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SCHWEIZ Rot mit gelben Tupfen

Mit skurrilen Bitten ärgert der Basler René Schweizer die Beamten seiner Heimatstadt.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Der Einbau einer Grabheizung«, beschied das Friedhofsamt Basel-Stadt, »ist praktisch unmöglich.«

Doch die Totenwächter hielten für den Antragsteller einen Trost bereit: »Die Urnen liegen in einer Tiefe von 90 Zentimeter. Die darüberliegende Erde bewirkt eine gewisse Isolation, welche die Bodentemperaturen im Grab gleichmäßig halten.«

Der Wunsch, im Grab seines längst verstorbenen Großvaters eine Heizung einzubauen, ist eines der vielen skurrilen Anliegen, mit denen der Basler René Schweizer seine Briefpartner zu nerven pflegt. Der frühere Bankangestellte, Schauspieler und Gaukler

durch Münchenhagens Talkshow auch dem ARD-Fernsehvolk bekannt -- verschaukelt mit Vorliebe Beamte seiner Heimatstadt, und die reagieren oft mit Humor.

Ein Beamter des Fundbüros schickte ein Verlustanzeige-Formular und wünschte »gute Besserung und ein schönes Osterfest«, als sich Schweizer über den »Verlust meines Verstandes, rot mit gelben Tupfen, Wert: circa 45 Franken« beklagte.

Ein Bahningenieur der Städtischen Verkehrsbetriebe lieferte prompt eine Offerte samt technischen Zeichnungen für »Rillenschienen, gebrauchte zu 14,50 Franken per Meter, neue zu 72,50 Franken per Meter«, als er für eine »Haifisch-Ausstellung« um »eine alte oder neue Tramschiene« gebeten wurde.

Die Vorsteherin eines Kindergartens verwies ihn an einen christlichen Verein für Bewährungshilfe, als René Schweizer um Einschulung in einen Kindergarten bat, da er »ein neues Leben beginnen« wolle.

»Ich bin überzeugter Krimineller«, provozierte der Jux-Spezialist den Justizminister seines Kantons, »glaube aber an die Möglichkeiten des ausgleichenden Gesprächs, wenn von beiden Seiten die Bereitschaft zur Annäherung vorhanden ist.«

Über solche Bereitschaft kann sich der wegen Betruges vorbestrafte »Alpenphilosoph« (so der Zürcher »Blick"), nicht beklagen. Meist schon nach der ersten höflichen Mahnung erhielt er von den Schweizer Ämtern die erhoffte Post.

So auch von einem Staatsanwalt. den er mit der Frage, ob In-die-Hose-Scheißen strafbar sei, zu provozieren versuchte: »Wenn Sie in die Hose scheißen«, ließ ihm der Jurist die erbetene Rechtsbelehrung zuteil werden, »ist dies nur dann strafrechtlich relevant, wenn es sich um eine fremde Hose handelt.«

Und Schweizers Bitte um Weiterausbildung zum »fähigen Verbraucher« beschied er: »Es mag ein Trost für Sie sein, daß wir auch gar nicht in der Lage wären, Ihren gehobenen Ansprüchen zu genügen, denn es ist eine logische Konsequenz, daß jene Fälle, welche uns schließlich doch noch zu Ohren kommen, in sich schon den Kern der Unperfektheit tragen.«

Der solcherart belehrte Schweizer. auch Gründer einer »Organisation zur Verblüffung des Erdballs«, lobte zum Abschluß des Briefwechsels mit dem Ankläger, er sei »ehrlich stolz, in einer Stadt zu leben, welche über derart ausgefallene Vertreter der Staatsanwaltschaft verfügt«. Denn sein »tiefstes Anliegen« sei es, »die Lebensatmosphäre in unserer Stadt und im ganzen Lande zu verbessern«.

Schweizer scheint auf gutem Wege zu sein: Sein Buch, in dem die Nonsens-Briefwechsel mit Behörden und Privaten gesammelt sind, ist inzwischen Bestseller in der Alpenrepublik*.

Vom finanziellen Erfolg profitiert auch die Kinderhilfe-Organisation »Terre des Hommes«, die zehn Prozent aller Einnahmen aus Schweizers Jux-Produktionen erhält.

»Unter uns gesagt«, verrät Schweizer, »verdiene ich natürlich nicht weniger. Ich schlage die zehn Prozent zum vorgesehenen Verkaufspreis dazu und lass' so die Käufer meiner Artikel die Wohltätigkeit übernehmen.«

* René Schweizer: »Ein Schweizerbuch Selbstverlag »Käppeli«, Basel 1977; 16.50 Franken.

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