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BUNDESWEHR Richtiges Verpassen

Wie sollen sich Soldaten gegen übermäßige Kälte schützen? Das Verteidigungsministerium empfiehlt einschlägige Erfahrungen. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Die Kälte kam über Nacht - und gleich war die übende Truppe lahmgelegt.

Knapp 6000 Bundeswehrsoldaten der 11. Panzergrenadierdivision, im Manöver auf den Truppenübungsplätzen Bergen und Munster, konnten sich kaum gegen Temperaturen von minus zwanzig Grad schützen: Ein Drittel mußte zum Arzt, 157 Soldaten kamen mit Erfrierungen ersten und zweiten Grades ins Lazarett.

Auch das Material machte schlapp: Panzer sprangen nicht an, Treibstoff flockte aus, Bremsbacken froren fest, Kabelstränge barsten, Filter vereisten. Und selbst mit der Notdurft gab''s Probleme: Die Latrinen waren eingefroren - »nicht mehr zu verantworten« fand Divisionskommandeur Generalmajor Hans Hoster die Zustände.

Der Kälteeinbruch Anfang des Jahres zeigte, wie anfällig die Bundeswehr gegen Klima-Unbilden ist. Hoster sah den »Abschreckungswert« der Armee gefährdet; der hänge nämlich davon ab, »ob die Truppe außergewöhnlichen Wettereinflüssen standhält«. Demnach, so das Fazit besorgter Verteidigungspolitiker, ist die Bundeswehr im Winter nur bedingt abwehrbereit.

Vor allem aber, berichtete Hoster ins Bonner Verteidigungsministerium, ist sie sauer, »daß es in 30 Jahren nicht gelungen sei, zweckmäßige Bekleidung für den Winter zu schaffen«. Ultimative Forderung des Generalmajors: Ein »neues Bekleidungskonzept« müsse her.

Es ist gefunden - wenn auch nicht neu. Auf der Suche nach dem geeigneten Frostschutzmittel entdeckte das zuständige Ministeriumsreferat VR III 5 (11) einen Aufsatz des Amtsrates Heß mit dem schlichten Titel »Winterbekleidung« aus der »Zeitschrift für die Heeresverwaltung«.

Unter dem Aktenzeichen 49-08- (Nr. 05) ließ ihn Referent Dr. Stromberg an das Bundeswehrverwaltungsamt, die Wehrbereichsverwaltung, das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung und die Führungsstäbe der Hardthöhe versenden - »Betr.: Fachaufsicht auf dem Bekleidungsgebiet, hier: richtiges Verpassen der Bekleidung«. Auszüge:

»Es ist ein bekannter Grundsatz, daß ein besonders dickes Bekleidungsstück nicht so wärmt wie mehrere übereinandergezogene dünne ... Es wäre also verfehlt gewesen, unsere für den russischen Winter nicht ausreichende Oberbekleidung etwa nur durch starkes Woll- oder Pelzfutter zu verbessern.«

Besonders über die Kopfbedeckung hat sich Heß Gedanken gemacht: »Die bisherige Feldmütze, die meist viel zu eng verpaßt und durch verbotswidriges Zusammenstecken oder -nähen des Mützendeckels weiter verengt wurde, ist für den Osten durch eine neue Feldmütze 42 ersetzt worden. Sie bietet die Möglichkeit, den Umschlag tief herunterzuklappen und dadurch Nacken, Hals und Kinn zu schützen.«

Über das richtige Schuhwerk weiß er: »Länge und Weite müssen ausreichend sein, um zwei Paar Strümpfe (dazwischen Papier) oder ein Paar Strümpfe nebst Fußlappen oder an deren Stelle besonders Füßlinge aus Filz, die ebenfalls dem Ostheer zugeführt sind, bequem anlegen und daneben noch eine Einlegesohle tragen zu können. Es ist auch dafür gesorgt worden, daß besonders großes und weites Schuhzeug an die Front kam.«

Eindringlich warnt Heß: »Jeder muß vor allem wissen, daß es für die Winterbekleidung Grundsätze gibt, deren Außerachtlassung schwerste körperliche Schäden und damit Minderung unserer Wehrkraft zur Folge hat.«

Diese Erkenntnisse, bittet das Bundesministerium der Verteidigung, sollen »in geeigneter Weise zum Gegenstand von Fortbildungsveranstaltungen« werden, denn der Text enthalte »aufschlußreiche Ausführungen«, »deren Aktualität unverändert auch heute noch gilt«.

Der Aufsatz stammt aus dem Jahr 1942. Sein Anlaß: der Rußlandfeldzug. _(Im Zweiten Weltkrieg, beim Kampf um ) _(Stalingrad. )

Im Zweiten Weltkrieg, beim Kampf um Stalingrad.

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