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Rauschgift Risiko gering

Jugendliche Jugoslawen berauschen sich -- am »Schwund« aus dem internationalen Drogen-Transfer, der über Jugoslawien läuft.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Die subtilste feindliche Diversion entdeckte das Beigrader Wochenblatt »Nin": Rauschgift. Denn mit den Hippies ist Hasch. mit Disk-Klubs auch die Droge dort heimisch geworden.

Junge Leute in Jugoslawien fixen und haschen in Museen und Kirchen. in Parks und Konditoreien. auf der Bei grader Türkenfestung Kalemegdan genauso wie auf den Treppen-Stufen vor dem Zagreber Kroatischen Nationaltheater, im Café »Continental« zu Rijeka und bei Séancen in Studentenbuden.

Mindestens 40 000 -- meist junge Narkomanen in Jugoslawien beziehen aus dem Westen LSD und Pillen, aus dem Osten Hasch und Marihuana. Sie lösen Heroin in Kognak, Kodein in Wasser und Apaurin in Bier auf.

Sie fälschen und stehlen Rezepte, prostituieren sich für den Stoff -- und dürfen kaum auf Hilfe rechnen, weil es in ganz Jugoslawien keine spezielle Anstalt für sie gibt; Drogengenuß war in den Aufbau des Sozialismus nicht einkalkuliert worden.

Der Zagreber Arzt Ivo Gabelic meint, die Sucht habe in Jugoslawien »epidemische Ausmaße angenommen«. Dusko Modli von der Zagreber Kripo gibt zu, man stehe »unmittelbar vor alarmierenden Verhältnissen«. Eine Belgrader Schülerin: »Wir sind 32 in meiner Klasse: davon haben es 13 schon probiert.«

Allein in Neu-Belgrad, dem bevorzugten Wohnsitz gutgestellter jugoslawischer Bundesbeamter und Generale, beobachten Miliz und Sozialarbeiter rund 50 verdächtige Treffpunkte, denn die Rauschgiftler stammen, so Professor Stojiljkovic, ein Psychopathologe, »vor allem aus angesehenen Familien«.

In Alt-Belgrad aber stolperte ein Heizer sogar im Keller des Wohnhauses an der Cika Ljubina Nr. 1 über eine betäubte Runde von sieben minderjährigen Drogenfreunden -- nur sechs Häuser entfernt vom Zentralsitz der jugoslawischen Zollkontrolle, wo Schmuggel-Referent Vido Popadic über 2400 Fahnder mit Detektoren, Quarzlampen, elektronischen Waagen, Schnellbooten und skandinavischen Spürhunden im Wert von je 4000 Dollar gebietet.

Denn Jugoslawien ist eine wichtige Station auf dem internationalen Drogenweg, der Nepals Hauptstadt Katmandu, die Mohnfelder von Chorassan Fars und Isfahan sowie das Sultan-Ahmed-Viertel von Istanbul mit Pushern in Europa verbindet. Andere Kanäle. über die Europa mit Rauschgiften versorgt wird, enden zunächst im Hafen von Bar und auf dem Flughafen Cilipi bei Dubrovnik, wo sudanesische Händler Heroin verladen.

Auf dem Weg vom Goldenen Horn zum Belgrader Platz der Republik kann der Preis für Haschisch verzwanzigfacht werden und auf der Weiterreise vom Belgrader Dealer-Treff »Zagreb« bis zur kroatischen Landeshauptstadt Zagreb seinen Wert dann verdoppeln -- und noch einmal auf dem Weg von Zagreb nach Triest.

Das Berufsrisiko in Jugoslawien ist gering: Drogenmißbrauch ist dort nicht strafbar, illegaler Besitz kann allenfalls mit 30 Tagen Haft geahndet werden. und wer Rauschgifte schmuggelt oder feilbietet, muß höchstens mit drei Jahren Gefängnis rechnen.

Davon macht die jugoslawische Justiz keinen Gebrauch: Während im italienischen Triest ein 20jähriger jugoslawischer Seemann für 14 Gramm Haschisch, versteckt in einer Schachtel »Kent«, zwei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 200 000 Lire einfing, erhielt für 1 8.5 Kilo Hasch in Jugoslawien ein gefaßter Türke nur drei Monate.

Für 17 Kilo Hasch verfolgte die italienische Polizei zwei Landsleute von Pakistan bis nach Triest, wo sie zugriff; Mohammed Sadik hingegen, ein ehemaliger pakistanischer Polizist, erhielt in Jugoslawien für 176 Kilo nur ein Jahr Gefängnis. Und während im Iran jeder Besitzer von mehr als zwei Kilo Opium oder 200 Gramm Heroin mit Hinrichtung rechnen muß, wurde im jugoslawischen Vinkovci ein Dealer zu nur drei Monaten Gefängnis verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden: Unter dem Vorwand, es handele sich um Mentholzigaretten, hatte er Hasch an Jugendliche verteilt.

Obgleich Jugoslawiens Zoll seinen Beuteanteil von 80 auf 700 Kilo jährlich steigern konnte, ist das, was der Fiskus anschließend im Heizkraftwerk Kolubar verbrennt, nur der Bodensatz jener Mengen, die Titos Reich passieren: Vollkommen unbehindert konnte so ein Lkw mit 25 Tonnen Kürbis Jugoslawien durchqueren. der hinter einer Doppelwand eine halbe Tonne Opium und 54 Kilo Morphium mit sich führte. Zwei Jugendlichen gelang es, 20 000 Tabletten Preludin -- in Belgrad bis vor kurzem noch rezeptfrei -- nach Göteborg zu schmuggeln. und 300 Kilo Hasch. die im vorigen Jahr in einer Münchner Wohnung entdeckt wurden. kamen gleichfalls über Jugoslawien.

Der Chauffeur Vlastimir Stojiljkovic, der ein vom Zoll beschlagnahmtes und durchsuchtes Schmuggelauto ersteigert hatte, entdeckte bei einer genaueren Prüfung in zwei Verstecken noch einmal 128 Haschpakete mit 24 Kilo.

Nachsichtig zeigen sich Jugoslawiens Behörden, wenn es um landeseigene Ware geht. In Mazedonien, wo mehr Bodenfläche als in der chinesischen Opiumprovinz Jünnan unter Mohnkulturen steht, sind innerhalb von vier Jahren 38 520 Kilogramm Roh-Opium spurlos verschwunden: Nicht einmal ein Prozent konnte wiedergefunden werden -- als Morphiumstaub in Paris oder im Besitz von Straßenverkäufern in Triest.

Aufgrund einer der letzten Anweisungen des am 31. Dezember ausgeschiedenen Uno-Generalsekretärs U Thant bereist in diesen Tagen eine Kommission Jugoslawien. um zu prüfen, was es mit den tonnenschweren Schwundmengen in Jugoslawien auf sich hat -- und mit den Schmuggler-Witzen.

Bei Fahndungen, so erzählen die Schmuggler, seien immer drei Polizisten anwesend: einer, der die Ware empfängt, ein anderer, der sie beschlagnahmt, und ein dritter, der von allem keine Kenntnis nimmt.

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