Zur Ausgabe
Artikel 57 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BÜCHER Rohstoff Mensch

Der amerikanische Soziologe und Bestseller-Autor Vance Packard beschreibt in einem neuen Buch die Mittel und Methoden, mit deren Hilfe die Wissenschaft den Menschen formen kann.
aus DER SPIEGEL 18/1978

Sie war zwar erst für das Jahr »632 nach Ford« angesagt, doch scheint sie jetzt schon, 1978, nicht mehr fern zu sein: die »Schöne neue Welt« des britischen Romanciers und Essayisten Aldous Huxley, Horror-Vision der Zukunft und meistzitierte Negativ-Utopie vom total manipulierten Menschen.

Immer öfter dringen aus den Laboratorien von Genetikern, Verhaltensforschern und Psychochirurgen Erfolgsmeldungen über gelungene Eingriffe in die Natur von Tier und Mensch. Meist klingen solche Berichte wie die Produkte phantasiebegabter Science-Fiction-Autoren -- und manchmal sind sie das auch -, doch was noch Wahn oder schon Wirklichkeit ist, läßt sich kaum mehr unterscheiden.

So hat beispielsweise unlängst der Bericht des amerikanischen Autors David Rorvik, wonach es gelungen sei, einen Menschen zu kopieren, zu »klonen«, wie der Fachausdruck lautet, zu einer weltweiten Wissenschaftler-Diskussion geführt, die zumindest die Möglichkeit, den jüngeren Doppelgänger eines Menschen zu machen, bestätigte (SPIEGEL 12-13/1978).

Wie intensiv die Menschen-Macher schon am Werk sind, versucht der amerikanische Soziologe und Bestseller-Autor Vance Packard in seinem neuen 560-Seiten-Schocker »Die große Versuchung« an zahlreichen Beispielen darzustellen*.

Weltweit sieht Packard »The People Shapers« (so der treffendere Originaltitel seines Buches) -- die Menschenformer -- verschwörerisch am Werk, gleich rastlos in den USA wie in der UdSSR, in Australien wie in der Bundesrepublik, in England wie in Israel -- eine so ziemlich zu allem entschlossene Bruderschaft von Psycho-Ingenieuren und Bio-Technikern, ausgerüstet mit dem Wissen der Verhaltensforschung, der neuen Biologie und der Computerwissenschaft.

Sie alle eint und beflügelt die Idee, auf die schon Huxleys allmächtiger Oberkontrolleur Mustapha Mond sein Welt-Regiment gründete: »Der Mensch ist Rohstoff, der der Perfektionierung, der Modifizierung oder doch zumindest der Verbesserung bedarf ...«

Freilich, so neu, wie es Alarmschläger Packard seinen Lesern weismachen möchte, ist diese Hiobsbotschaft nicht. Doch Packard schreckt das nicht. In schöner. Unbefangenheit breitet er längst Bekanntes und oft Variiertes aus, gibt Neues oder halbwegs Neues dazu und montiert in bewährter Patchwork-Technik aus Literatur-Zitaten, Labor-Impressionen, aus Fernseh-Statements und Kongreßberichten seine buntgescheckte CinemaScope-Collage vom total gekneteten Menschen.

Packards Motto: »Der Aufstieg des Menschen dauerte zigtausend Jahre. Die Umgestaltung des Menschen, wie sie jetzt eingesetzt hat, kann binnen weniger Jahrzehnte geschehen.« Denn: »Die meisten Methoden, die Huxley als Phantasiebild einer fernen Zukunft ge-

* vancu Packard: Die große Versuchung«. Econ, Verlag, Düsseldorf; 560 Seiten; 32 Mark.

malt hatte, werden jetzt schon nach und nach verfügbar«

Zum Beispiel werden in Huxleys Fünf-Klassen-Staat (Alpha- bis Epsilon-Menschen) in Staatsbrutstätten geplante Halbidioten durch verringerte, erwünschte Intelligenzler durch verstärkte Sauerstoff-Rationen hergestellt. Packard verweist auf Dekompressions-Kliniken in England, Kanada, Südafrika und in den USA, in denen bereits Tausende von werdenden Müttern an umstrittenen Druck-Experimenten teilgenommen haben.

Während der letzten Phasen der Schwangerschaft wird durch eine Plastikblase, die täglich eine halbe Stunde aufgelegt wird, der atmosphärische Druck auf den Unterleib verringert. Da in diesem Stadium die Mutterplacenta nicht mehr weiter wächst, wohl aber der Fötus, muß das Herz stärker pumpen, »damit sauerstoffhaltiges Blut in das Gehirn des werdenden Kindes gelangt«.

Viele dieser sauerstoffverstärkten Dekompressions-Babys hätten bei einem Entwicklungs-Test um 18 Prozent besser abgeschnitten als Säuglinge ohne zusätzlichen Sauerstoff-Push ii la Huxley.

Alarmierend, laut Packard, ist besonders die inzwischen erfolgte Annäherung von Science-Fiction-Vision und wissenschaftlicher Wirklichkeit im Bereich der Bewußtseins- und Verhaltenssteuerung.

Zwar haben die Chemie-Konzerne (Packard: »Glühende Verfechter des knetbaren Menschen") noch nicht Huxleys Allround-Wunderdroge »Soma« gefunden, die total gehorsam und glücklich macht. Aber von den Halluzinogenen, den bewußtseinserweiternden Drogen, bis zu den massenhaft produzierten und konsumierten Psychopharmaka, den Beruhigungs- und Schlafmitteln, ist ein Arsenal chemischer Manipulatoren vorhanden, das Menschen-Lenkung nach dem Schema Schöne neue Welt durchaus möglich macht.

Wo die Kneter der Chemie noch »Marktlücken« gelassen haben, sieht Packard sogleich die Neurophysiologen mit einem Katalog elektrischer Stimulierungs-Techniken zur Stelle: allen voran José M. R. Delgado, »der brillante, überschwengliche und graziöse Spanier« (Packard), lange Jahre Pionier der Gehirnstimulation an der Yale-Universität und jetzt in Madrid am Manipulieren.

Delgado wurde als »Stierkämpfer« international berühmt -- er montierte Kampfstieren Elektroden ins Mittelhirn. Mit einem Sendegerät bewaffnet, stieg er in die Arena. Knopfdruck, kurzer elektrischer Reiz, und der rasende Toro verwandelte sich in ein abgeschlafftes Rindvieh. Der Gehirn-Matador hatte ihm per Funksignal die Aggression »abgeschaltet«.

Immer häufiger jedoch zog es ihn zu Menschenversuchen. Stimulierung von Ekstase, Lustzuständen und Brechreiz sowie die Veränderung sozialen Verhaltens sind ihm und seinen Lenk-Technikern gelungen.

An Huxley erinnert beängstigend ein Versuch über roboterhaftes Verhalten. Eine Patientin -- ohne zu wissen, daß sie elektrisch stimuliert wurde -- drehte immer wieder den Kopf, als suche sie etwas. Befragt, was sie tue, sagte sie: »Ich bin unruhig«, oder: »Ich suche meine Hausschuhe«. Von Delgado stammt der durchaus ernstgemeinte

* Junge Akademiker auf einem Forum der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften,

Satz: »Die Frage lautet heute nicht mehr: »Was ist der Mensch?« als vielmehr »Welche Sorte Mensch werden wir bauen?"«

Der Oberformer aber ist für Packard der Guru der Verhaltensforschung, Burrhus Frederic Skinner, Frankenstein-Figur des neuen radikalen Behaviorismus, jenes in den USA zu üppiger Blüte entwickelten Zweiges der Psychologie, der menschliches Verhalten vor allem durch Umweltfaktoren bestimmt sieht.

Skinners Traum: eine totale Verhaltenstechnik, »weil wir riesige Veränderungen im menschlichen Verhalten vornehmen müssen«. Seine Methode: die operante Konditionierung -- simpel ausgedrückt, das Erlernen neuer, nicht angeborener Handlungsweisen durch Verstärkung einer bestimmten Assoziation. Skinners konditionierter Zeitgenosse, optimal geknetet und an seine Umwelt bestmöglich angepaßt, erinnert fatal an die konditionierten Figuren in Huxleys Schreckens-Staat. Ebenso seine Kneter-Philosophie: »Wir brauchen mehr Lenkung, nicht weniger.«

Tatsächlich erleben die Vereinigten Staaten zur Zeit einen beispiellosen Konditionierungs-Boom. Die schicke, schillernde Vokabel ist »in« -- wie in den zwanziger Jahren die vieldeutige Psychoanalyse. Und von Küste zu Küste sind Tausende von Verhaltensformern am Werk, in Haushalten und Irrenanstalten, Fabriken und Zuchthäusern, Schulen und Supermärkten. Das Pentagon arbeitet mit Skinner-Programmen ebenso wie lokale Bürgerinitiativen. Besondere Hits: Entflegelungstraining rabiater »Störer« in Schulen, Beseitigung von Erwachsenen-Ängsten und Harmonie-Konditionierung abgestumpfter Ehepartner.

Im Raumfahrtzentrum Huntsville, Alabama, haben Skinner-Spezialisten erste Massen-Programme mit einer neuen Gesamtsystem-Methode realisiert -- Verhaltensänderungs-Kurse für jung und alt als Strategie gegen »Aufregung und Ängste wegen einer drohenden Kürzung des Raumfahrtprogramms«.

In Packards Horror-Katalog gehört auch ein Projekt des Mediziners H. Tristam Engelhardt junior von der Universität von Texas in Galveston zur Abschaffung der Frauenbrust.

Engelhardt will so das Problem des Brustkrebses lösen. Man brauche nur bei der Geburt ein Stückchen Brustgewebe wegnehmen, ein Eingriff, kaum komplizierter als eine Beschneidung. Und was die Ernährung eines Kindes betrifft -- auch Frauen mit BH-Größe 1 können, nach Engelhardt, einen Säugling angemessen versorgen.

Es ist Packards Verdienst, mit viel Fleiß ein durchaus packendes Dossier der heute möglichen und machbaren Eingriffe an Körper und Seele zusammengetragen zu haben. Nur geht es ihm am Ende wie Kassandra. Sie besaß die Gabe, zu warnen. Doch es war ihr Schicksal, nicht zu überzeugen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel