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FRANKREICH Risse im Damm

Bischöfe gegen den Staat. Sie sehen eine geheiligte Einrichtung bedroht: den freiwilligen außerschulischen Religionsunterricht. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Dem früheren Verteidigungsminister Paul Quiles war er die Quelle des »Familienglaubens«. Dem Fußballnationalspieler Bernard Lacombe hat er »im ganzen Leben geholfen«. Die Schriftstellerin Jeanne Bourin hat dort gelernt: »Beten, das ist telephonieren mit IHM.«

»Le catechisme«, der von Laien verabfolgte erste katholische Religionsunterricht für Sieben- bis Zwölfjährige, hat bei Generationen von Franzosen nostalgische Spuren hinterlassen. »Le cate«, wie er im Schülermund heißt, ist beliebter Gegenstand in Literatur und Film.

Und obwohl im über 80 Prozent katholischen Frankreich heute nur noch etwa jeder zehnte Christ sonntags zur Messe geht, besuchen weiter im Schnitt

45 Prozent der Kinder diese freiwillige Bet-, Bibel- und Lebenshilfestunde.

Sie ist in Gefahr geraten: Die Regierung will, um das lange Wochenende zu realisieren, den Schulunterricht vom Sonnabendvormittag auf den bisher schulfreien Mittwoch verlegen. Damit bliebe keine Zeit mehr für »le catechisme«, den es traditionell stets mittwochs gibt.

Frankreichs Bischöfe protestieren, ein ernster Konflikt Staat/Kirche zeichnet sich ab. Denn die Bischöfe sehen in der Verlagerung des Unterrichts den Bruch eines über 100 Jahre alten Gesetzes.

Stellvertretend für alle Amtskollegen, haben der Erzbischof von Bourges, Pierre Plateau, und der Bischof von Angouleme, Georges Rol, die Verwaltungsgerichte gegen die Regierung angerufen.

Anfang November wetterte Monseigneur Plateau vor der Konferenz der Bischöfe im Pyrenäen-Wallfahrtsort Lourdes: »Wenn ein Staudamm Risse zeigt, muß man sofort eingreifen, bevor es zu Katastrophen kommt.«

Die Feindschaft zwischen Staat und Kirche in Frankreich ist alt. Vor allem die in ihren ersten drei Jahrzehnten betont antiklerikale Dritte Republik (1870 bis 1940) nahm der Kirche, die sie als engsten Verbündeten der Rechten und der Monarchie ansah, eine Position nach der anderen.

Schon 1882 strich der Staat den Religionsunterricht aus dem Lehrplan der öffentlichen Schulen. 1905 wurde die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt: Die Kirche verlor ihren öffentlichrechtlichen Charakter, den sie in Deutschland bis heute fast unbestritten behauptet, und wurde privatem Vereinsrecht unterworfen. Der Staat zahlt seither keine Priestergehälter mehr.

Bis heute ist Frankreich das am weitesten säkularisierte Land Westeuropas geblieben. Seine Kirche erhebt keine Steuer wie die verwöhnten Schwesterkirchen in der Bundesrepublik. Ihren Dienern vom Vikar bis zum Kardinal gewährt die Kirche ein einheitliches Minigehalt, dessen Hauptquelle Spenden oder Einnahmen aus Publikationen sind.

Doch das Leben in Armut hat Frankreichs katholische Kirche aktiv und kämpferisch erhalten. Das soll nun die Regierung zu spüren bekommen.

1882 hatte der Staat immerhin ein Zugeständnis gemacht: Per Gesetz wurde ein Wochentag - der Donnerstag - für die religiöse Erziehung freigehalten, seit 1972 ist es der Mittwoch. Auf dieses Recht pochen nun vor den beiden Verwaltungsgerichten die Bischöfe.

Daß ein solcher Konflikt Kirche/Staat ausgerechnet unter einer Rechtsregierung ausgebrochen ist, bringt den gaullistischen Premierminister und Katholiken Jacques Chirac in Verlegenheit.

Aber Chirac war in Zugzwang geraten. Seit Jahren drängt eine mächtige Lobby aus Tourismusindustrie, Gewerkschaften und der überwiegend links angesiedelten Lehrerschaft auf Einführung des langen Wochenendes. Die Regierung hatte den Konflikt zu umgehen versucht: Klammheimlich strichen unter dem Tarnmantel »Dezentralisierung« Außenstellen des Pariser Erziehungsministeriums schwerpunktartig den sonnabendlichen Schulunterricht.

Plötzlich wurde in Städten wie Poitiers, Bourges und Angouleme statt am Sonnabend am Mittwoch unterrichtet. Und statt zum gewohnten »cate« gingen die Kinder mittwochs in die Schule.

Bevor das Modell auf ganz Frankreich ausgedehnt werden konnte, rebellierten die Bischöfe. Übereinstimmend vertreten sie die Meinung, daß der »catechisme« weit über eine konfessionelle Übung hinaus ein »kulturelles nationales Erbe« sei, das gewahrt werden müsse.

Das vage Angebot der Regierung, die Katechese künftig statt mittwochs einfach samstags oder abends zu halten, weisen die Seelsorger entschieden zurück. Die katholische Tageszeitung »La Croix": Samstags zum »cate« zu gehen verlange von den überlasteten französischen Kindern »wahren Heroismus"dem »catechisme« drohe daher der »Zusammenbruch« - mit schlimmen Folgen für die Kirche, für die das Katechismus-System ein wichtiger Stützpfeiler ist.

Etwa 220000 Laien, die meisten von ihnen Frauen, leisten kirchliche Basisarbeit. Und sie stützen eine Priesterschaft, die an Nachwuchsmangel und an Überalterung - Durchschnitt: 61 Jahre - schwer leidet.

Mit ihren Verwaltungsgerichtsklagen wollen die Bischöfe denn auch nicht nur feststellen lassen, daß der Raub des »cate«-Mittwochs illegal sei. Sie wollen eine Debatte im Parlament erzwingen, in der die Politiker vor ihren lokalen Wählern Farbe bekennen müßten.

Ihre Erfolgsaussichten schätzt die Kirche günstig ein. Denn ein glänzender Sieg ist noch in frischer Erinnerung und mahnt die Politiker zur Vorsicht: 1984 hatte die sozialistische Regierung des Staatspräsidenten Francois Mitterrand die zumeist katholischen Privatschulenin die 16 Prozent der französischen Schüler gehen - dem öffentlichen Unterrichtssystem gleichschalten wollen. Etwa eineinhalb Millionen Eltern und Schüler gingen daraufhin protestierend auf die Straße.

Mitterrand beugte sich dem Druck des Kirchenvolkes, zog das Gesetz zurück und feuerte seinen Premierminister Pierre Mauroy.

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