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Nahost Rose im Müll

Trotz Fortschritts bei den Autonomieverhandlungen: An PLO-Chef Arafats künftigem Amtssitz Jericho stockt der Aufbau.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Radschaj Abduh, 46, residiert in einer ruhmreichen Ruine. In der Empfangshalle der ehemaligen Luxusherberge blättert der Putz von den Wänden, von den Propellern der Deckenventilatoren fällt der Rost. Nur noch der Name von Jerichos einzigem Hotel ist eindrucksvoll: »Hesham Palace«.

Dabei wurde der vergammelte 70-Zimmer-Bau, benannt nach einem Umajjaden-Kalifen, schon vor beinahe einem halben Jahr für eine historische Aufgabe ausersehen: Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen Israel und der PLO im vergangenen September gilt das einstige Schmuckstück Jerichos als Sitz für die erste palästinensische Selbstverwaltung.

Doch obwohl Spaniens Regierung fast drei Millionen Mark für die Renovierung der maroden Immobilie bereitstellte, haben die Arbeiten an »Jassir Arafats Weißem Haus« (Abduh) noch immer nicht begonnen.

Im Erdgeschoß, wo der PLO-Chef residieren soll, sind Fenster geborsten, hängen Türen schief in den Angeln, fehlen Elektro- und Telefonleitungen. »Der Zustand des Hischam-Palastes«, seufzt Besitzer und Manager Abduh frustriert, »ist zum Symbol für den Friedensprozeß geworden.«

Jetzt hofft der Hotelier, daß der Aufbau zügiger vonstatten geht. Denn nach monatelangem zähen Ringen konnten sich Israelis und Palästinenser in der ägyptischen Hauptstadt Kairo zumindest in entscheidenden Teilbereichen auf Kompromisse für die künftige Autonomie verständigen.

So dürfen Palästinenser an der Allenby-Brücke - dem Übergang nach Jordanien - und an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ihre Fahne hissen. Uniformierte PLO-Angestellte werden - diskret von Israelis überwacht - ihre Landsleute kontrollieren. Doch die Region Jericho, eingeschlossen das Beduinendorf Udscha, bleibt mit voraussichtlich etwas mehr als 55 Quadratkilometern ein lächerlich kleines Herrschaftsgebiet, auch wenn den Palästinensern noch der Zugang zum Grab Mose, zur Taufstelle Jesu und zum künftigen Lido-Hotel am Toten Meer garantiert wurde.

Arafat wird, vorläufig jedenfalls, nur über einen Bruchteil des ehemaligen jordanischen »Unterdistrikts Jericho« verfügen, eingepreßt in eine Zwangsjacke aus israelischen Siedlungen, Militärstützpunkten und der Grenze nach Jordanien. »Das ist ein Indianerreservat«, schimpfte der PLO-Chef, ließ den geographischen Kompromiß beim Gipfeltreffen mit Israels Außenminister Schimon Peres jedoch paraphieren.

Das Kairo-Abkommen wurde von Peres als »Durchbruch« gepriesen, obwohl Palästinenser und Israelis noch immer um knifflige Fragen feilschen. Die Einigung hat auch Hotelchef Abduh wieder Mut gemacht.

Abduh, der 24 Jahre lang in den USA als Exporteur von Ersatzteilen für Allrad-Fahrzeuge erfolgreich war, hofft auf eine Wiederholung der Geschichte. »Als mein Vater 1947 in Jericho ein Hotel hochzog«, erinnert er sich, »warnten ihn Freunde: ,Du baust eine Rose in den Müllhaufen.'«

Damals freilich machte sich die Investition binnen kurzem bezahlt. Als der israelisch-arabische Krieg ausbrach, retteten sich mehr als 70 000 Palästinenser ins Jordantal. Reiche Familien aus Jerusalem, Akko und Jaffa fanden im Hischam-Palast eine standesgemäße Bleibe.

Jericho, dank seiner Lage (250 Meter unter dem Meeresspiegel) auch im Winter mit angenehmem Klima gesegnet, avancierte zum exklusiven Ausflugsort, das wuchtige Hotel an der Ein-Sultan-Straße zum Treffpunkt der gesellschaftlichen Elite: Jordanische Generäle und Politiker tanzten und spielten im hoteleigenen Kasino, Film- und Schlagerstars aus Kairo und Beirut verbreiteten ein Flair von Monte Carlo unweit des Toten Meeres - bis zur israelischen Besetzung des Westjordantales im Sechs-Tage-Krieg 1967.

Erst das israelisch-palästinensische Grundlagenabkommen von Washington rückte Jericho wieder ins Rampenlicht. Nach dem historischen Händedruck von Israels Premier Jizchak Rabin und PLO-Chef Arafat offenbarte sich die nationale Begeisterung in einem Meer von schwarz-weiß-grün-roten PLO-Bannern.

»Wir hofften auf das rasche Ende der Besatzung und den baldigen Abzug des israelischen Militärs«, sagt Imad Salim, der sein Spielzeuggeschäft gleich neben der israelischen Polizeiwache am Saha-Ame-Platz von Jericho betreibt.

Doch dann zogen sich die Verhandlungen hin, und unter den Palästinensern von Jericho wuchs das Mißtrauen. »Arafat hat den Israelis nachgegeben«, schimpft ein PLO-Kader, »unser Gebiet wird zu einem palästinensischen Bantustan.« Auch Abu Hamad, 30, Aktivist in Jerichos PLO-Filiale, bleibt skeptisch: »Bisher gibt es Fortschritte nur auf dem Papier.«

Völlig ungewiß ist, wie sich das verschlafene palästinensische Zentrum für Zitrusfrüchte und Gemüseanbau binnen Monaten zur politischen Metropole Palästinas mausern soll: Zwar haben internationale Nachrichtenagenturen, Hilfsorganisationen und diplomatische Vertretungen schon Büros in Jericho angemietet, doch die PLO-Zentrale in Tunis ist mit ihren Vorbereitungen hoffnungslos im Hintertreffen.

Nicht einmal für die Unterbringung der PLO-Vorhut von 200 bis 300 Funktionären sind Vorbereitungen getroffen. Ein »Palästinensisches Führungsdorf«, einschließlich Schule, Supermarkt und Krankenhaus, kam über den Planungsstatus noch nicht hinaus.

Die Wahl des Bürgermeisters, ein bislang wenig bedeutsames Amt, für das auch Hotelbesitzer Abduh kandidieren will, ist zu einem erbitterten Machtkampf ausgeartet. Die alteingesessenen Clans wettern gegen den Einfluß der später zugezogenen Familien, selbst die PLO-Anhänger sind in ein halbes Dutzend einander befehdende Gruppen zersplittert.

Allein die Israelis gießen zügig den neuen Status quo in Bitumen und Zement: Rund um Jericho schieben Bulldozer die Trasse für eine Straße zur Umgehung des Autonomiegebiets auf; in der Garnison am Ortseingang bereiten die Militärs den Umzug vor.

Um dem palästinensischen Friedenspartner beim Start in die Selbständigkeit zu helfen, unterbreitete Israels Charter-Fluglinie Arkija der PLO-Führung ein Angebot: Sie will - vorerst mit Hubschraubern - für die Führungskader den Pendelverkehr zwischen Jericho und Gaza betreiben. Y

Machtkampf um das Amt des Bürgermeisters

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_154_ Jericho-Gebiet, Westjordanland, Kartenausschnitt

[GrafiktextEnde]

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