Zur Ausgabe
Artikel 13 / 84

Ahlers Ritz-ratze

Auch die Warnung von 20 Bundestagsabgeordneten vor Conrad Ahlers konnte die Partei-Karriere des Staatssekretärs einstweilen nicht bremsen.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Jungsozialist Siegfried Bohn ließ bürgerlichen Anstand fahren. Um die SPD-Kandidatur des Juso-Gegners Conrad Ahlers im Wahlkreis 152 Bad Kreuznach-Birkenfeld in letzter Minute noch zu verhindern, wurde der Jura-Student aus Bad Kreuznach indiskret.

In der überfüllten Turnhalle des Nahe-Städtchens Sobernheim enthüllte er am vergangenen Dienstagabend den 250 Delegierten der SPD-Wahlkreiskonferenz, nicht nur die Jungsozialisten hätten Einwände gegen die Nominierung des Staatssekretärs. Auch 20 Bundestagsabgeordnete der SPD nähmen Anstoß an Ahlers« Partei-Karriere.

Doch das Parteivolk von Nahe und Hunsrück, vom rheinland-pfälzischen SPD-Landesvorsitzenden und bisherigen Wahlkreis-Abgeordneten Wilhelm Dröscher (Partei-Slogan: »Der gute Mensch von Kirn") auf den Regierungssprecher programmiert, ließ sich nicht irritieren. Mit 214 zu 33 Stimmen triumphierte Ahlers über die Juso-Favoritin Eva Meinerts, 41, Kinderbuch-Autorin ("Ritz-ratze, fertig ist die Mietzekatze") und Lehrerin im westfälischen Gütersloh.

Und neben der Kandidatur für den neuen Bundestag verhalf das Bohn-Bonbon dem Regierungssprecher noch zu einem Triumph über seine Intimfeinde in der alten SPD-Bundestagsfraktion.

Unter Führung des Düsseldorfer Studiendirektors Karl-Heinz Hansen

hatten 20 linke SPD-Abgeordnete, darunter zehn Lehrer, am 25. August in einem Brief an Dröscher den Kandidaten Ahlers angeschwärzt und ihren persönlichen Einsatz für den Fall zugesichert, daß nicht Ahlers, sondern Eva Meinerts nominiert würde.

Das Links-Kollektiv begründete die Heimlichkeit seiner Intervention damit, man wolle Ahlers »nicht Gelegenheit geben ... zu weiteren Entgleisungen, wie einige von uns sie offen in der Fraktion gerügt haben«. Das Urteil der 20: »Wir sind der Meinung, daß Eva Meinerts ... eine bessere Repräsentantin des demokratischen Sozialismus, also unserer Partei, ist als Conrad Ahlers.«

Sofort informierte Dröscher seinen designierten Nachfolger über den Schuß aus Bonn und versicherte Hansen, er halte den Junggenossen Ahlers für den geeigneten Repräsentanten.

In einem Ahlers-Psychogramm entschuldigte Dröscher die gelegentlichen Ausrutscher des hanseatischen Kaufmannssohnes: »Natürlich machen solche Leute, die nicht von Hause aus als Sozialdemokraten geboren wurden und vielleicht auch nicht durch Jugenderlebnisse auf die Seite der Schwächeren gekommen sind, einen Lernprozeß mit. Ich bin davon überzeugt, daß Ahlers in diesem Lernprozeß ... eine Position mindestens in der Mitte der Partei finden wird.«

Der gescholtene Parteilehrling freilich antwortete den Frondeuren weniger zimperlich. Am 4. September charakterisierte er die Aktion seiner Kritiker als »ungewöhnliches Dokument der innerparteilichen Auseinandersetzung«. Ahlers fühlte sich in seiner Lebensregel bestätigt, »daß diejenigen, die von einer Sache am lautesten sprechen -- in unserem Fall von Solidarität -- dazu am wenigsten in der Lage sind«. Deshalb nehme er auch an, »daß Sie zu einem geeigneten Zeitpunkt Ihren Brief »durchsickern« lassen werden«.

Einen Tag nach dem Bohn-Auftritt entrüstete sich Ahlers denn auch in einem Rundbrief an die Genossen, viele von ihnen hätten ihm gegenüber »mit einer geradezu ehrenwörtlichen Versicherung hervorgehoben«, den Brief an Dröscher nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Ahlers: »Man sieht also leider, was es mit solchen »Versicherungen« auf sich hat und wie gut Sie sich auf Ihre jungsozialistischen Assistenten und Hilfstruppen verlassen können.«

Mitkritiker Dietrich Sperling möchte den Streit mit dem Kreuznacher Kandidaten nach der Nominierung am liebsten beenden. Er will Ahlers gegenüber künftig mehr Geduld üben: »Innerparliche Konflikte mit Ahlers müssen sein, dürfen aber nicht dominieren.«

Doch der Staatssekretär ist böse: »Das war eine unfaire Intrige. Ich will mit diesen Jusos nichts mehr zu tun haben, nichts im Guten und nichts im Bösen.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren