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PRESSE / AKTIONÄRS-ZEITSCHRIFT Riecher für Renner

aus DER SPIEGEL 39/1968

Bei einem nächtlichen Dauerlauf durch den Londoner Hydepark steckte der Düsseldorfer Volkswirt Hans Achim Bernecker, 30, seine Ziele ab: »Ich zerreiße jeden, der an der Börse krumme Sachen macht.«

Berneckers erste Drohung tauchte Anfang vorletzter Woche an den Zeitungskiosken auf: »Der Aktionär -- Das deutsche Börsenjournal«. Das neue Wochenblatt (Startauflage: 20 000 Exemplare; Stückpreis: 1,50 Mark) empfiehlt sich mit seinem Titel einem Leserkreis, der laut Bernecker »bisher in Deutschland zu kurz gekommen ist": den Aktionären.

Mit ständigen Rubriken wie »Die Aktie der Woche« will das Blatt Konzerne und Kurse analysieren. In der Nummer 1 des »Aktionär« nimmt Bernecker die Versicherungsgesellschaft Allianz unter die Lupe, »die so viel verdient, daß sich der Generaldirektor geniert, dies offen zuzugeben«. Die Seite »Fakten« serviert Firmen-Neuigkeiten, und »Die aktuelle Branche« spürt fürs erste »Goldadern in den Kohlengruben« auf.

»Aktionär«-Herausgeber Bernecker attestiert sich selbst »echte Erfahrung« in einem Job, den er seit Abschluß seines Studiums ausübt. Als 22jähriger trat der Jungakademiker in die Redaktion des Düsseldorfer Tipp-Zirkulars »Die Actien-Börse« ein. Als Verleger zeichnete der Düsseldorfer Musikkritiker Hans-Joachim Münstermann, hinter dem sich jedoch ein Aktien-Profi versteckte: Rechtsanwalt Georg Wilhelm Engler, Opponent in zahlreichen Hauptversammlungen.

Im Juli 1964 kündigte Bernecker und etablierte sich als selbständiger Verleger mit seinem Dienst »Der deutsche Börsenbrief«. Aber Ex-Arbeitgeber Engler schickte ihm nach der Premiere die Kripo ins Büro, weil Bernecker heimlich Englers Abonnentenliste mitgenommen hatte. Es kam zu Prozeß und Vergleich: Bernecker kaufte die »Actien-Börse« samt Kundenkartei.

Aber schon dreieinhalb Stunden nach der Übergabe des Schecks von 230 000 Mark an Engler fühlte sich der Nachwuchs-Verleger hintergangen. Bernecker: »Unter den 1260 gekauften Adressen waren 300 'Blinde', die gar nicht existierten.« In einem neuen Prozeß verglichen sich die Streiter zum zweitenmal, und Engler mußte 22 000 Mark zurückzahlen.

Binnen weniger Jahre erklomm Berneckers Rundbrief eine Auflagenhöhe von 6000, die redaktionelle Arbeit bewältigte der Neuling mit Sekretärin und Telephon.

Aber der Alleinredakteur wollte mehr. So machte er sich daran, ein Börsen-Magazin zu kreieren, das nicht nur Empfehlungen gibt, sondern zugleich die Hintergründe von Hausse und Baisse erklären soll. Außerdem will Bernecker seine Leser mit Interna von Banken und Bossen versorgen.

Seinen Riecher für Börsenrenner bewies der neue Zeitschriften-Verleger bereits, als er im letzten April sein Büro an der Düsseldorfer Königsallee dekorierte. Er hängte eine 200-Reichsmark-Aktie der Altfirma »Riebeck'sche Montan« in Liquidation unter Glas an die Wand, Das Zertifikat hatte er im Börsensaal für 46 Mark erstanden. Seither stieg der Riebeck-Kurs ohne Unterbrechung. Berneckers Wandschmuck ist heute 100 Mark wert.

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