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STARFIGHTER Roß und Reiter

aus DER SPIEGEL 7/1966

Oberst Günther Rall, Kommodore des Starfighter-Jabo-Geschwaders 34 in Memmingen, offenbarte dem Verteidigungsausschuß des Deutschen Bundestages eine leidvolle Bilanz: Von den 52 Maschinen seines Geschwaders waren abends, nachdem die Mechaniker den Wartungsdienst beendet hatten, immerhin elf flugklar gewesen.

Am nächsten Morgen aber waren es nur noch sechs; den anderen fünf, nachts unter freiem Winterhimmel abgestellt, war das Wetter nicht bekommen.

Der neue CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Max Schulze-Vorberg, bis zur Wahl Korrespondent des Bayrischen Rundfunks in Bonn, unbefangen wie fast alle parlamentarischen Anfänger, fragte den Obersten: »Nun würde ich von Ihnen doch gern mal hören, was denn nun zu tun ist?«

Verteidigungs-Staatssekretär Gumbel war auf der Hut: »Nein, nein, das geht nicht: Oberst Rall hat sein Geschwader zu führen. Was zu tun ist, bestimmt das Ministerium.«

Schulze-Vorberg: »Man wird doch wohl noch fragen dürfen.«

Eine Antwort bekam er nicht. Auch deshalb rüsten sich die Wehrparlamentarier - die in dieser Woche ihre Starfighter-Inquisition fortsetzen, um herauszufinden, was die erschreckende Verlustserie der letzten zwölf Monate verursacht hat und wie solche Ursachen zu beseitigen sind - langsam zum Sturm auf die Stellung des Verteidigungsministers Kai-Uwe von Hassel.

Voran die sozialdemokratische Opposition, die sich bis dahin vorsichtig zurückgehalten hatte. SPD-Militärpolitiker Helmut Schmidt, anstelle des an einer Blutkrankheit leidenden Genossen Fritz Erler amtierender Chef seiner Bundestagsfraktion: »Ohne Zweifel wird Herr von Hassel wegen der unzutreffenden Äußerungen, die er am 20. und 21. Januar 1965 vor dem Bundestag gemacht hat, zur Verantwortung gezogen werden.«

Das nahezu erschöpfende Thema jener beiden Diskussionstage im Bonner Parlament war ein Illustrierten-Artikel, in dem der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Karl Wienand, Wehrobmann der SPD-Fraktion, unter der Überschrift »Die ganz große Verschwendung« der Beschaffungspolitik des Verteidigungsministeriums, nicht zuletzt beim Starfighter-Programm, kostspielige Fehlentscheidungen und Versäumnisse ankreidete.

Wienand breitete eine Fülle von Stoff aus, mit kritischen Fragen durchsetzt, auf die Hassel, würde der SPD-Mann seine Vorwürfe im Bundestag angebracht haben, kaum zu antworten gewußt hätte.

Aber der Wienand-Artikel kam wenige Tage vor der längst terminierten Wehr-und-Waffen-Debatte des Bundestags heraus. Und Hassel spornte Bürokraten und Offiziere seines Hauses an, das Material aufzubereiten, mit dem er die Illustrierten-Attacke von der Tribüne des Parlaments herunter zu konterkarieren suchte.

Hassels Gegenangriff gelang fürs erste. Selbst Wienands Fraktionskollegen maulten damals, ihr Wehrobmann möge sich künftig besser informieren oder zurückhalten. Heute hingegen, nach einer Verlustserie von 27 Starfightern, ist Hassels damaliger Triumph über Wienand zerronnen.

Wienand 1965 über den Starfighter: »Die teuer gewordenen Maschinen sind bis heute allenfalls bedingt einsatzfähig.«

Hassel im Bundestag dagegen: »Nicht

nur falsch, sondern in höchstem Maße verantwortungslos ist die Behauptung, die Starfighter seien heute allenfalls bedingt einsatzfähig.«

Die Kette von Starfighter-Unfällen im vergangenen Jahr weist aus, wie angemessen präzise Wienand formuliert hatte.

Abgesehen davon konnte jeder halbwegs Interessierte aus Wienands Artikel herauslesen, daß der Verfasser die Verwendbarkeit des Starfighters unter Kriegsbedingungen durch die unzulänglich funktionierende Elektronik-Navigation der US-Firma Litton beeinträchtigt sah.

Dieses Litton-Gerät ("LN-3") gilt bei Starfighter-Piloten noch heute wegen seiner hohen Reparaturquote als »unzuverlässig« und wegen seiner ungenauen Angaben für Navigationszwecke als »truppenunbrauchbar«.

Der Sachbearbeiter für die Beschaffung von Luftgeräten im Koblenzer Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung diktierte bereits ein halbes Jahr vor Wienands Artikel die Aktennotiz: »Im Jahre 1970 wird das Gesamtprojekt LN-3 ... die stattliche Summe von über einer Milliarde Mark verschlungen haben, ohne den geforderten technisch-taktischen Bedingungen im Hinblick auf die Einsatzfähigkeit und Genauigkeit zu genügen.«

Und Minister von Hassel räumte schließlich drei Monate nach der Wienand-Debatte des Bundestags ein, das Navigationssystem des Starfighters bereite ihm »wegen der vorhandenen Mängel ernsthafte Sorgen«.

