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EHRUNGEN Richtig pikant

Kölns Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes hat sich einen neuen Jux ausgedacht: Er streitet mit Bonn, ob er einen Orden von Castro tragen darf.
Von Andrea Stuppe
aus DER SPIEGEL 50/1998

Für den 1998er Jahrgang seines selbstgezogenen Spätburgunders hat Deutschlands dienstältester Regierungspräsident einen besonderen Beinamen gewählt: »Cuvée de Comandante« will der Kölner Hobby-Winzer Franz-Josef Antwerpes (SPD) seine 50 Flaschen nennen - eine kleine Aufmerksamkeit zum 40. Regierungsjubiläum des kubanischen Staatschefs Fidel Castro.

Nicht alle Nettigkeiten, die der Kommunist aus der Karibik und der Karnevalist vom Rhein austauschen, finden beim deutschen Publikum soviel Anklang wie der teure Rote (Flaschenpreis bei Versteigerungen zu wohltätigen Zwecken: bis zu 2500 Mark). Über ein halbes Jahr schon debattieren hochbezahlte Ministerialbeamte in Bonn die Frage, ob Antwerpes sich einen von Castro höchstpersönlich verliehenen »Orden der Freundschaft« ans Revers heften darf.

Entscheiden muß das Bundespräsident Roman Herzog. Das Auswärtige Amt hat ihm signalisiert, daß eine »Tragegenehmigung« kaum Deutschlands Außenpolitik durcheinanderwirbeln dürfte. Doch intern heißt es, sie könne die amerikanischen Verbündeten ärgern; für die ist Castro noch immer der bestgehaßte Kommunistenboß. Herzog zaudert denn auch mit einer Entscheidung.

»Bisher waren noch nicht alle Fakten gesammelt, die der Bundespräsident für seine Entscheidung braucht«, verteidigt ein Sprecher des Amtes das zögerliche Vorgehen. Diese Woche wolle Herzog sich aber persönlich der Ordenssache widmen.

Nach dem Gesetz über »Titel, Orden und Ehrenzeichen« von 1957 braucht jeder Deutsche, der einen ausländischen Orden »zu tragen beabsichtigt«, die Genehmigung des Staatsoberhaupts. Das autoritäre Gehabe geht auf mittelalterliche Zeiten zurück, als Angehörige eines Ordens persönlich an ihren Ordensherrn gebunden waren. Noch heute soll der Passus dem Bund eine »lückenlose Kontrolle« über die Auslandsbeziehungen seiner Bürger ermöglichen, heißt es in einem Kommentar des Gesetzestextes. Schon dessen Verfasser sahen freilich »Peinlichkeiten für alle Beteiligten« voraus, wenn auswärtige Staatschefs beleidigt würden, weil ihr Blech in die Schublade geworfen wird.

Daß er sich mit der kubanischen Ordensfrage plagen muß, verdankt Herzog einer Mittelohrentzündung des Antwerpes-Sohns Nicolas. Als das damals drei Monate alte Kind 1986 im Urlaub auf Kuba erkrankte, lernte der Vater die Nöte der örtlichen Kliniken kennen. Antwerpes organisierte zunächst Medikamente und Babynahrung. Später schickte er ausrangierte Busse und Inventar für ganze Krankenhäuser und Lazarette. Castro dankte es dem »Gobernador Franz« im März mit dem Freundschaftsorden.

Der Zoff um Castros Anstecker ist ganz nach dem Geschmack des Bäckerssohns vom Niederrhein. Die freundlichsten sei-

* Bei der Verleihung des »Ordens der Freundschaft« im März auf Kuba.

ner Feinde sagen ihm nach, er finde nachts keinen Schlaf, wenn er nicht mindestens zweimal pro Woche im Fernsehen sei. »Das ist eine richtig pikante Sache«, freut sich Antwerpes, 64.

Der Kölner versteht nicht, warum er mit Bonner Billigung zwar Orden aus Libyen und Syrien tragen darf, nicht aber Castros Präsent: »Oder ist Herr Gaddafi etwa ein besonders guter Demokrat?« Antwerpes: »Was die Bonner in Sachen Castro-Orden machen, riecht nach Willkür, Zensur und längst überholtem Kalten-Krieg-Gehabe.«

Die Streitlust des eigensinnigen Sturkopfes - ob für Großes oder Nebensächliches - wird nicht nur im Rheinland belächelt und gefürchtet. Bei Nebel läßt er schon mal aus eigener Machtvollkommenheit Autobahnen sperren, betrunkenen Fahrern reicht er morgens um fünf Uhr persönlich das Pusteröhrchen durchs Fenster.

Mit der irischen Sängerfamilie Kelly legte Antwerpes sich an, weil er den jüngsten Popstar der Band notfalls von der Polizei zur Schulbank bringen lassen wollte. Mit Hingabe kämpfte der Prinz Karneval unter den deutschen Provinzfürsten auch etwa für anständige Verfallsdaten auf italienischem Mozzarellakäse.

Auf Kritik an seiner eigenen Person reagiert der Herrscher über das Städtedreieck Köln-Aachen-Bonn mitunter empfindlich. Als im Sommer über seine ungemein günstige Miete für eine landeseigene Wohnung berichtet wurde, titulierte Antwerpes seine Kritiker etwas unfein als »Arschlöcher«. Zu einer Entschuldigung rang er sich erst Wochen später durch.

Im Streit um den Castro-Orden scheint Antwerpes entschlossen, den Bonnern notfalls bis zu einer Änderung des Ordensgesetzes auf die Nerven zu fallen. »Es wäre nicht die erste Lex Antwerpes«, verkündet der konfliktgestählte Unruhestifter frohen Mutes.

Sollte Herzog nicht bald auf Trab kommen, plant der Regierungspräsident schon seinen nächsten Coup. Dann, verkündet Antwerpes, werde er das blau-weiß-rote Corpus delicti, das zur Zeit in seiner Ordensschublade im Arbeitszimmer ruht, »einfach mal tragen, um das Thema auf die Spitze zu treiben. Vielleicht gibt''s eine Geldbuße oder ein Disziplinarverfahren. Das wäre doch köstlich«.

ANDREA STUPPE

* Bei der Verleihung des »Ordens der Freundschaft« im März aufKuba.

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