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BERLIN Rote Ampel

Berlins Alternative, die einst für Happenings im Parlament sorgten, wollen nun an der Seite der SPD regieren. Rechte Sozialdemokraten beobachten die Läuterung der Grünen mit Skepsis.
aus DER SPIEGEL 9/1989

Eigentlich wollte sich der Kreuzberger Arzt Bernd Köppl, 40, im neugewählten Abgeordnetenhaus geruhsam auf die Oppositionsbank setzen und nebenbei »endlich den Facharzt machen«.

Dazu hatte die Zeit bislang nie so recht gereicht. Denn seit seine Partei, die Alternative Liste (AL), 1981 zum ersten Mal in Berlins Stadtparlament einzog, ist der Doktor aktiv dabei.

Nachdem Köppl am 29. Januar als einer von 17 AL-Vertretern wieder ins Parlament gewählt worden war, mußte er seine Vorstellungen von ruhigen Oppositionsjahren erst einmal aufgeben.

Vergangenen Donnerstag sagten die Spitzenmänner von SPD und CDU, Walter Momper und Eberhard Diepgen, weitere Gespräche über eine große Koalition ab. Seither gilt die AL, ein aus diversen Basisbewegungen zusammengewürfeltes Intellektuellen-Bündnis mit rund 3200 Mitgliedern, auch Skeptikern als künftige Regierungspartei.

Köppl und seine Freunde/Freundinnen verhandeln mit Sozialdemokraten in zwölf Arbeitsgruppen »stringent auf eine rot-grüne Koalition hin«. Der Mediziner, der vor sechs Jahren ins Abgeordnetenhaus gewählt worden war und 1985 nach manchem Parlamentshappening für vier Jahre in seinen Job am Kreuzberger Urban-Krankenhaus zurückkehrte, nennt sich und seine Partei mittlerweile »realitätstüchtig«.

Köppl ist nicht der einzige aus der bunten Riege von einst, die ihre SPD-Gesprächspartner heute staunen macht. In den Verhandlungen fechten grüne Radikale wie der frühere RAF-Verteidiger Hans-Christian Ströbele, 49, auf einmal für die »von vielen Menschen erwünschte Kooperation zwischen beiden Parteien«; Ströbele hat sich beim SPD-Altrechten Erich Pätzold bereits das Prädikat »besonnen, hilfreich« verdient. Auch der frühere Trotzkist Harald Wolf, einer der AL-Verhandlungsführer, kann sich neuerdings eine »rote Politik mit grünen Einsprengseln« vorstellen. Und vier Senatorenposten wollen sie auch.

Die alternative Gründergeneration wird in der kommenden Fraktion den Ton angeben. 6 der 17 AL-Abgeordneten rücken zum zweiten Mal ins Parlament ein, zwei weitere hatten zuvor Mandate in Bezirksverordnetenversammlungen.

Angestammte Berliner SPD-Parlamentarier erinnern sich mit Grausen früherer Auftritte dieser radikaldemokratischen Kollegen mit dem widerborstigen Igel im Emblem. Die Sozialarbeiterin Heidi Bischoff-Pflanz, 46, beispielsweise, Ausländerexpertin und zuletzt Spitzenkandidatin der AL, demonstrierte 1986 zivilen Ungehorsam als Initiatorin einer »Aktion Fluchtburg«, die ausweisungsbedrohte Ausländer vor der Polizei versteckte.

Die Juristin Renate Künast, 33, die noch unlängst die »Abschaffung der Gefängnisse« postulierte, oder der Sozialarbeiter Michael Haberkorn, 42, der als Abgeordneter Obdachlose ins Rathaus Schöneberg lud und dort auf Fraktionskosten bewirtete, sind konservativen Volksvertretern der etablierten Parteien ebenso unheimlich wie andere Neulinge.

Da ist die Debütantin Lena Schraut, 43, eine Lehrerin, die in öffentlicher Aktion ihren Personalausweis durch Waschen unleserlich machte. Oder die Politologin Sabine Weißler, 30, die für das Kulturprojekt »KuKuCK« warb, eines der letzten besetzten Häuser.

Mit einer der alternativen Parlamentsdamen hat sich der Wissenschaftssenator schon vor Gericht angelegt. Die Dozentin Hilde Schramm, 52, engagiert für Friedensbewegung und Faschismus-Opfer, mußte sich ihren Lehrauftrag an der Fachhochschule für Wirtschaft vor dem Oberverwaltungsgericht erstreiten.

Senator George Turner hatte die Karriere der Frau teilweise »rechtswidrig« (Gerichtsurteil) blockiert und sich geweigert, die Parlamentstätigkeit für die AL als die vom Hochschulgesetz geforderte außerschulische Praxis anzuerkennen. Hilde Schramm, Tochter von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer, soll in der AL-Fraktion als Hochschulexpertin wirken und zur ersten alternativen Parlamentsvizepräsidentin gewählt werden.

In der stark kopflastigen AL-Fraktion überwiegt das Bildungswesen, 6 Parlamentarier sind Lehrer, Erzieher oder Dozenten; insgesamt 10 der 17 Abgeordneten sind bei öffentlichen Arbeitgebern beschäftigt. Einziger Werktätiger in der AL-Fraktion ist der Schweißer Benedict Hopmann, 39.

Nicht ohne Neid sehen die Sozialdemokraten, wie sich der »vielschichtige Haufen« (so Momper kurz vor der Wahl über die AL) zu einer relativ disziplinierten Arbeitseinheit zu formieren beginnt. »Wir sind im politischen Clinch trainiert«, freut sich der Abgeordnete Köppl, der es wissen muß. Denn der Kreuzberger Mediziner, beruflich Narkosearzt auf der Intensivstation, hat seinen Parteifreunden bis in die jüngste Zeit mancherlei Schmerz bereitet.

So sorgte Köppl durch Radikalforderungen zur Berlin-Förderung vorletzte Woche für die erste große Verstimmung unter den Verhandlungspartnern. Wenig später forderte die von ihm initiierte Realo-Riege »Grüne Panther« die Köpfe der Kollegen, die sich auf verhängnisvolle Weise geäußert hatten: Die AL-Verhandlungsführer Harald Wolf und Birgit Arkenstette stellten vor einer grünen Runde in Bonn durch vorschnelle Äußerungen über das »Gewaltmonopol des Staates« in Frage, was von ihnen kurz vorher noch am Berliner Tisch akzeptiert worden war; damit veranlaßten sie die Sozialdemokraten zum vorübergehenden Verhandlungsstopp.

Doch die Abrechnung auf dem Delegiertentag am Mittwoch letzter Woche blieb aus. Weder durch die »zwei Sätze von Bonn« noch durch Köppls Störer ließ die AL-Versammlung sich davon abbringen, die grundsätzliche Einigung mit der SPD zu akzeptieren. Bis kommenden Sonntag wollen beide Parteien ein Koalitionsprogramm vorlegen.

Vielen Sozialdemokraten ist nicht ganz wohl angesichts der neuen Bündnispartner, die vor kurzem noch, wie SPD-Unterhändler Norbert Meisner spottet, »das Widerstandsrecht an der roten Verkehrsampel« im Schilde führten - tiefgehende Differenzen bei Reizthemen wie Ku'damm-Gewalt, Hungerstreiks und Wirtschaftsverfassung sind geblieben.

Ein banger SPD-Oberer ahnt schon, daß demnächst »ein AL-Senator bei der Demo gegen den Besuch des neuen US-Präsidenten in der ersten Reihe marschiert«.

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