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Asbest Rieselnde Bombe

Jetzt erst haben westliche Umweltexperten entdeckt, daß viele Plattenbau-Wohnungen in Ostdeutschland asbestverseucht sind.
aus DER SPIEGEL 44/1991

Bei den Umbauarbeiten für sein neues Kindermodengeschäft »Moderate Fashion« im sächsischen Riesa stieß der Nürnberger Unternehmer Torsten Hackel, 33, auf Material, das er nicht kannte. Mit dem Besenstiel holte er einen hellgrauen Brocken von den Deckenplatten herunter.

Mißtrauisch präsentierte der Wessi der örtlichen Wohnungsgesellschaft eine Probe des faserigen Plattenmaterials. Doch der Bauexperte der Gesellschaft fand nichts dabei: »Das ist ganz normaler Gips wie bei euch im Westen.«

Von wegen Gips: Der mißtrauische Inhaber des Modegeschäfts ließ eine Probe aus der Plattendecke des Ladens an der ehemaligen Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft von der Landesgewerbeanstalt in Bayern untersuchen. Ergebnis: Die Platten aus dem DDR-Standardbau WBS 70 enthalten einen hohen Asbestanteil.

Die Entdeckung Hackels löste bei westdeutschen Umweltexperten Bestürzung aus. Eine Expertise des Hamburger Instituts für Technischen Umweltschutz (ITU) empfiehlt, den in Riesa gefundenen »schwachgebundenen Weißasbest« unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen zu beseitigen, da »bei jedem Bruch Millionen Fasern« des krebserregenden Stoffes freigesetzt werden. Für ITU-Chef Andreas Porthun ist das in Innenräumen verarbeitete Material »eine rieselnde Zeitbombe«.

Asbestopfer Hackel ("Ich kann doch in diesem Laden keine Umstandsmoden oder Babysachen verkaufen") half sich mangels fachmännischer Unterstützung mit Anleitungen einer Heimwerker-Zeitschrift und entfernte die Risikoplatten selbst. In Plastiksäcken verpackt, landete der Asbestschutt auf der benachbarten Hausmüllkippe Gröditz.

Doch die gefährlichen Fasern werden im deutschen Osten noch Entsorgungsprobleme in ganz anderen Dimensionen auslösen: Ein erschreckend großer Teil der Deutschen Demokratischen Republik war aus jenem Stoff gebaut, der im Westen seit Jahren als lebensgefährlich geächtet ist. Erst nach und nach entdecken Fachleute, in welchem Ausmaß in Ostdeutschland Fabrik-Gemäuer, Büroetagen und sogar Wohnhäuser asbestverseucht sind.

Nach einem bis in die jüngste Zeit als »nur für den Dienstgebrauch« klassifizierten Asbestkatalog der Arbeitshygieneinspektion Schwerin aus dem Jahr 1981 wurden im SED-Staat jährlich 56 000 Tonnen Asbest verarbeitet - das ist ein Prozent der Weltproduktion. Während die westdeutsche Industrie 1989 pro Bundesbürger durchschnittlich weniger als ein Kilogramm Asbest verwendete, brauchte die DDR pro Ostdeutschen jährlich dreieinhalb Kilogramm - mehr als 1,4 Millionen Tonnen importierte der SED-Staat allein zwischen 1960 und 1989 aus der Sowjetunion.

Ein Großteil davon ging in den sozialistischen Plattenbau. In einer neuen Untersuchung des Berliner Umweltbundesamtes (UBA) wird allein die Fläche der verarbeiteten Asbestzementplatten in der DDR auf 500 Millionen Quadratmeter geschätzt - durchschnittlich 30 Quadratmeter pro DDR-Bürger.

Einen guten Teil davon haben die Ostdeutschen ständig um sich. »Zu unserer großen Überraschung«, so UBA-Asbestexperte Wolfgang Lohrer, stießen Mitarbeiter des Berliner Amts auch in vielen der rund zwei Millionen DDR-Plattenbauwohnungen auf den Faser-Zement.

