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Atomkraft Riesige Fahne

Ein badisches Dorf will vor Gericht ein Recht auf Sonne einklagen.
aus DER SPIEGEL 36/1989

Der südbadischen Gemeinde Dogern, idyllisch gelegen zwischen Hotzenwald und Hochrhein-Ufer, mangelt es seit Jahren an Sonne. Das haben sich die 2200 Einwohner des Dorfes im Schatten sogar schriftlich geben lassen. Meteorologen bestätigen, daß Dogern, naturwidrig, alljährlich bis zu 100 Stunden Licht und Wärme weniger abkriegt als die Nachbardörfer. Die »Beleuchtungseinbuße«, so das Gutachten, kann bis zu 65 Prozent des normalen Tageslichts betragen.

Schuld an der Eintrübung ist eine dicke Dampffahne des eidgenössischen Kernkraftwerkes Leibstadt. Der Meiler mit einer Kapazität von 990 Megawatt, der 1984 ans Netz ging, liegt 1000 Meter von der Ortsgrenze entfernt auf der anderen Rheinseite.

Im Herbst letzten Jahres hatte der Gemeinderat von Dogern beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach ein Gutachten über die temporäre Finsternis bestellt.

Fazit der 54 Seiten starken Studie, die der Diplom-Meteorologe Bruno Rudolf rechtzeitig zu Beginn des westdeutschen Super-Sommers abgeliefert hatte: Die Dampfwolke aus dem Leibstädter Kühlturm beschert der Gemeinde »in extremen Jahren eventuell sogar mehr« als 100 Stunden »Beschattungszeit«.

Mit solchen Argumenten ausgerüstet, will Dogern nun vom Betreiber, der Kernkraftwerk Leibstadt AG, Schadensersatz einfordern. Südbadener und Eidgenossen trafen sich zu ersten Gesprächen. Dabei »akzeptierten« die schweizerischen Atomkraft-Betreiber die »Methoden und Ergebnisse« der deutschen Schatten-Studie.

Schon einmal, bei dem Genehmigungsverfahren für das inzwischen aufgegebene Kernkraftwerk Wyhl am Oberrhein, hatten Winzer 1975 gegen einen Kühlturm protestiert: Für die badischen Weine wurden Qualitätseinbußen befürchtet. In Leibstadt soll denn auch beim nächsten Termin über »finanzielle Ausgleichsleistungen« gesprochen werden.

Gibt es keine Einigung, will Dogern sein »Recht auf Sonne«, so der christdemokratische Bürgermeister Karl-Heinz Wehrle, 43, vor Gericht einklagen. In seiner Gemeinde nämlich liegen große Gartenbaubetriebe. Sie beschweren sich über schlechte Erträge, die obendrein erst verspätet geerntet werden könnten. Wehrle denkt deshalb bereits daran, ein weiteres Gutachten über die wirtschaftlichen Folgen der Beschattung für Vegetation und Landwirtschaft in Auftrag zu geben.

Die riesige Dampffahne, die aus dem 144 Meter hohen Leibstädter »Naturzugnaßkühlturm« (Studie) quillt, hängt nach Offenbacher Beobachtungen am häufigsten 300 bis 500 Meter hoch und 500 Meter lang am Himmel, kann aber auch bis zu fünf Kilometer lang werden. Fast das ganze Jahr über wird in dem Leibstädter Meiler volle Last gefahren, Folge: »Die vom Kühlturm emittierte, erwärmte und befeuchtete Luft breitet sich in der Atmosphäre als Feuchtluftfahne aus.« Da Winde von Südosten nach Nordwesten vorherrschen, kriegen die Einwohner von Dogern den meisten Schatten ab.

Schon vor dem Bau des Schweizer Kernkraftwerks hatten der Landkreis Waldshut und die deutschen Hochrhein-Kommunen gegen die grenznahe Plazierung aufbegehrt - vergeblich. Die gute Nachbarschaft wurde dann rasch mittels barer Münze wiederhergestellt: Die Betreiber des Meilers zahlten freiwillig je 100 000 Mark an die Gemeinden Dogern und Waldshut-Tiengen - für Vereinskassen und soziale Zwecke.

Doch kaum war der Reaktor angelaufen, klagten Dogerns Bürger laut über den herben Verlust an Sonnenschein. Eine Beschwerde beim Stuttgarter Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt brachte jedoch nichts ein: Der damalige christdemokratische Ressortchef Gerhard Weiser räumte zwar ein, daß Dogern eine starke »Beschattungszeit« von bis zu 114 Stunden jährlich verkraften müsse. Dies sei jedoch, gehe es nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz, eine »unerhebliche Störung«.

Mit dieser »erstaunlich leichtfüßigen« Erklärung seines Stuttgarter Parteifreunds wollte sich Bürgermeister Wehrle allerdings nicht zufriedengeben. Auf eigene Faust bestellten die hartnäckigen Hotzenwälder deshalb in Offenbach das meteorologische Gutachten. Und wieder griffen die Leibstädter Meiler-Besitzer, der guten Nachbarschaft wegen, ins Portemonnaie und bezahlten die Rechnung für die Studie: 10 000 Mark.

Der Leibstädter Betriebsdirektor Hugo Schumacher räumt ein, daß es »vergleichbare Situationen« nicht gebe, die Frage einer »Schatten-Entschädigung« sei deshalb »sehr heikel«. Er mag das Begehren von Dogern zwar nicht einfach abweisen, einen Rechtsanspruch der Gemeinde auf ungehinderte Sonneneinstrahlung aber vorsorglich auch nicht akzeptieren.

Bevor es zu einem Prozeß kommt, wollen es auch die Hochrhein-Gemeinden mit einer gütlichen Einigung versuchen. Sie wissen zwar noch nicht, für wieviel Geld sie sich den Sonnenschein abkaufen lassen wollen. Wahrscheinlich aber ist, daß nach einem Kompromiß auf die Leibstädter Reaktorbetreiber erhebliche Folgekosten zukämen: Auch die Gemeinden Waldshut und Albbruck könnten Ansprüche anmelden - beide Orte liegen gelegentlich ebenfalls im Schatten der Dampfschwaden.

Wehrle jedenfalls will sich diesmal nicht mit Spenden für seine Gemeinde abspeisen lassen. Eine Stillegung des Atommeilers sei nicht vorgesehen, also müsse sein Dorf mit der weißen Wolke leben. Wehrle: »Wir denken nicht an eine einmalige Abfindung, sondern an eine dauerhafte Entschädigung - solange die Schwaden da sind, muß uns halt auch Schadensersatz gezahlt werden.« f

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