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QUO VADIS Rom muß brennen

aus DER SPIEGEL 35/1950

Wir wollen nur im Film verfolgte Christen sein, nicht auch im Leben!« rief ein Italiener drohend. Das war das Ende fruchtloser Verhandlungen. 6000 »Quo vadis«-Statisten traten in den Streik, und die Metro-Goldwyn-Mayer hat eine Sorge mehr mit diesem Rekordkoloß der Filmgeschichte.

Die farbenfrohe Neuausgabe des »Quo vadis?« soll alles bisher Dagewesene mit Abstand schlagen 1938 begann die Metro mit der Vorarbeit. Zehn Jahre vergingen kriegsbedingt, bis Metro und die italienische Regierung handelseinig wurden Die Metro bekam die Cinecittà bei Rom überlassen, die größte Filmstadt Europas. Dort soll die ganze Farbfilmapparatur verbleiben, die Hollywood eigens über den Ozean brachte. Damit erhält Italien endlich die Möglichkeit zu eigener Farbfilmproduktion.

Die Metro hat die Gesamtkosten von »Quo vadis?« mit fünf Millionen Dollar angesetzt. Das ist sechsmal soviel wie der italienische Mammutfilm »Fabiola« und dreißigmal soviel wie die künstlerisch hochwertigen »Fahrraddiebe« kosteten. Selbst einer der größten Kassenschlager aller Zeiten, der 1925 in Rom gedrehte »Ben Hur«, spielte »nur« vier Millionen Dollar ein.

Schon im vergangenen Sommer sollte Drehbeginn sein. Im letzten Augenblick wurde alles abgeblasen, weil der für die Hauptrolle des Vinitius vorgesehene Gregory Peck arbeitsunfähig war. Angeblich wegen einer Augenverletzung. Später sickerte die Wahrheit durch: Mr. Pecks Rücken war nicht gerade genug.

Als Ersatzmann wurde Robert Taylor, Greta Garbos Partner in der »Kameliendame«, ausgewählt. 36 Millionen Lire (240000 DM) hat er schon in Rom verdient, seit der Generaldirektor der Metro, Eddie Mannix, ihm und damit auch den übrigen 10000 Mitwirkenden am 22. Mai dieses Jahres, morgens um 9 Uhr, mit einem Händedruck den Startschuß gab.

Ein Jahr lang haben die Amerikaner an dem Drehbuch gearbeitet. Kosten: 200000 Dollar. Die fünfte Filmfassung des Sienkiewicz-Bestsellers wird drei Stunden dauern. Die erste Version (1911) war genau 65 Meter lang. »Quo vadis?« Nr. 4, von Georg Jacoby und Gabriellino D'Annunzio, mit Emil Jannings als Nero 1924 in Rom gedreht, wurde ein großer Erfolg.

Der Regisseur Mervin Le Roy ließ 10000 Statisten katalogisieren. Selbst für die größte Szene, die Christenverfolgung im Circus Maximus, wurden nur 3000 benötigt. Aber 6000 bekamen einen Ausweis als »Quo vadis?«-Statisten. Sie alle haben einen kräftigen Goldregen erwartet.

Noch gerade rechtzeitig drehten die italienischen Filmherren den Regenstrahl ab, um sich ihre Statistenpreise nicht von der amerikanischen Konkurrenz verderben zu lassen. Die fügte sich nicht ungern dem italienischen Diktat. Die täglichen Drehkosten sind mit 16 Millionen Lire (107000 DM) noch immer hoch genug.

Indem sorgten die Amerikaner für Arbeitstempo, Ordnung und Disziplin. Die Italiener fühlten sich wie auf dem Kasernenhof. In der römischen Rekordhitze des Juni und Juli mußten sie täglich bis zu zehn Stunden in der prallen Sonne sein. Viele legten die Hälfte ihres Tagesverdienstes in Coca-Cola und Limonade an.

Oft standen die Italiener praktisch in Tuchfühlung mit den fünfzig Löwen und Leoparden, die neben einem Dutzend spanischer Stiere und zwanzig Dromedaren das Kolorit des Films noch verstärken sollen. In Hollywood hätte es dafür Gefahrenzulage gegeben.

An einem Morgen brach die Volkswut aus. Zunächst sehr realistisch im Film, beim Sturm auf Neros Haus. Dann übertrafen die Statisten sich selbst und stürmten die Büros der Amerikaner. Dabei machten auch die Prätorianer, Film-Neros Leibwache, mit. Die Amerikaner hatten nämlich sehr schöne Kostüme verteilt, aber die Sandalen »vergessen«. Die könne man doch später im Film nicht sehen, entschuldigten sie sich. Die Sturmszene werde hoch von oben gedreht. Nach zehnstündigem Proben hing den Statisten ihr eigenes Schuhwerk mehr oder weniger zerfetzt von den Füßen. Als der Streik rasch Wirklichkeit wurde, versprachen die Amerikaner gründliche Besserung.

Dabei sind die Metro-Leute gerade auf die Kostümierung besonders stolz. Experten trieben monatelang Studien in italienischen Museen und Bibliotheken. Dann wurden 10000 Kostüme angefertigt, in Italien. Die Modelle kamen aus Hollywood. Die Kostüme für die Hauptdarsteller kosteten 500000 Lire (gut 3000 DM) das Stück. Jedes einzelne Schmuckstück ist aus echtem Gold.

Dafür wurde an Stelle von Marmor 20000 Kubikmeter Gips und Zement verwandt. Eigentlich wollten die Amerikaner Roms Via Appia dadurch up to date bringen, daß sie die Ruinen mit Gips- und Holzfassaden verkleideten. Das aber war den Italienern selbst für einen Farbfilm doch zu bunt, zumindest während des Heiligen Jahres.

So mußte Hollywood sich seine eigene Via Appia in der römischen Campagna bauen. Genau wie den Circus Maximus, Neros »Domus Aurea«, eine Tiberbrücke und einige Patriziervillen. Nur Uneingeweihte fragen sich, warum Hollywood dann nicht gleich in Hollywood blieb.

In Wahrheit hätte die Metro-Goldwyn-Mayer in Kalifornien gar nicht genügend Atelierraum zur Verfügung. Vor allem aber will sie ihre in Italien eingefrorenen Gelder aus Verleiheinnahmen gewinnbringend verwenden.

So brachte sie nur das aus Amerika herüber, was sie in Italien nicht finden konnte. Darunter angeblich 400 Zentner Nägel und die Maschinen, die das Miauen der kaiserlichen Katzen nachahmen sollen.

Ein Riesenmodell Roms konnte in der Ewigen Stadt selbst angefertigt werden. Wenn es brennt, wird Nero ein extra in Amerika komponiertes Lied dazu singen. Die Zeitschrift »Settimo Giorno« meint. »Rom muß brennen, um Hollywood zu retten«.

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