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WELTAUSSTELLUNG Rikschas und Fahnenmasten

Zwei Wochen vor dem Ende hat die Liquidation der Expo begonnen. Die Versteigerung von Computern, Bushaltestellen und Pavillons soll 30 Millionen Mark bringen - so schnell wie möglich.
Von Hans-Jörg Vehlewald
aus DER SPIEGEL 42/2000

Das Exponat mit dem blauweißen Inventarnummern-Aufkleber »6785« hat zumindest schon mal erheblichen Erinnerungswert - eine schlichte, graue Schreibtischplatte mit schwarz lackierten Beinen, aber dahinter sitzt bislang noch eine Dame, die nicht zum Inventar gehört: Birgit Breuel, Expo-Generalkommissarin und Herrin über das Milliarden-Desaster Weltausstellung.

Breuels Arbeitsvertrag läuft zum Ende des Jahres aus, doch so lange wird Cees van den Brink, dessen eigener Schreibtisch die Inventarnummer 826 trägt, nicht warten. Nach dem 31. Oktober, mit dem Ende der Weltausstellung in Hannover, beginnt der Schlussverkauf des Mega-Events. Van den Brink, Kaufmann aus Holland, ist der Auktionator, der vom Bürostuhl bis zum Riesenrad, vom Themenpark bis zur Zimmerpalme alles unter den Hammer bringen soll, was Breuel und ihre Mitarbeiter hinterlassen.

Van den Brinks Firma Troostwijk hat Erfahrung mit der Abwicklung milliardenschwerer Konzerne und Großveranstaltungen: Die Ausstattung der Expo 1992 in Sevilla hat er unter die Leute gebracht, zuletzt auch ein paar Stahlwerke in den USA und in der Schweiz.

Van den Brink soll möglichst viel herausschlagen: »Wir wollen die Expo nicht verscherbeln«, sagt der Kaufmann mit gutturalem Rudi-Carrell-Akzent. Doch alle Tatsachen sprechen dagegen.

Zwar wird die Weltausstellung selbst nach optimistischen Schätzungen eine Schuldenlast von über zwei Milliarden Mark hinterlassen. Da ist jeder Pfennig willkommen, den Troostwijk nach Abschluss der Veranstaltung aus dem riesigen Inventar auf dem Gelände um die Hannover-Messe herausschlagen kann. Aber van den Brink ist unter Zeitdruck. Bis zum 15. November muss ein großer Teil des Geländes geräumt sein. Danach nämlich beginnt dort die Messe der Hühnermäster und Rinderzüchter, die »EuroTier 2000«.

30 Millionen Mark nur soll die Auktion der Expo erbringen, lautet die offizielle Sprachregelung, die Troostwijk und Expo-Gesellschaft vereinbart haben - auch wenn das Angebot auf van den Brinks Resterampe ebenso beeindruckend wie skurril erscheint: 50 Rikschas hat seine Firma Troostwijk zum Beispiel zu verkaufen, 20 000 Quadratmeter Pflastersteine, 200 Fahnenmasten mit den Nationalflaggen aller Herren Länder, ein halbes Dutzend Bushaltestellen, eine gewaltige Zahl von Kühlschränken, Kaffeemaschinen, Klimaanlagen und Mikrowellengeräten, mit denen Bedienstete der Expo derzeit noch ihr Mittagessen aufwärmen.

Unter den eher sperrigen Exponaten findet sich ein Zeltdach für einige hundert Besucher, unter dem bis Ende dieses Monats allmorgendlich auf der Plaza die Nationentage begangen werden (Wert: etwa 1,5 Millionen Mark). Gleich nebenan, am Rande der Preussag-Arena, steht ab 1. November ein komplettes Nudel-Restaurant für einige hunderttausend Mark zum Kauf an. Mobiliar und Küche der Italo-Kneipe gelten als nahezu neuwertig - der Besuchermangel hat den Betreiber fast in den Ruin gezwungen.

Troostwijks größtes Problem nach Abschluss der Expo bleibt der Zeitdruck: Gerade mal 14 Tage haben Verkäufer und Monteure wegen der »EuroTier 2000« Zeit, den Teil der Expo besenrein zu hinterlassen, der sich auf dem Gelände der hannoverschen Messe AG befindet - darunter die gesamten Afrika-, Südamerika-, Karibik- und Themenpark-Hallen.

Gegen den Abbau der Expo, glaubt van den Brink, werde sich der rund sechswöchige Aufbau der Weltausstellung wie ein Film in Zeitlupe ausnehmen. Immerhin brachten es nach Eröffnung der Expo am 1. Juni einige Nationen wie Venezuela auf mehrere Wochen Verspätung, ehe sie ihre Pavillons öffneten. Doch diesmal werde die Messe AG knallhart agieren, sagt der Ausverkäufer: »Was am 15. November noch in den Hallen steht, landet auf dem Müll.«

Um wenigstens den Lieblingsstücken der Expo-Macher dieses Schicksal zu ersparen, hat der Verkauf des Themenparks bereits begonnen. Seit Anfang des Monats können Museen, Städte, Freizeitparks und private Sammler für so einzigartige Skurrilitäten wie die »Statue der Mythen« (aus dem »Planet of Visions") oder die 72 schwärmenden Roboter aus der Halle »Wissen, Information, Kommunikation« bieten, per E-Mail und Telefax.

