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Südafrika RIVALEN UND VERBÜNDETE

Sie mögen sich nicht, aber sie sind aufeinander angewiesen. Schwarzenführer Mandela und der weiße Präsident de Klerk wollen Gleichheit zwischen den Rassen stiften. Der Friedensnobelpreis soll ihnen dabei neue Schubkraft geben. Doch die Bevölkerung reagiert skeptisch.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Der Galeristin Nathalie Knight verschlug es die Sprache: Der hochaufgeschossene grauhaarige Mann, der da mit etwas hölzernem Schritt ihren Laden im vornehmen Johannesburger Einkaufszentrum Hydepark-Corner betrat, war wirklich Nelson Mandela. Der Politiker erkundigte sich nach dem Preis eines Gemäldes, das er in der Auslage entdeckt hatte.

Auf dem Bild schütteln sich der Schwarzenführer und der Präsident der weißen Südafrikaner, Frederik Willem de Klerk, die Hände. »Tag der Entlassung aus der Haft - erster Handschlag« hat der Maler Tommy Motswai sein Werk betitelt.

Mandela und de Klerk wissen es besser: Schon zwei Monate vor der Entlassung aus dem Gefängnis (11. Februar 1990) trafen sich der Präsident und der seit über 27 Jahren wegen Hochverrats inhaftierte Gefangene. De Klerk ließ den Häftling heimlich in seinen Amtssitz in Kapstadt bringen, um mit ihm über die Zukunft Südafrikas zu diskutieren.

Seitdem haben sich die beiden Politiker Hunderte Male die Hände gereicht. Das Gemälde, das Mandela für 1800 Rand (900 Mark) erstand, schmückt nun das Arbeitszimmer des ANC-Präsidenten im 22. Stock des Shell-Hauses, dem Hauptquartier der Organisation im Zentrum Johannesburgs.

Der historische Kompromiß zwischen den ehemaligen Todfeinden hat Südafrikas finsteres Kapitel der Apartheid beendet - zumindest auf dem Papier. Was vor dreieinhalb Jahren noch undenkbar schien und für Afrika so bedeutend ist wie die Umwälzungen im Ostblock für Europa, wird heute am Kap in einem mühevollen Reformprozeß verwirklicht.

Die diskriminierenden Gesetze wurden abgeschafft; Vertreter aller Bevölkerungsgruppen handeln eine neue Verfassung aus. Südafrikaner aller Hautfarben werden zum erstenmal in der Geschichte des Landes im kommenden Jahr ein Parlament wählen.

Das Schicksal Südafrikas liegt maßgeblich in den Händen der beiden Männer, die in der internationalen Politikerkaste zu den wenigen positiven Helden zählen: Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk. Vorigen Freitag wurde ihnen der Friedensnobelpreis für ihre Anstrengungen zuerkannt, »die Apartheid friedlich zu beenden«.

»Wir wissen, daß wir etwas riskieren«, begründete der Vorsitzende des Preiskomitees die Entscheidung, die von der Hoffnung getragen werde, zu »weniger Gewalt« beizutragen. Seit Mandelas Freilassung sind bei Unruhen in Südafrika über 10 000 Menschen umgekommen.

Die beiden Preisträger Mandela, 75, und de Klerk, 57, haben wenig miteinander gemein: Der ANC-Präsident, der in einer Häuptlingsfamilie in der Transkei aufwuchs, verkörperte jahrzehntelang die unterdrückten schwarzen Massen. Während seiner langen Haft wurde er zum Symbol des Widerstands gegen die Apartheid.

Der weiße Präsident, Sproß einer seit Generationen politisch aktiven burischen Familie, dagegen vertrat jahrzehntelang die Politik der Rassentrennung und die damit verbundene Macht der weißen Minderheit.

Beide haben Jura studiert und als Anwälte gearbeitet. Als der Cumlaude-Absolvent de Klerk 1961 in der Kleinstadt Vereeniging eine Kanzlei aufmachte, war Nelson Mandela nach dem Verbot des ANC (1960) gerade in den Untergrund gegangen und organisierte von dort Streiks und Protestaktionen gegen die Apartheid. 1972 wurde de Klerk ins Parlament gewählt; da hatte Mandela gerade die ersten zehn Jahre seiner lebenslangen Haftstrafe hinter sich.

Es war kein Damaskus-Erlebnis, das den in seiner eigenen Partei als konservativ geltenden Apartheidsapostel de Klerk in einen kühnen Reformer verwandelte, sondern Einsicht in neue Verhältnisse:

Mitte der achtziger Jahre schwächten Südafrikas Schwarze in wochenlangen Streiks die Wirtschaft am Kap, die schon zunehmend unter internationalen Sanktionen litt. Der ANC verschärfte seinen Untergrundkampf. Draußen in der Welt kollabierte der Kommunismus und konnte nicht länger als Schreckgespenst für Unterdrückungsmaßnahmen in Südafrika herhalten.

