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Energie Richtig Geld

Hoffnung für klamme Bauern: Powerpflanzen für Kraftwerke sollen auf stillgelegten Äckern wieder Erträge erwirtschaften.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Bauer Wilhelm de Vries hat jetzt ein Handy. Schließlich ist er viel unterwegs und muß dabei erreichbar sein. Mit seinen 59 Jahren könnte de Vries eigentlich auch den Vorruhestand genießen, wie etliche seiner Kollegen das tun. Aber er wollte noch mal etwas Neues anfangen. Etwas Verrücktes: Der Landwirt im mecklenburgischen Hagenow baut Chinaschilf und Pappeln an, für ein Biomassekraftwerk.

Das High-Tech-Kraftwerk in der 13 000-Seelen-Gemeinde südlich von Schwerin ist eines der ersten in Deutschland. Im kommenden Jahr soll es ans Netz gehen - und den Beweis erbringen, daß man mit umweltschonender Energie richtig Geld verdienen kann.

Wer über die Landstraßen rund um Hagenow fährt, stößt unweigerlich auf die Spuren von de Vries: Wo vor kurzem noch verödetes Ackerland brachlag, sprießen jetzt Chinaschilf und Pappelwälder der »Erzeugergemeinschaft für Biomasse West-Mecklenburg«, in der sich insgesamt sieben Bauern zusammengetan haben.

Seit zwei Jahren testen de Vries und seine Kollegen verschiedene Schilfsorten auf ihre Verwendbarkeit. Nur eine Sorte des Chinaschilfs mit dem Namen »Goliath« hat sich als genügsam genug für die sandigen Mecklenburger Böden und als robust genug für die knackigen Winter erwiesen.

Mit einem anderen Gewächs läuft es besser: Auf einem zwei Hektar großen Versuchsfeld stehen Hunderte von Pappeln in strammen Zweierreihen, rund fünf Meter hoch, Stämme dick wie Seemannsarme. »Und die sind erst zwei Jahre alt. Ich bin ganz von den Socken«, sagt de Vries.

Auf seine alten Tage hat der kantige Mecklenburger ein Wunder der Natur entdeckt. Er pflanzt Pappeln an, wie andere Leute Kakteen züchten. Von den Stämmen der Pappeln werden jedes Jahr im Januar die einjährigen Triebe abgeschnitten, in die Erde gesteckt - und nach wenigen Monaten schießt der Nachwuchs. Im dritten Jahr können die Bäume wie mit der Mähmaschine abgeerntet, kleingehäckselt und als Biomasse im Kraftwerk nebenan verfeuert werden.

Zusammen mit Abbruchholz von Baustellen und ausgedienten Spanplatten verbrennt die Biomasse bei rund 1000 Grad Celsius auf speziellen Rosten. Die Hitze bringt eine Fünf-Megawatt-Turbine auf Touren. Der Strom kommt ins örtliche Netz, die Abwärme nutzt ein benachbartes Kartoffelveredelungswerk, um Reibekuchen und Klöße herzustellen.

Ebenso wie beim Verfeuern der fossilen Brennstoffe Öl und Braunkohle wird bei der Verbrennung von Biomasse nur soviel Kohlendioxid freigesetzt, wie vorher beim Pflanzenwachstum der Luft entzogen wurde.

Ökoforscher Manfred Fischedick vom »Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie« glaubt, daß die Biomasseverbrennung bis zum Jahr 2020 rund 10 Prozent des Energiebedarfs decken könnte. Auch das Freiburger Öko-Institut schwärmt von einer »Energiewende«. Das Biomassekraftwerk, sagt der Physiker Rainer Schüle, »dient dem Klimaschutz, stoppt die Ressourcenverknappung und ist weitgehend risikolos«.

Kritischer bewerten Fachleute vom Heidelberger »Institut für Energie- und Umweltforschung« die nachwachsenden Rohstoffe, da in den Monokulturen große Mengen Pestizide und Düngemittel eingesetzt werden. Endgültige Ökobilanzen für die subventionierten Energiepflanzen liegen noch nicht vor.

Das Hagenower Kraftwerk soll auch Holzabfall von Recyclingfirmen verheizen, der bisher auf Deponien gekippt wurde. Nach dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz ist dies künftig verboten. Altholz muß kompostiert, in Energie verwandelt oder - wenn lackiert - gesondert behandelt werden.

Die Anlage in Hagenow wird von der Münchner ESP-GEKO GmbH errichtet. Das erste Biomasse-Kraftwerk arbeitet seit knapp zwei Jahren im bayerischen Sulzbach-Rosenberg, nächstes Jahr ist Spatenstich für ein ähnliches Kraftwerk im mecklenburgischen Feldberg. Die Stadt will Kurort werden und muß ihre Schadstoffemissionen senken, deshalb wird dort ein umweltfreundliches Holzheizkraftwerk gebaut.

Für zahlreiche ostdeutsche Bauern könnte die Produktion von Biomasse die Rettung vor dem drohenden Konkurs bedeuten. De Vries, der zehn Jahre lang der 6400 Hektar großen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft »Breesegard« vorstand, sagt: »Von mei- nen 120 Leuten fahren 60 jeden Tag mit dem Auto Richtung Hamburg und arbeiten da in der Industrie.« Derzeit verdienen nur noch 27 000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Vor der Wende waren es sechsmal so viele.

Die ostdeutschen Äcker eignen sich besonders gut für die neue Art der Energiegewinnung. Zum einen verfügen die Landwirte dort im Durchschnitt über größere Flächen - der Anbau von Energiepflanzen rechnet sich.

Zum anderen stehen in den neuen Ländern zahlreiche Kohlekraftwerke aus DDR-Zeiten, die wegen veralteter und umweltschädlicher Technik dringend umgerüstet werden müssen.

Das Schweriner Wirtschaftsministerium gibt für das Kraftwerk in Hagenow vier Millionen Mark an Zuschüssen. »Wir wollen damit die Anwendung erneuerbarer Energien ankurbeln«, so eine Ministeriumssprecherin.

Insgesamt kostet das Projekt 33 Millionen, die von privaten Investoren aufgebracht werden. Die Bassmann-Bau AG Berlin hat sowohl für das Projekt in Hagenow als auch für den Bau des Kraftwerks in Feldberg »Umweltfonds« eingerichtet. Anleger sind ab 30 000 Mark dabei und bekommen - wenn die Rechnung der Sonderabschreibungen aufgeht - bis zu 12,5 Prozent Ausschüttung. Werner Weber, Vorstandsmitglied bei Bassmann-Bau, schwärmt: »So kann man mit gutem Gewissen Geld verdienen.«

Bauer de Vries wundert sich, wieso die Ökonomen erst jetzt auf die Idee mit der Biomasse gekommen sind. »Energie vom Acker erzeugen«, sagt er, »das ist 'ne uralte Sache. Mein Opa hat das Holz gehackt und damit Schweinekartoffeln gekocht - das war ja auch nichts anderes.«

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