Renner unter den Exponaten des Themenparks sind die Schaukel-Liegen, die im Themenbereich »Gesundheit« Abertausende Expo-Besucher in den Schlaf gewippt haben. »Von den Sesseln«, sagt van den Brink, »könnten wir noch 500 nachbauen und würden die Nachfrage nicht befriedigen.«

Knapp zehntausend potenzielle Käufer haben die Exponate bereits auf der Troostwijk-Website im Internet (www.troostwijkexpo2000.de) begutachtet, etwa den Drehstuhl »Picto« oder die »Alphanummerische Anzeigetafel«, von der bis Ende des Monats noch 20 Exemplare den Besuchern der Expo die Wartezeiten vor den einzelnen Pavillons verkünden.

Die Versteigerungen dieser Kleinteile will Troostwijk spätestens im Dezember durchziehen, vermutlich in einem der Pavillons der Nationen, die frühestens bis Frühjahr nächsten Jahres geräumt sein müssen, weil sie nicht direkt zum Messegelände zählen. Sämtliche Siemens-Computer der Expo-Angestellten werden dagegen im Januar nächsten Jahres zur Auktion stehen. »Bevor die verkauft werden, müssen die Festplatten gelöscht sein«, sagt van den Brink. Schließlich wolle die Expo den Käufern keine Firmengeheimnisse hinterlassen.

Bis dahin freilich wird die einst stolze Breuel-Firma »Gesellschaft zur Vorbereitung und Durchführung der Weltausstellung Expo 2000 mbH« ohnehin den Zusatz »in Liquidation« tragen und aller Voraussicht nach von Bund und Land Niedersachsen schuldenfrei gestellt sein. »Wir rechnen damit, dass die Verbindlichkeiten noch in diesem Jahr von den Gesellschaftern übernommen werden«, sagt Ernst Hüdepohl, künftiger Geschäftsführer der Expo GmbH »i. L.«.

Hüdepohl rechnet jedoch mit einer Frist von mehreren Jahren, bis die Expo ihre Geschäfte endgültig einstellen kann. »Mit der Schließung der Pforten fängt für uns der Papierkram erst an.« So hätten viele der Nationen ihre Rechnungen bis heute noch nicht gezahlt. Allein die Miete

für die Stände in den Hallen betrage 1000 Mark und mehr pro Quadratmeter. Zudem zierten sich viele Restaurant- und Kiosk-Besitzer, ihre Konzessionsabgaben zu zahlen, da sie mit mehr Besuchern und mehr Umsatz gerechnet hatten. »Da fehlen derzeit an die 30 Millionen Mark«, so Hüdepohl. Ein großer Teil davon, fürchtet der Mann, sei freilich kaum noch einzutreiben.

Auch von den Ticket-Erlösen sei bislang nur ein Teil auf den Konten der Expo eingegangen, klagt der angehende Abwickler der Weltausstellung. »Millionen Tickets sind noch nicht endgültig abgerechnet«; man sei zum Teil in Verhandlungen mit Karten-Countern in Sri Lanka und anderen entlegenen Gegenden der Welt. Ein »komplettes Chaos« hätten allerorten vor allem die nachträglich eingeführten Preisnachlässe für die Eintrittskarten verursacht.

Ebenso unübersichtlich ist bisher, was aus 50 Pavillons wird. Lediglich die Franzosen haben für ihren Bau bereits eine verbindliche Nachnutzung vereinbart - er wird ein Sportkaufhaus beherbergen. Einige weitere Gebäude wie der britische, polnische und türkische Pavillon sollen möglicherweise ebenfalls Turnhosen und Joggingschuhe präsentieren.

Fest steht, dass der berühmteste Pavillon auf dem Gelände, der niederländische »Landschafts-Big-Mäc«, von fünf auf drei Etagen gestutzt werden muss. Die hohe Bebauung des Terrains hatten die Behörden lediglich zur Expo-Zeit geduldet. Ob der Rest-Pavillon stehen bleiben kann, ist noch ungewiss: »Wer will schon ein Bürohaus kaufen, in dessen drittem Stockwerk ein Wald steht?«, fragt ein niederländischer Mitarbeiter von Troostwijk.

Expo-Abwickler Hüdepohl hofft trotz aller Unwägbarkeiten auf eine relativ schnelle Abwicklung der Weltausstellung. Dabei müsste der Jurist aus eigener Anschauung wissen, dass sich so etwas ziehen kann: Als er Anfang der neunziger Jahre als Sachbearbeiter im Bonner Finanzministerium antrat, hätten Kollegen dort gerade die letzten Akten zu den Nachwehen der Olympischen Spiele in Deutschland geschlossen, erzählt Hüdepohl: »Wohlgemerkt, das waren die Spiele von 1936.« HANS-JÖRG VEHLEWALD

* Am 4. Juni, mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

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