"Extinction Rebellion"-Mitgründer Hallam im Interview "Ich wäre ins Gefängnis gegangen - das ist wie mit der Weißen Rose"

Der umstrittene Aktivist Roger Hallam vergleicht den Klimawandel mit dem Holocaust. Meint er das ernst?
Roger Hallam

Roger Hallam

Foto: Hollandse Hoo/ picture alliance

Roger Hallam, 53, sitzt in Wales auf seinem Bauernhof. Nachdem er im September 2019 Spielzeugdrohnen in der Nähe des Flughafens Heathrow starten wollte, um gegen den Bau einer Startbahn zu protestieren, wurde er festgenommen. Inzwischen ist Hallam wieder frei, muss sich aber jeden Tag auf einer Polizeistation in der Nähe melden. 

Hallam war viele Jahre Bio-Bauer. Nach mehreren verregneten Ernten, so sagt er oft, habe er seinen Betrieb aufgegeben. Danach wollte er am Londoner King's College über Widerstandsbewegungen promovieren. Die Doktorarbeit stellte er nie fertig, er gründete im vergangenen Jahr mit einigen anderen "Extinction Rebellion", eine Bewegung, die mit friedlichen Blockaden und publikumswirksamen Aktionen die Regierungen der Welt dazu bringen wollen, ihre Treibhausgasemissionen zu senken. 

In Deutschland ketteten sich im Juni Aktivisten an den Zaun des Kanzleramts. Im Oktober blockierten sie in Berlin mehrere Kreuzungen und Brücken. Das Gespräch findet per Videoübertragung statt - bevor diese Woche Äußerungen in der "Zeit" bekannt werden, in denen Hallam den Holocaust verharmlost und der Ullstein-Verlag daraufhin ein Buch Hallams zurückzieht, das kommende Woche erscheinen sollte. Extinction Rebellion Deutschland hat sich von Hallam distanziert. Nachfragen dazu beantwortete Hallam schriftlich bis Mittwoch um 17.48 Uhr. Am Donnerstagabend entschuldigte er sich auf Facebook  für seine Äußerungen. Es sei nicht seine Intention gewesen, den Holocaust herunterzuspielen.

SPIEGEL: Sie behaupten, durch die Klimakrise würden in den nächsten zwei Generationen Milliarden Menschen sterben. Das ist doch Panikmache! 

Hallam: Der Weltklimarat sagt bis Ende des Jahrhunderts eine globale Erwärmung von bis zu vier bis fünf Grad voraus. Hinzu kommen Extremwetterereignisse aufgrund des sich verändernden Jet Streams, eines Starkwindbandes. Das bedeutet, dass sich Getreide nicht mehr im großen Stil anbauen lässt. Unsere Zivilisation beruht aber auf dem Anbau von Getreide, das man lange lagern kann. Die Folge ist massenhafter Hunger, der führt zu massenhaft Toten und irgendwann zum gesellschaftlichen Kollaps. Darauf folgt dann ein Völkermord oder Massenmigration oder eine Kombination aus beidem. 

SPIEGEL: Sind das nicht ziemlich viele Annahmen, die Sie da treffen? Allein dass sich nicht mehr genügend Getreide anbauen lässt, geht ja sehr weit. 

Hallam: Es ist ehrlich gesagt Ihre Verantwortung als Journalisten, diese Berechnungen anzustellen. Meine Verantwortung ist es, eine Rebellion gegen die Regierungen zu organisieren. Warum schreiben Sie keinen Artikel über den Zusammenhang von Klimawandel und Vergewaltigung? 

SPIEGEL: Wie bitte? 

Hallam: Was wird zur schwerwiegendsten Folge des Klimawandels für Frauen auf der ganzen Welt werden? Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbruch. Das bedeutet Krieg, das Abschlachten von Männern und die Vergewaltigung von Frauen. 

SPIEGEL: Sie können doch nicht den Klimawandel dafür verantwortlich machen, dass Frauen im Krieg vergewaltigt werden. 

Hallam: Nein, der Klimawandel ist nur das Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließt. Es ist nur der Mechanismus, durch den eine Generation eine andere tötet. 

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