Gegen heftigen Widerstand aus den eigenen Reihen und der weißen Ultrarechten ließ de Klerk im Februar 1990 die verbotenen politischen Organisationen (ANC, PAC, Kommunistische Partei) wieder zu. Er setzte Mandela und andere Gefangene auf freien Fuß und begann den Dialog mit dem früheren Feind.

Doch von der Macht wollte der »Gorbatschow Afrikas« (The Economist) deshalb nicht lassen. »Erwarten Sie nicht, daß ich mich durch Verhandlungen selbst aus dem Amt katapultiere«, scherzte de Klerk 1990. Er setzte sich dafür ein, daß das Präsidentenamt unter den großen Parteien »rotiert«.

Während de Klerk im Ausland viel Beifall findet, schrumpft in Südafrika die Zahl seiner Anhänger. Frühere Wähler seiner Nationalen Partei laufen verschreckt von der wachsenden Gewalt und aus Angst vor der Zukunft zu rechtsradikalen Weißen-Parteien über.

Aber auch der ANC-Patriarch gerät in Nöte: Die Jugendlichen in den Schwarzen-Ghettos werden immer ungeduldiger. Sie fürchten, daß ihre Revolution durch die moderate Führung in jahrelangen Verhandlungen verraten werde. Zwar genießt Mandela noch immer den Respekt der »jungen Löwen«. Immer öfter aber stößt er auf eisiges Schweigen oder gar Pfiffe, wenn er die Halbwüchsigen zu Ordnung und Disziplin ruft.

Dennoch wollen 70 Prozent der Schwarzen Umfragen zufolge Mandela wählen, doch nur 3 Prozent der Weißen würden bei Präsidentschaftswahlen für den ANC-Chef stimmen.

»In der brisanten und blutigen politischen Situation unseres Landes gibt es«, so schreibt die Johannesburger Tageszeitung The Star, »nur eine einzige klar voraussagbare Perspektive - Mandela wird Südafrikas erster schwarzer Präsident.«

Fast ist es so, als ob der Noch-Präsident de Klerk und der Präsident im Wartestand Mandela ihre Rollen schon heute getauscht hätten. Auf seinen ausgiebigen Auslandsreisen, bei denen er nicht nur für Investitionen in Südafrika, sondern auch für die Wahlkampfkasse des ANC wirbt, wird Nelson Mandela bereits wie ein Staatschef empfangen.

Nach der Ermordung des ANC- und Kommunistenführers Chris Hani im April, als das Land in Blut und Chaos zu versinken drohte, kam Mandela de Klerk zu Hilfe: Er rief in Rundfunk und Fernsehen die Nation zur Ruhe auf.

Seine Appelle hatten Erfolg. Die Regierung bedankte sich, indem sie die Beerdigungsfeiern für den einst so verhaßten Guerillaführer Hani zwölf Stunden lang direkt im staatlichen Fernsehen übertrug. Tatsache ist: Präsident de Klerk kann Südafrika ohne die Hilfe Mandelas gar nicht mehr regieren.

So wie unter der südafrikanischen Bevölkerung die Euphorie der Wende vom Februar 1990 einer eher enttäuschten Abwartehaltung gewichen ist, hat sich auch das Verhältnis der beiden Politiker abgekühlt. »Es gleicht einer Achterbahn«, glaubt Hennie Kotze, Politologe an der Universität Stellenbosch, »ihre Beziehung zueinander ist ein Spiegelbild der ständig schwankenden politischen Lage Südafrikas.«

Bei einer Reise in die Vereinigten Staaten buhlten die beiden wie Kinder um den ersten Platz. Mandela nannte de Klerk »irrelevant« und »illegitim«. De Klerk konterte, Mandela solle sich in der Frage der Sanktionen nicht »wie ein Gott« benehmen.

Gleichwohl sind der weiße Reformer und der schwarze Revolutionär Verbündete im Kampf um eine friedliche Lösung in Südafrika. Beide haben eingesehen, daß sie einander brauchen. Präsident de Klerk über den Schwarzenführer: »Ich respektiere ihn. Wir sind in der Lage, unsere Differenzen beiseite zu schieben, wenn es darum geht, Südafrika Frieden zu bringen.« Mandela über de Klerk: »Er ist ein kluger Kerl. Ob es mir gefällt oder nicht, ich muß mit ihm zusammenarbeiten.«

Daß Mandela und de Klerk jetzt gemeinsam geehrt wurden, mißfällt vielen schwarzen Südafrikanern. »Mandela ist ein Befreier, de Klerk immer noch ein Unterdrücker. Wie können die beiden denselben Preis erhalten«, fragt das ANC-Mitglied Evelyne Mlabo erregt. »Mandela darf den Preis nicht annehmen.«

Am Freitag mittag brandete in den Straßen Johannesburgs Jubel auf. Doch die Begeisterung galt nicht dem Beschluß aus Oslo. Soeben hatte das Oberste Gericht zwei Weiße, die beiden Mörder des Kommunistenführers Hani, zum Tode verurteilt. Y

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