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Norwegen Roher Stil

Nach sieben Jahren Pause erlaubte die Regierung die Jagd auf Robbenbabys wieder. Kritiker werden verfolgt und mundtot gemacht.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Die vermummten Männer, die von ihrem Kutter über die Bordleiter auf eine meterdicke Scholle Packeis klettern, nähern sich behutsam ihrer Beute. Aus kürzester Entfernung jagt der erste Schütze der jungen Robbe eine Kugel zwischen die Augen.

Sein Jagdgefährte zertrümmert dem Tier mit dem stumpfen Hammerende des Fanghakens die Schädeldecke, dann treibt er die leicht gekrümmte Metallspitze tief ins Robbenhirn. Der dritte dreht den nunmehr leblosen Meeressäuger auf den Rücken und durchtrennt die zu den vorderen Schwimmflossen laufenden Hauptschlagadern.

So soll sich das blutige Ritual vollziehen - exakt nach den 1972 und 1976 vom Osloer Fischereiministerium erlassenen und jetzt erneuerten »Bestimmungen über die Ausübung des Robbenfangs«, wonach »einem Tier schleunigst das Blut abzuzapfen ist«.

Den Blaurücken auf der Nachbarscholle, der sich an den massigen Rumpf der Mutter schmiegt, müssen die Fänger verschonen. Denn eine neue Verordnung untersagt das Töten von noch »säugenden Neugeborenen«. Das etwas abseits schnaubende Klappmützenmännchen dagegen wird weidgerecht erlegt.

Ausschließlich »humane Fangmethoden«, versichert die norwegische Regierung, würden beim Robbenfang zwischen Island und Spitzbergen angewendet, »um den Tieren unnötiges Leiden zu ersparen«. 17 000 Robbenbabys hat das Fischereiministerium für diese Saison zum Abschuß freigegeben - und damit das 1989 verhängte Fangverbot, das allerdings schon vergangenes Jahr zu »wissenschaftlichen« Zwecken aufgeweicht worden war, wieder aufgehoben.

Wer Zweifel an der vermeintlichen Feinfühligkeit äußert, wer die nun wieder erlaubte Jagd gar als barbarische Tierquälerei anprangert, weckt den geballten Volkszorn zwischen Oslo und Nordkap. Er muß zudem mit persönlichen Attacken des Außenministers wegen Verunglimpfung des »Ansehens der norwegischen Nation« und saftigen Bußgeldern wegen »aerekränkelse« (Beleidigung) rechnen.

Als erster machte diese Erfahrungen Odd Freddy Lindberg, 50. Dabei wollte der Umweltjournalist anfangs nur beweisen, daß die schrille internationale Kritik am Robbenfang unbegründet sei. »Ich war wie die meisten Norweger Nationalist bis auf die Knochen«, sagt Lindberg heute.

Im Spätwinter 1987 lief er zum erstenmal mit dem Fangschiff »Harmoni« von Tromsö aus. Vor der Ostküste Grönlands filmte, fotografierte und protokollierte er die blutige Hatz. Lindberg war entsetzt: »Alle Regeln wurden hundertprozentig gebrochen.« Doch in ersten Zeitungsartikeln und Schreiben ans Ministerium verschwieg er, daß die Fänger entgegen den Vorschriften fast ausschließlich neugeborene Blaurücken und die wegen ihres perlfarben schimmernden Babypelzes besonders begehrten Weißlinge totschlugen.

Im Frühling 1988 war Lindberg wieder mit der »Harmoni« auf dem Eis, nun als vom Ministerium ernannter Robbenfanginspektor. Den im Vorjahr beobachteten Frevel konnte er trotz seiner neuen Funktion nicht unterbinden. In seinem Bericht beschrieb Lindberg die systematischen Regelverstöße: Klappmützenweibchen wurden nicht nur aus »Sicherheitsgründen« getötet, sondern wann immer sich Gelegenheit bot. Selten wurden sie erschossen, meist nur mit dem Fanghaken erschlagen. Lindberg schaudert es noch heute: »Ganze Familien wurden ausgerottet.«

Oft betäubten die Männer die Robbenbabys nicht erst mit dem stumpfen Schlaghammer, sondern spießten sie einfach auf und schleppten sie zum Sammelplatz. Rührten sich die Tiere noch, traten die häufig alkoholisierten Peiniger ihnen den Schädel ein.

Lindberg filmte, wie noch lebenden Blaurücken und Weißlingen das Fell abgezogen wurde. Das Fischereiministerium erklärte den Horrorbericht umgehend zur Geheimsache, setzte aber eine Untersuchungskommission ein. 1989 verhängte das Kabinett ein Fangverbot auf den Wurfplätzen im Packeis.

