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SENIOREN Rosa Marktlücke

Viele Homosexuelle fürchten Ausgrenzung und Diskriminierung im Altenheim. Nun werden Pflegedienste für Schwule und Lesben gegründet.
aus DER SPIEGEL 49/2008

Das Lesen der Zeitung fällt ihm schwer, die Bilder im Fernsehen reimt er sich mehr zusammen, als dass er sie wirklich erkennt, und seine kleine Wohnung im Kölner Stadtteil Nippes mag Hans-Paul kaum noch verlassen. Seit Jahrzehnten plagt ihn eine irreparable Netzhautablösung. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, dann ist der 69-Jährige in seinem Alltag auf Hilfe angewiesen.

Hans-Paul, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will, rechnet damit, bald in eine Alten-WG oder eine Art Seniorenheim ziehen zu müssen.

Doch ein gewöhnliches Haus kommt für den ehemaligen Bewährungshelfer nicht in Frage. »Mit Heterosexuellen in meinem Alter«, sagt er, »möchte ich lieber nicht unter einem Dach wohnen.« Denn Hans-Paul ist schwul. Und das kann unter Menschen der Generation 60 plus leicht zum Problem werden.

Der Pensionär hat Angst vor Diskriminierung; die Befürchtung, abgelehnt zu werden, gerade dann, wenn man am schwächsten ist. Eine Umfrage in München unter 2500 schwulen Senioren ergab, dass über 70 Prozent die Sorge treibt, in einem Altenheim von Pflegekräften oder anderen Bewohnern ausgegrenzt und angefeindet zu werden. »Ich will nicht Gefahr laufen, mit irgendwelchen Alt-Nazis oder anderen zusammenwohnen zu müssen, die mich in den sechziger Jahren noch angezeigt hätten«, sagt Hans-Paul.

Der Kölner, dessen langjähriger Partner 1998 starb, interessiert sich daher für die »Villa Anders«, ein Wohnhaus für Schwule und Lesben, das Ende 2009 bezugsfertig sein soll. Bei dem generationenübergreifenden Projekt sollen Senioren im Alltag von den jüngeren Mitbewohnern unterstützt werden.

Die Kölner Initiative ist nur eine von vielen. So gibt es »Rosa Paten« in Frankfurt am Main, einen schwulen Pflegedienst in Berlin, eine Lesben- und Schwulen-WG in Hamburg. In Frankfurt am Main planen Senioren ein »Altenpflegayheim«, in Berlin eröffnete kürzlich in einer Seniorenresidenz die »Village Pflegeetage": 23 Zimmer sind dort für Männer und Frauen reserviert, die gleichgeschlechtlich lieben.

Den Wunsch, mit anderen homosexuellen Senioren zu leben, teilt Hans-Paul mit Tausenden anderen. Die Interessenten der Villa Anders treffen sich regelmäßig in einem Kölner Begegnungszentrum. Bei Kaffee und Kuchen kommen dann Männer mit sehr unterschiedlichen Geschichten zusammen. Eines haben sie aber alle erlebt in den vergangenen Jahrzehnten: extreme Ablehnung.

Am Tisch sitzt Hans, 63, der seine Lust im Verborgenen auslebte und aufflog, als ihn jemand beim Surfen auf schwulen Internet-Seiten beobachtete. Sein bürgerliches Leben brach daraufhin zusammen, im Büro und im Golfclub wurde er geschnitten, die Menschen tuschelten und vermieden es, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Oder Manfred, 69, der es wagte, seine Liebe zu einem anderen Mann offen zu zeigen, und deswegen 1965 vom Amtsgericht seiner Heimatstadt zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Es gab damals im Strafgesetzbuch noch den Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte und erst 1994 ersatzlos gestrichen wurde.

Fast 90 Prozent der schwulen Männer über 45 Jahre sind schon einmal Opfer antihomosexueller Gewalt geworden, ergaben Studien in Nordrhein-Westfalen. Und die Gefahr, sagt Hans, sei ja trotz der vielen Prominenten, die sich inzwischen geoutet haben, längst nicht gebannt. Als im August das Berliner Mahnmal für homosexuelle Nazi-Opfer geschändet wurde, sei es ihnen allen »kalt über den Rücken gelaufen«.

Michael Bochow vom Wissenschaftszentrum Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit homosexuellen Senioren. Hunderte ängstliche, verletzliche und »äußerst einsame Menschen« hat der Soziologe in seinen Gesprächen kennengelernt; die Suizidrate bei Schwulen und Lesben ist fünfmal höher als bei Heterosexuellen. »Das ist eine zum Teil stark traumatisierte Gruppe«, sagt Bochow, »und deswegen braucht sie auch eine spezielle .«

Nedzad Ignatenko, 34 Jahre alt und selbst homosexuell, hat auf diese Umstände reagiert - und in Berlin-Kreuzberg einen Pflegedienst für Schwule und Lesben mitgegründet. Mittlerweile weiß er, dass er »eine Marktlücke« getroffen hat.

»Überglücklich«, sagt Ignatenko, seien viele seiner Kunden, dass sie sich bei ihm nicht verstellen brauchten, dass er nicht nach Kindern frage und nicht nach Enkeln, sondern danach, in welche Schwulenkneipen man denn früher so gegangen sei. Ignatenko glaubt, dass sich die Altenpflege schon allein deshalb auf homosexuelle Kundschaft einrichten müsse, weil sie es zukünftig immer häufiger auch mit an Aids erkrankten Senioren zu tun bekomme.

Kritiker der neuen Art von Altenpflege warnen vor einer »Ghettoisierung«. Ein Vorwurf, mit dem Kerstin Wecker, Leiterin der Village Pflegeetage in Berlin, »rein gar nichts« anfangen kann. Die Männer und Frauen, die sie und die Kollegen mittlerweile betreuen, empfänden die Etage nicht als »Ghetto«, sondern als »eine Art Schutzraum«.

Kürzlich sei ein Mann eingezogen, berichtet Wecker, der vorher schon einmal in einem »normalen« Pflegeheim gelebt habe. Der Senior habe sich auf der Village Pflegeetage das erste Mal getraut, ein Bild seines verstorbenen Partners aufzustellen. GUIDO KLEINHUBBERT

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