In 60 Plattenbauten des Typs MLK (Metall Leichtbau Konstruktionen) bei Magdeburg enthalten nicht nur Trennwände, sondern auch Fußböden bis zu 15 Prozent schwachgebundenen Asbest. Vorgefertigte Küchen und Bad-Zellen sind in über tausend Wohneinheiten des Typs P2 in Berlin-Friedrichshain zudem mit den sogenannten Sokalit-Platten ausgekleidet. »Wer da mit der Bohrmaschine rangeht«, sagt Lohrer, »steht im Asbeststaub.«

Nach unveröffentlichten Untersuchungen des Magdeburger Hygieneinstituts steckt Asbest in den meisten Plattenbauten. Aus dem Fugenspachtel in allen Ritzen wird das Teufelszeug durch Alterung freigesetzt. Die UBA-Experten räumen ein, »noch keinen vollständigen Überblick« zu haben, wie verbreitet die Seuche in ostdeutschen Wohnungen ist.

Die Produktionsziffern in den Asbestwerken waren zu DDR-Zeiten geheim und sind bis heute nicht bekannt. »Wir machen immer wieder neue Funde«, sagt UBA-Lohrer. Häufig ist das Asbestmaterial nicht sofort zu erkennen, weil es mit einem dünnen Farbanstrich oder einer Tapete bedeckt ist.

Massiver noch als im Westen, wo der Stoff jahrzehntelang ebenfalls in öffentlichen Gebäuden und Bürohäusern verwendet wurde, findet sich Asbest nun in nahezu allen Lebensbereichen der Ex-DDR: *___In Dresden entdeckte das Gesundheitsamt in den ____Innenräumen von 64 Kindergärten die gefährlichen ____Platten. *___In Mecklenburg-Vorpommern fand die Sanierungsfirma ____CT-Ingenieursgesellschaft in 50 Gebäuden über 350 ____Nachtspeicherheizungen mit Asbestisolierungen. *___In Berlin mußte dieses Jahr bei Bauarbeiten die ____S-Bahnstation Unter den Linden wegen »lungengängiger ____Asbestfasern« geschlossen werden. Die Reichsbahn hatte ____in den unterirdischen Tunneln Asbest der gefährlichen ____Sorte Anthophyllit verarbeitet. *___In Brandenburg sind landesweit Altersheime und ____Krankenhäuser unter Asbestverdacht. *___In der Dresdner Kleingartenanlage »Rudolphia« hat jeder ____vierte Hobbygärtner Asbest verarbeitet. Als Baumaterial ____für Datschen und Begrenzungen für Komposthaufen waren ____die billigen Platten ideal.

Der DDR-Asbestkatalog führt 240 verschiedene Produkte auf, die größtenteils die gefährliche Kurzfasersorte Chrysotil enthalten. Der feuerfeste Stoff findet sich in Toaströstern ebenso wie in Bügeleisen, selbst im Haarfön oder im Heizkissen. Eine Auswahl solcher Asbestartikel ist zur Zeit zu einer Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zusammengestellt.

Im Westen ist seit Ende vergangenen Jahres die Verwendung von Asbest jedenfalls am Bau verboten. Und in Gebrauchsgegenständen wird die gefährliche Faser zunehmend durch weniger schädliche Stoffe ersetzt.

Solange das unverwüstliche Material in den Produkten unversehrt umschlossen bleibt, kann nicht viel passieren. Doch jeder altersschwache Toaster kann die Fasern streuen, die nur wenige tausendstel Millimeter dick sind.

Mit dem Luftholen geraten die Partikel dann in die Lunge. Von dort aus richten sie langfristig Unheil an: Asbestfasern durchstoßen das Zellgewebe und wandern durch den Körper. Nach Jahrzehnten noch können unheilbare Tumoren im Bauch- oder Rippenfell ausbrechen.

So rückte auch in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren der Lungenkrebs durch die Asbestfaser unter den Berufskrankheiten auf Platz eins. Von 1977 bis 1988 verzehnfachte sich die Zahl der jährlichen Asbestfälle mit meist tödlichem Verlauf in Westdeutschland auf über 400 Opfer.

