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NACHRUF Ronald Reagan

aus DER SPIEGEL 25/2004

Er hatte diese samtweiche, sonore Stimme, mit der er so unnachahmlich sagen konnte: »Es ist Morgen in Amerika.« Er besaß den Mut zu bodenloser Ignoranz und brachte halbseidenen Glamour aus kalifornischen Gouverneurs-Tagen mit nach Washington. Man spielte Hof unter der Regie seiner Frau Nancy, man verachtete das alte Ostküsten-Establishment, das Amerika auch kulturell ein Jahrhundert lang beherrscht hatte. Es war eine feindliche Übernahme. Ronald Reagan war fast 70, als er ins Weiße Haus einzog.

Acht Jahre spielte er einen Präsidenten, der regieren ließ. Er schien sich vor allem für wirkungsmächtige Fernsehbilder und die neue konservative Mythologie zuständig zu fühlen, bei dem Hollywood mit dem klassischen Gründungspatriotismus in eins floss. Daraus entstand zwangsläufig der Eindruck, dass er brav den Text aufsagte, den ihm einige Souffleure eingaben. Ein Irrtum, den gerade wohlmeinende Biografen richtig stellten.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters war Reagan ein konservativer Revolutionär. Mit ihm begann eine neue Phase der Hochrüstung, die im »Krieg der Sterne« gipfelte, einem Raketenabwehrsystem im All, das Amerikas technologischen Vorsprung verewigen sollte. Auf die Idee soll der 40. Präsident verfallen sein, als ihm Experten vor Augen führten, dass Amerika einem Nuklearangriff der Sowjetunion hilflos ausgeliefert sei und nur mit einem atomaren Vernichtungsschlag antworten könne. Der Impuls war verständlich, die Vorstellung von der Militarisierung des Weltalls allerdings vermessen. Viele Milliarden Dollar flossen folgenlos in dieses Projekt.

Doch Reagan war ein Mann unbeirrbarer Selbstgewissheit und stolz auf sein einfaches Gemüt: »Es gibt schlichte Antworten«, pflegte er zu sagen, »aber das sind nicht immer die leichtesten Antworten.« Aus diesem Geist lieferte er seine Theorie über den Kalten Krieg: »Wie ich es sehe, gewinnen wir ihn, und sie verlieren ihn.« So kehrte er, gegen den Einspruch der Europäer, zu den Wurzeln des bipolaren Konflikts zurück, nannte die Sowjetunion »das Reich des Bösen« und forderte Michail Gorbatschow 1987 in Berlin auf: »Reißen Sie diese Mauer nieder.«

Allerdings erkannte er auch die historischen Möglichkeiten, die sich bald auftaten, schloss ein Abrüstungsabkommen mit der neuen Kreml-Führung und zollte Gorbatschow - leicht verspätet - Achtung. So erleichterte Reagan die friedliche Implosion des kommunistischen Imperiums wenige Jahre später. Es zerbrach nicht, weil Reagan es totgerüstet hatte. Es zerbrach an seiner eigenen Unbeweglichkeit.

Mit Reagan begann auch das, was etwas umständlich »Neokonservativismus« getauft wurde - ursprünglich eine ökonomische Denkschule, die dem Markt den Vorrang gab und den Staat zum Problem erklärte. Gigantische Steuersenkungen, die die Einkommen der Reichen explosionsartig hochschnellen ließen, gingen einher mit horrenden Rüstungsausgaben. Das Experiment scheiterte an seinem radikalen Ansatz. Am Ende der Ära Reagan betrug die Staatsverschuldung 2,6 Billionen Dollar.

Die »Neokons« von heute verehren Reagan als ihren Schutzpatron. Er besaß das Charisma und die entspannte Lässigkeit, die George W. Bush vermissen lässt. Zudem war er ein geschmeidiger Realist: So zog er 1983 die Marines aus Beirut ab, nachdem 241 Soldaten bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen waren. Er ließ sich auch nicht, wie es sein Außenminister Alexander Haig empfahl, zu einem Präventivkrieg gegen Kuba hinreißen. Stattdessen schickte der Präsident 1983 Truppen auf die Karibikinsel Grenada, als dort putschende Militärs amerikanische Zivilisten bedrohten. Abenteuer kamen ihm nur in den Sinn, wenn sie sich leicht mit Erfolg krönen ließen.

Mit Reagan fühlte sich Amerika nach dem Doppeltrauma aus Vietnam und Watergate wohl. Er war so, wie sich die neue konservative Mehrheit im Land, die langsam die Hegemonie übernahm, am liebsten sieht: Kind einfacher Verhältnisse aus einer Stadt in Illinois; mit College-Abschluss; einer, der sich als Sportreporter und zweitklassiger Filmschauspieler durchschlug und es zum Präsidenten brachte - der gelebte amerikanische Traum, ohne Anflug von Dünkel. Und er war ein Präsident mit Glück, und darauf kam es am Ende an.

Mit fast 78 verließ Reagan das Weiße Haus. Er hatte einen Mordanschlag überlebt. Er war grauer und älter, aber die Präsidentenjahre hatten ihm nicht schwer zugesetzt oder ihn gar verwüstet: Reagan oder das Phänomen der Leichtigkeit.

Vor zehn Jahren nahm er seinen Abschied von Amerika, »um mich auf die Reise zu begeben«. Die Alzheimer-Krankheit löschte allmählich sein Gedächtnis aus. Am 5. Juni starb er in Bel Air. Lange zuvor hatte er bestimmt, wann und wo er begraben werden wollte: bei den letzten goldenen Strahlen der kalifornischen Abendsonne in Simi Valley.

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