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ENGLAND / U-BOOTE Risse im Rumpf

aus DER SPIEGEL 41/1966

In zartes Himmelblau gekleidet, schmetterte Königinmutter Elizabeth im nordenglischen Hafen Barrow-in -Furness eine Flasche Portwein gegen den Bug des zigarrenförmigen U-Boot -Rumpfs: »Ich taufe dieses Schiff 'Resolution'. Möge Gott es so wie alle segnen, die in ihm fahren.«

Am Tag des Stapellaufs der »Resolution« sank das deutsche U-Boot »Hai«. Eine Woche später wurden an dem 7000 Tonnen schweren Briten-Tauchboot - die Tonnage entspricht der des leichten Kreuzers »Leipzig« aus dem Zweiten Weltkrieg - mikroskopisch feine Haarrisse entdeckt.

Die »Resolution« ist das erste von vier atomgetriebenen Polaris-U-Booten der königlichen Marine. Sie werden die klingenden Namen historischer Schlachtschiffe tragen, weil sie, - so der englische U-Boot-Befehlshaber Ian Lachlan Mackay McGeoch - die neue »Grand Fleet« bilden sollen. (Amerika hat 60 Atom-U-Boote, davon 41 mit Polaris -Raketen, die Sowjet-Union 45 Atom -U-Boote, davon 25 mit Raketen.)

Der Bau der britischen U-Boot-Flotte

- Polaris-Boote plus fünf weiterer

Atom-U-Boote mit konventionellen Waffen - begann 1958. Die »Dreadnought« und die »Valiant« wurden mittlerweile in Dienst gestellt, die »Warspite« ist vom Stapel gelaufen, die »Churchill« liegt noch auf den Helligen. Im September 1966 wurde das fünfte der Boote mit konventioneller Bewaffnung in Auftrag gegeben.

Die Boote sind unter Wasser - sie tauchen wahrscheinlich bis zu 800 Meter tief - einem enormen Druck ausgesetzt: ungefähr 5,5 Tonnen pro Quadratzentimeter. Ihm hält nur ein Spezialstahl von besonderer Reinheit mit hohen Nickel- und Chromzusätzen stand. Die Zubereitung der Mixtur war sogar den Amerikanern schwergefallen.

Anstatt aber den amerikanischen Stahl HY 80 zu kaufen, gaben die britischen Mariner ihren Stahlkochern den Auftrag, eine eigene Legierung zu entwickeln. Sie sollte noch bessere Eigenschaften haben als die amerikanische. Der Vater der amerikanischen Atom -U-Boote, Vizeadmiral Hyman Rickover, warnte. »Ich weiß, die Engländer ... haben nicht genug Hirn, um solche Schiffe selbst zu bauen.«

Tatsächlich unterschätzten die Briten das Vorhaben. Im Gegensatz zur amerikanischen Marine setzte die britische Admiralität für die neue Waffengattung kein straff gelenktes System-Management ein. Statt dessen bearbeiteten das Projekt Beamte, die den Anforderungen - wie Spezifizierung der Aufträge - nicht gewachsen waren. Folge: Der heimische Stahl QT 35 entsprach nicht den Erwartungen. Ein größerer Auftrag ging 1963 in die USA.

Für die Boote mit fertigem Druckkörper war es jedoch zu spät. In den Schweißnähten der »Dreadnought« zeigten sich Haarrisse. Das lädierte Schiff wurde in diesem Jahr aus dem Verkehr gezogen.

Wahrscheinlich entstanden die Risse

- wie die amerikanische Firma General Dynamics Corp: entdeckte - durch den Umstand, daß Stahllegierungen sich im Freien, auf den Werften, anders verhalten als bei den Versuchen in geheizten Laboratorien.

Der »Sunday Telegraph« vermutet, daß »diese Information der Royal Navy von den Amerikanern nicht voll zugänglich gemacht worden war oder von englischen Werften nicht richtig ausgewertet wurde«. Im letzteren Fall könnten auch die mit US-Stahl gebauten Schiffe rissig werden.

Die »Resolution« ist möglicherweise ein solches Boot (welche Boote mit welchem Stahl gebaut wurden, bleibt geheim). Bei ihr traten die Haarrisse an den Schweißstellen des ganzen Schiffes einschließlich des Kernreaktorgehäuses auf.

Die Regierung versicherte zwar, daß die Boote im Verteidigungsfall ohne Gefahr für die Mannschaft eingesetzt werden könnten. Vorerst aber begrenzte sie für das einzige noch im Dienst stehende atomare U-Boot, die »Valiant«, Tauchtiefe und Geschwindigkeit. Es ist wahrscheinlich mit Stahl made in England gebaut.

Atom-U-Boot »Resolution« (beim Stapellauf)

Geplatzter Stahl

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