Zur Ausgabe
Artikel 2 / 71

»Richtige Männer in der Stadt«

Die Party-Gänger von Los Angeles feiern sich selbst *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Francesca Hilton, hervorgegangen aus der Beziehung zwischen dem Hotelzaren und der Filmschönen Zsa Zsa Gabor, schlief nach dem Aufmarsch der Olympioniken im Coliseum zu Los Angeles mit dem beseligten Gefühl ein: »Endlich sind mal richtige Männer in der Stadt.«

Francesca war eine der wenigen der Hollywood-Society, die dem Konkurrenz-Spektakel »Hollympia« ("The New York Times") von Anfang an etwas abgewinnen konnten. Die meisten der Schlagzeilen-Größen schienen zunächst wie vom Erdboden verschluckt.

Die Klatschkolumnisten hockten in feinen Restaurants wie »Ma Maison« und »L''Orangerie« an Tischen, wie sie sich einst auch der Mafioso Al Capone hätte reservieren lassen - mit Blick auf die Tür, die Wand im Rücken. So warteten sie auf die Stars und Starlets, die nicht erschienen.

Schon einen Tag nach der Eröffnung, der »greatest show on earth« ("Los Angeles Herald"), schlug die Stimmung um bei der an Glamour gewöhnten Prominenz. Dem Jazz-Arrangeur Quincy Jones, er hatte mitgezählt, trieb die Show viermal die Tränen in die Augen.

Die Society, zunächst auf Distanz zu Olympia, begehrt nun Eintrittskarten, vor allem für die Schlußfeier. Aber sie wünscht auch Einladungen zu Cocktails und olympischen Dinners, auf denen Goldmedaillen und Weltrekorde vorrangiges Gesprächsthema sind.

»Partys«, meldete das »Wall Street Journal« auf der Titelseite, »zählen zu den wichtigsten Ereignissen der Olympischen Spiele von 1984.« Joel Rubinstein, zuständig für das Protokoll beim Olympischen Organisationskomitee, weiß von Dutzenden, Hunderten Cocktails täglich und »mindestens 600 Olympia-Dinners, von denen wir keine ahnung haben«.

An Jet-set- und Big-Business-Kontakten herrscht auch kein Mangel. Der König aus Schweden und der aus Samoa, Prinzen aus England, Saudi-Arabien und Monaco, Industriemanager von U.S. Steel, Boeing und IBM, der Chefredakteur des ZDF und auch der vom St.-Pauli-Kellner zum Glücksspielhallen-Millionär aufgestiegene Münchner Walter Staudinger, sie alle kamen nach Kalifornien, um, wie der Vorstandsvorsitzende von Audi, Wolfgang Habbel, erklärt, »Los Angeles einmal guten Tag zu sagen«.

Der deutsche Automobil-Konzern mietete in Pacific Palisades unweit der Küste für Firmengäste eine feine Villa und ließ zu einem Buffet-Dinner bitten. »Keinen Pfennig«, behauptet Gastgeber Habbel, habe der Party-Auftritt der schwarzen Sprint-Schönen Evelyn Ashford gekostet, die einen Tag vor der Olympia-Eröffnung ihr Training für das PR-Fest unterbrach. »Rein zufällig« fährt Frau Ashford, die auf zwei Goldmedaillen und danach auf eine Filmkarriere spekuliert, einen Audi.

Von der Festes-Fülle am Rande Olympias profitierten die örtlichen Lokale nur begrenzt. Erst als sich Schwimmstar Michael Groß im Hollywooder Restaurant »Spago« des österreichischen Prominentenkochs Wolfgang Puck ankündigte, atmete der erleichtert auf: »Nun endlich hat uns das Olympia-Fieber erwischt.«

So dekorierte der Vier-Sterne-Koch die Tische mit schwarz-rot-goldenen Luftballons. Ein Ballon mit der Aufschrift »The Albatross« schwebte über dem Groß-Stuhl, schwarz-rot-goldene Girlanden, heimatliche Fähnchen traten in Konkurrenz zum Sternenbanner.

Mitte voriger Woche dann schlug Party-Größenwahn den olympischen Feten-Zirkus von Los Angeles ganz in Bann:

Einen 1500 Pfund schweren Stier ließ Robert Petersen, Verleger mehrerer Macho-Magazine wie »Guns & Ammo«, bei einer Wildwest-Party auf einer Pferderennbahn rösten, zu der auch die Olympia-Schützen gebeten wurden. Ein anderes Unternehmen bewirtete Kunden und Angestellte in einem ehemaligen Hollywood-Studio zwischen den Filmkulissen von »Casablanca«, »Saat der Gewalt« und »Frankenstein junior«.

Einen roten Teppich rollte die Times Mirror Company, zu der die »Los Angeles Times«, ein halbes Dutzend andere Blätter, Fernsehanstalten und Buchverlage gehören, vor den Eingang des idyllischen »Huntington Museum« in San Marino nahe Los Angeles aus. Annähernd 1000 Gäste waren geladen.

Im Garten musizierte ein Kammerorchester, ein Quartett in Kostümen sang mittelalterliche Lieder. In der holzgetäfelten Bibliothek, in der ein Exemplar der Gutenberg-Bibel und Shakespeare-Erstausgaben ausgestellt sind, arbeiteten eine Flötistin und eine Harfenistin an ihren Instrumenten. »Diese Art von Partys«, rühmte sich und seinesgleichen Robert Fitzpatrick, Direktor des »Olympic Arts Festival«, der Opern-Ensembles und Schauspielgruppen für die Spiele nach Los Angeles geholt hat, »hätte König Ludwig XIV. gegeben, hätte er in Südkalifornien gelebt.« _(Empfang der »Los Angeles Times« im ) _(Garten des Huntington Museum. )

Empfang der »Los Angeles Times« im Garten des Huntington Museum.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 71
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.