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Roman nach Maß

aus DER SPIEGEL 45/1947

Die Pariser Tageszeitung »Paris-Presse« hat sich für ihren Fortsetzungsroman etwas ganz Neues ausgedacht. Es ist so originell, daß man annehmen darf, Ben Akiba mit seinem ewigen »Alles schon dagewesen« sei endlich einmal zum Schweigen gebracht.

Den Herren von »Paris-Presse« mißfiel es je länger je mehr, daß Fortsetzungsromane die leidige Gewohnheit haben, im Winter zu spielen, wenn draußen gerade heißester Sommer ist. Oder die Heldinnen steigen in großartige Limousinen, wenn gerade das Benzin für Luxuswagen gestrichen worden ist.

Die Herren von »Paris-Presse« waren nicht länger damit einverstanden, daß auf der zweiten Seite ihrer Zeitung, dort, wo das Feuilleton beginnt, das reale Leben aufhört. Sie begannen einen Fortsetzungsroman zu veröffentlichen, in dem alle Tagesereignisse eingeflochten werden. In jeder neuen Fortsetzung werden die neuesten Vorkommnisse berücksichtigt. Sie werden als Staffage einbezogen in die Geschichte der beiden Liebenden, um die es naturgemäß geht. Pierre und Dominique heißen sie.

Wenn beispielsweise Verkehrsstreik ist, gehen Pierre und Dominique wie alle Welt in Paris zu Fuß oder machen Autostop. Sie sehen die neuesten Filme, Boxkämpfe, Fußballwettspiele oder was es sonst gerade ist, wovon die Stadt spricht.

Sie fragen auch, wenn sie auf ihrem Wege ins Glück einem Hindernis begegnen, die Leser um Rat, wie der Konflikt zu lösen sei. Auf diese Weise wird der Roman unter Berücksichtigung der täglichen Begebenheiten und unter Mitarbeit der Abonnenten täglich weitergeschrieben.

»Paris-Presse«, überhaupt eine geschickte und lebendig aufgemachte Tageszeitung, hat mit der neuen Art ihres Romans großen, Erfolg und immensen Zuspruch zu verzeichnen. Paris zeigt sich sehr passioniert von dem aktuellen Tagesroman.

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