Ringe ziehen: Planvoll und nach englischem Muster betrieben, so Ministeriumssprecher Horst Eger, »könnte das doch zu einer rentierlichen Form der Flächenstillegung führen«.

Am Damper Wunderfeld jedenfalls war schon der erste fliegende Getränkehändler unterwegs - ein Junge mit Kühltasche und Unternehmergeist. Über den Erfolg seiner Bemühungen, sein Taschengeld durch den Verkauf etlicher dem elterlichen Kühlschrank entwendeter Biere auf die erforderliche Höhe zu bringen, mochte er sich allerdings nicht äußern: »Das sag' ich dir nicht, wegen der Steuer.«

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