Doch Lindberg hatte an seinem Erfolg keine Freude. Die Jäger von der »Harmoni« verklagten ihn 1990; das Amtsgericht in Sarpsborg erklärte sechs Punkte aus seinem Bericht für unbegründet. Als ehrenrührig wurden vor allem seine Eindrücke bewertet, »daß am Fangplatz jede Robbe um jeden Preis erlegt werden soll, ungeachtet der Methode und des Risikos«, daß »diese Menschen einen übertrieben rohen Lebensstil zu haben scheinen« und daß »die heutigen Verhältnisse für die Robben eine Tragödie heraufbeschwören und für Norwegen als Nation einen Skandal« bedeuteten.

Die Richter untersagten die Veröffentlichung von Teilen des Filmmaterials und verurteilten Lindberg zu Schadensersatz sowie zur Erstattung der Prozeßkosten - alles in allem fast eine halbe Million Kronen (etwa 115 000 Mark). Eine Berufung verwarf der Oberste Gerichtshof in Oslo.

So gestärkt, zog das Fängerkollektiv auch gegen die publizistischen Verbreiter der Lindberg-Botschaft vor Gericht. Das Lokalblatt Tromsö, das Teile des »Schockberichts« veröffentlicht hatte, und der schwedische Fernsehkanal TV 2 wurden je zu rund 400 000 Kronen Schadensersatz verurteilt. Gegen das norwegische Fernsehen ist noch immer eine Klage auf zweieinhalb Millionen Kronen anhängig, und vom Stockholmer Verlag Norstedts, bei dem Lindberg seine Erfahrungen als Buch herausgab, verlangen die Ehrenmänner von der »Harmoni« fast eine Million Kronen Schmerzensgeld.

Lindberg selbst wurde von der öffentlichen Meinung zum »Volksverräter« ernannt, seine Frau Marith als »Quisling-Hure« beschimpft. Unbekannte versenkten sein Motorboot; in Oslo bezog er unter lautem Jubel der Zuschauer auf offener Straße Prügel, einer sagte ungeniert in die Kamera eines Reporterteams: »Der gehört auf der Stelle abgemurkst.«

Entnervt zog Lindberg mit seiner Familie nach Schweden, wo er seither unter Polizeischutz an geheimgehaltenem Ort lebt. »Wären wir geblieben, wären wir vernichtet worden, psychisch und wohl auch physisch«, sagt er heute.

Eine rationale Erklärung für den »kollektiven Haßausbruch« (Lindberg) fällt schwer, denn wirtschaftlich ist die Robbenjagd für Norwegen praktisch bedeutungslos. Die Fänger, insgesamt an die 80 Männer, werden schlecht bezahlt, ein Geschäft machen sie nur mit den gepökelten Flossen und Rückenfilets, die sie am Finanzamt vorbei an Gaststätten und Haushalte verscherbeln.

Besser stehen sich die Reeder der vier konkurrierenden Fangschiffe: Sie erhalten einen Teil jener acht Millionen Kronen, mit denen Norwegen in diesem Jahr die Robbenjagd subventioniert. Denn ohne Geld vom Staat würde sich das Gemetzel gar nicht rechnen.

Den Hauptteil der staatlichen Zuschüsse streicht Christian Rieber aus Bergen ein, Monopolist für den Handel mit Robbenprodukten. In seiner Fabrik in Tromsö werden die begehrten Babyfelle und -häute gegerbt, aus denen Damenjacken und Aktentaschen gefertigt werden. Die Erzeugnisse gehen nicht nur nach Fernost, sondern trotz Importverbots offensichtlich auch in die Europäische Union, obwohl Rieber das bestreitet.

Das meiste Geld bringt der Babyspeck. Zu Öl gekocht, wird er an die pharmazeutische Industrie, an Margarineproduzenten und Farbenhersteller verkauft. Auch Reste läßt Rieber nicht verkommen, durch den Fleischwolf gedreht, kommen sie in Hunde- und Katzenfutter. In Japan, Taiwan und Hongkong ist ein anderes Restprodukt heiß begehrt: Robbenpenisse, zu Potenzpülverchen zermahlen.

Lindberg ist fest davon überzeugt, daß die Ende März wiederaufgenommene Jagd trotz verschärfter Auflagen auch dieses Jahr wieder zu grausiger Tierquälerei entartet. Unabhängige Beobachter gibt es nicht. Die Konkurrenz zwischen norwegischen und russischen Fangschiffen zwingt die Besatzungen, in kürzester Zeit möglichst viele Tiere zu erlegen; für eine regelgerechte Jagd bleibt da keine Zeit.

Zudem hat der internationale Protest die Grundeinstellung der Fänger nicht verändert: Wie alle norwegischen Fischer halten sie Robben und Wale für Schädlinge, die die Fische wegfräßen.

Mit dem Heißhunger der Robben rechtfertigen selbst Marinebiologen die Jagd, die angeblich den Gesamtbestand in Schach halten soll. Seltsam nur: In den sieben Jahren des teilweisen Fangverbots haben Norwegens Fischer mehr aus Eismeer und Nordsee geholt als zuvor. Y

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