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PRESSE Richtige Richtung

Das Bielefelder »Westfalen-Blatt«, nach dem Urteil von Redakteuren »Deutschlands nördlichste CSU-Zeitung«, brachte es in drei Jahren auf etwa 60 Journalisten-Kündigungen.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Carl-Wilhelm Busse, 58, pocht auf seine Rechte. Schon vor sieben Jahren ließ der Verleger des Bielefelder »Westfalen-Blatts« (Auflage: 137 532) seinen Redakteuren Umgang mit Kollegen von der lokalen Konkurrenz untersagen -- »falsch verstandene »Kameraderie"« könne leicht »Treuebruch im Gefolge« haben.

~ Aus Einbrüchen stammende Waffen. die im rheinischen Düren sichergestellt wurden.

Falsches Verständnis seiner Leute bekümmerte den Verleger auch später. Seit Sozialliberale in Bonn und Düsseldorf regieren, erkannte er allerlei »Dinge, die ... auf viele Journalisten Einfluß haben, und dem muß man mit Willensbildung und Willenskraft natürlich dann begegnen« (Busse).

Der Presse-Patriarch vom Teutoburger Wald bewies Willenskraft: Binnen drei Jahren wurden in seiner Bielefelder Zeitungs-Zentrale wie in den Redaktions-Filialen zwischen Paderquelle und Mittellandkanal rund 60 Kündigungen von Busse verhängt oder von Busse-Redakteuren ausgesprochen.

»Ich war der 191. Redakteur in zehn Jahren«, registrierte Klaus Heine, der als Politik-Chef Anfang des Jahres von der »Bild-Zeitung« zum »Westfalen-Blatt« kam und auch schon wieder kündigte. Busse wiederum kündigte unlängst seinem Chefredakteur Günter Lougear, 46, fristgemäß zu Ende September 1972 und erteilte ihm sofortiges Hausverbot. Als Lougear daraufhin beim Arbeitsgericht seinen Anspruch auf einstweilige Weiterbeschäftigung durchsetzte, verhängte der Verleger fristlose Kündigung und Gehaltsstopp.

Den Hang zu Eingriff und Auskehr ermöglicht dem Zeitungsherrn eine »einzigartige überlegene Rechtsstellung des Verlegers als Arbeitgeber« (so der Kölner Journalist Anagar Skriver). Nach geltendem Arbeitsrecht kann -- wie der Gießener Verwaltungsrechtler Professor Walter Mallmann folgert -- »der Verleger den Redakteuren darüber Vorschriften machen ... was sie schreiben dürfen und was nicht.

Beim »Westfalen-Blatt« diktiert die Vorschriften ein Mann, der einst im kleinstädtischen Herford -- als Erbe des väterlichen »Herforder Kreisblatts« -- konservativ erzogen, zum Kaufmann und Redakteur (Busse: »Damals noch bei Hofrat Staercke« in Lippe) ausgebildet worden war, in der Hitler-Zeit interessierte Busse sich für Verbotenes -- für Kafka und Werfel; heute widmet er sich moderner Malerei und Plastik im eigenen »,Westfalen-Blatt'-Kunststudio«.

Politisch aber orientiert sich der Westfale nun an den engen Horizonten von Scholle und Schützenvereinen -- und an denen, die, wie er, »Widerstand ... leisten« gegen »die Fehler unserer jetzigen Politik": »Sollen wir Opfer von Erpressungen des Ostblocks werden?«

Busses »Westfalen- Blatt«, dem er nach dem Erwerb eines Mehrheitsanteils Anfang der fünfziger Jahre das väterliche »Kreisblatt« einverleibte. »kämpft für bewährte Ordnungen« (Busse). Es ruft nach einer »starken Führung« und schreitet gern rückwärts vornweg, etwa gegen »alle jene, die ... mit der Zauberformel »Gewinn- und Unternehmerprofit, als Klassenkampfparole die Öffentlichkeit und die Arbeiter in den Betrieben töten wollen«.

Solche Kommentare bezieht Busse allwöchentlich von Schreibern wie CSU-Interpret Wolfgang Horlaeher ("Bayernkurier") und CSU-Favorit Gerhard Löwenthal (ZDF). Im heimischen Bayern schreibt regelmäßig auch Busses Ex-Chefredakteur Ignaz Appel. 61, den Herzattacken 1968 vorzeitig in Pension zwangen, Tiraden gegen die »sozialistische Richtung« in Bonn.

Die Berufung von Appels zweitem Mann, Dr. Kurt Schatz, zum Chefredakteur endete tragisch. Ehefrau Dr. Waltraud Schatz, von Drangsal und Kündigung ihres Mannes durch Busse entnervt. erlitt 44jährig im Oktober vergangenen Jahres einen Kollaps. Schatz-Todesanzeige für seine Frau: »Ihr Herz brach nach harten Wochen.«

Verleger Busse, der bei Redaktionschef Schatz die feste Hand »im Sinne einer einheitlichen Führung« vermißt hatte, heuerte und feuerte Redakteure schließlich selbst. In einem Brief, in dem er »die Freiheit der Redaktion« deklarierte, monierte er zugleich, warum ein »Vortrag des in Oeynhausen ansässigen Dichters J. S. Waas in der Berichterstattung nicht berücksichtigt« wurde.

Aus so provinzieller Enge versuchte Schatz-Nachfolger Günter Lougear herauszulavieren -- auf »konservativmobilem« Kurs. Er engagierte als Kolumnisten den Düsseldorfer SPD-Ministerpräsidenten Heinz Kühn und den Bonner Oppositionsführer Barzel.

Doch auch Lougear scheiterte, unter anderem an Busses »Postulat der »,richtigen« Richtung«, Um das »Westfalen-Blatt« näher an die in Bielefeld und Umgebung führende »Neue Westfälische« (Auflage: 173 438) heranzubringen, wurde der neue Chefredakteur allzu mobil. Lougear-Kommentar zur Geisel-Erschießung bei einem Banküberfall in München-. »Diese Lust, den Finger immer am Abzug zu haben ... steckt auch in der Gegenwehr polizeilicher Kräfte.«

Verlagsherr Busse witterte »zu liberale, eventuell auch linksliberale« Tendenzen und schickte seinem Chefredakteur den Kündigungsbrief in dessen Urlaubs-Hotel »Monpti« im Schwarzwald. In einem Arbeitsgerichts. Termin am Donnerstag dieser Woche kann sich der Verleger auch auf nachträgliche Belegschaftsklagen über Lougears -- nicht näher erläuterte -- »stilwidrige Führung« berufen. Eigene Fehler bestreitet er -- so im Branchendienst »Text intern": »Ein Verlagshaus ist ein großer Bienenkorb, in dem die Bienen herumschwirren und sich etwas erzählen.«

Derzeit erzählen Busses Bienen: »Das »Westfalen-Blatt« -- Deutschlands nördlichste CSU-Zeitung.«

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