Ähnlich wie im Westen arbeiteten auch in der DDR Wissenschaftler an der Aufgabe, eine Alternative zu den gefährlichen Fasern zu finden. Wie hoch schon Ende der siebziger Jahre auch bei den Gesundheitsbehörden der DDR intern das Risiko eingeschätzt wurde, belegt eine 1981 erlassene »Asbestvorschrift«. Danach war die »Verwendung asbesthaltiger Materialien soweit wie möglich einzuschränken«.

Wissenschaftler an der Technischen Universität Dresden und dem Leipziger Institut für Bauelemente und Faserbaustoffe fanden tatsächlich Ersatzstoffe: Sie stellten beispielsweise 1981 eine »asbestfreie Holzfaserplatte« für die großtechnische Produktion her. In Magdeburg ging sogar eine Versuchsanlage zur Herstellung von technischen Fasern aus Kunststoffen und Glasfasern in Betrieb.

Baustoffplatten auf der Basis von Altpapiercellulose und Zement aus der VEB-Produktion weckten gar das Interesse des westlichen Auslands. Das Institut für Schiffbau in Rostock entwickelte als Ersatz für die massenhaft auf den DDR-Werften eingesetzten »Neptunitplatten« eine asbestfreie Blech-Mineralfaser-Variante.

Doch kaum eine der Neuentwicklungen wurde reif für die Massenproduktion. »Da wurde eine riesige Chance vertan«, sagt der Dresdner Asbestforscher Christoph Richter, »die Produktion auf alternative Baustoffe umzustellen.«

Die unflexible Wirtschaft des SED-Regimes blieb bei dem gesundheitsgefährdenden Stoff. Mangels Devisen für Ersatzstoffe aus dem Westen stieg der Asbestverbrauch jährlich weiter an. Dabei verstießen die Baubehörden nicht selten gegen selbstgesetzte Vorschriften.

Der spektakulärste Bruch mit den Asbestschutzvorschriften war der Bau des Palastes der Republik in Ost-Berlin. Für das staatstragende Monumental-Bauwerk verarbeitete die Baubrigade Schaller aus Gera 1974 nach einem schwedischen Verfahren auf acht Stockwerken 720 Tonnen faserigen Spritzasbest. 175 000 Quadratmeter Oberfläche der Stahlträger wurden mit einer bis zu drei Zentimeter dicken Brandschutzschicht ummantelt. Die Akkordarbeit an der »Multi-Vitrine« (Volksmund) wurde vom Regime mit dem »Banner der Arbeit« belohnt.

Zu diesem Zeitpunkt war Spritzasbest bereits seit fünf Jahren in der DDR gesetzlich verboten. Mit einer Ausnahmegenehmigung hatte der Ministerrat die Verwendung des eigens aus Afrika importierten Stoffs für den Renommierbau freigegeben.

Wenige Tage vor der endgültigen Beratung des Einigungsvertrages, am 17. September 1990, mußte die erste und letzte frei gewählte Volkskammer aus dem Palast der Republik ausziehen: Von oben rieselte gefährlicher Staub aus dem beschädigten Spritzasbest auf die Abgeordneten.

Messungen des Magdeburger Hygieneinstituts hatten beispielsweise auf dem Rollenboden des Großen Saals eine Rekordkonzentration von 93 000 Fasern pro Kubikmeter Luft ermittelt - als Richtwert für die Gesundheitsgefährdung gelten 400 bis 500 Fasern.

Nach einer Expertise für das Bonner Bundesfinanzministerium wird eine Sanierung des Palastes rund 200 Millionen Mark verschlingen. Hinzu kommen noch die Kosten für die Entsorgung des Asbestmaterials.

Ein besonders prominentes Produkt der Asbestbaumeister aus dem Osten ist mittlerweile allerdings gründlich beseitigt: Die aus Faserzement gefertigte halbrunde Krone der Berliner Mauer wurde zu Straßenschotter verarbeitet.

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