Wienand damals in seinem Artikel: »Üblich sind Lizenzgebühren in Höhe von ein bis zwei Prozent. Lockheed (der amerikanische Erstproduzent des Starfighters) verlangte gleich zehn Prozent. Und wegen der vorschnellen Festlegung des Ministers (Strauß) mußten wir sie bezahlen.«

Hassel dagegen: »Tatsache ist - ich könnte es Ihnen darlegen, aber die Zeit reicht dazu nicht aus -, daß die Lizenzgebühr von Lockheed genau drei Prozent beträgt. Die Angabe von zehn Prozent ist falsch. Die Lizenzgebühr für die Triebwerke beträgt 3,3 Prozent. Das Triebwerk gehört dazu. Im Schnitt ist also eine Lizenzgebühr gezahlt worden, die zwischen drei und 3,3 Prozent liegt. Das sind zusammen einige 50 Millionen.«

Tatsächlich aber kassierte Lockheed rund 99 Millionen Mark an Lizenzen, Spesen und Gebühren. Und werden zur Zelle außer dem Triebwerk - wie Hassel rechnete - auch noch die Elektronik sowie die gesamte Bord- und Bodenausrüstung addiert, so belaufen sich die Lizenzkosten für den Starfighter alles in allem tatsächlich auf rund zehn Prozent.

Wienand weiter: »Die Verträge, die diese Vorgänge (den Starfighter-Kauf) enthüllen, erklärte Franz-Josef Strauß (Verteidigungsminister zur Zeit des Starfighter-Geschäfts) einfach zur Verschlußsache. Sie sind noch heute streng geheim, nicht einmal der Verteidigungsausschuß darf sie einsehen.«

Dazu Hassel im Bundestag: »Sie sagen, der Vertrag darüber unterliege der höchsten Geheimhaltungsstufe: Das ist falsch! Die Lieferverträge seien streng geheim: Das ist falsch! Der Verteidigungsausschuß dürfe die Verträge nicht einsehen: Das ist falsch!«

Indessen hat der Verteidigungsausschuß des Bundestags die Beschaffungsverträge über den Starfighter bis heute noch nicht zu Gesicht bekommen.

SPD-Wienand schrieb: »Die Starfighter sind nicht die besten aller möglichen Jagdflugzeuge für die Zwecke der Bundeswehr.«

Diesen Tadel suchte Hassels Amtsvorgänger Strauß, zu seiner Ministerzeit Dirigent des Starfighter-Programms, in der Bundestagsdebatte vor einem Jahr mit grobkörniger Witzelei zu parieren.

Strauß, am Rednerpult, zu Wienand: »Jetzt sagen Sie mir, welches nach Ihrem Sachverstand das bestmögliche Jagdflugzeug für die Zwecke der Bundeswehr gewesen wäre oder heute wäret Können Sie das sagen? Aber nennen Sie Roß und Reiter!«

SPD-Wienand, auf seinem Abgeordneten-Klappstuhl unten im Saal: »Ich weiß nicht, ob das der Geschäftsordnung entspricht!«

Strauß: »Sie können mich ja fragen, ob mir bekannt ist, daß Sie das wissen.« Im Bundestagsprotokoll ist an dieser Stelle der Vermerk »Heiterkeit« zu lesen.

Gleichwohl, der aktive Minister von Hassel ließ Wienands Satz über den Starfighter als Jagdflugzeug vorsichtshalber unerwähnt. Offenbar wußte er schon und Strauß noch nicht, daß der Starfighter »F-104 G«, als Abfangjäger zugerüstet, den Forderungen der Nato tatsächlich nicht genügt.

Wienand umschrieb Straußens Starfighter-Arrangement in seinem Illustrierten-Artikel als den »teuersten Mißgriff, den je ein Minister getan hat«.

Strauß replizierte Im Bundestag, »daß das der größte Unsinn ist, der je über Luftwaffenrüstung gesprochen worden ist«.

Denn der Starfighter - so Strauß - kombiniere in sich »das Optimum an technischer Leistungsfähigkeit, Erfüllung der militärischen Kriterien und gleichzeitig ökonomischer Einkaufsleitung und rationeller Unterhaltungsmöglichkeit«.

Wie hoch Strauß sich mit dieser überbordenden Qualifikation - so zum Beispiel mit der »rationellen Unterhaltungsmöglichkeit« - vergriff, zeigt die Klarstands-Misere im Memminger Jabo -Geschwader des Obersten Rall.

Memmingen ist kein Ausnahmefall. Im Starfighter-Jagdgeschwader 71 ("Richthofen") in Wittmund passierte binnen einer Stunde dreierlei: Ein Pilot des Geschwaders kletterte in die flugklar deklarierte Maschine und rollte zur Piste. Beim Start-Check merkte er, daß in den Bordpapieren ein rotes Anstands-Kreuz stand, vom Prüfer noch nicht getilgt.

Der Flugzeugführer rollte zurück, stieg in die zweite, gleichfalls flugklar gemeldete Maschine um und fand, die Trimmung war vereist. Die dritte Maschine war intakt.

Im Trainingsprogramm stand Rottenflug (zu zweit). Der Rottenkamerad rollte mit, checkte ein letztes Mal und entdeckte in seiner Maschine einen Defekt in der Navigationsanlage.

Beide Piloten rollten zurück. Der Rottenflug fiel aus.

Starfighter-Verteidiger von Hassel

Das Optimum an Leistungsfähigkeit ...

Starfighter-Kritiker Wienand

... erwies sich in einem Jahr ...

... als nur bedingt einsatzfähig: Bundeswehr-Starfighter auf ungeschütztem Abstellplatz

Starfighter-Käufer Strauß*: Frage nach dem Sachverstand

* Mit dem damaligen Luftwaffen-Inspekteur

Lammhuber bei einer Flugvorführung.

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