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CHINA Rote Sonne

Premier Zhao sucht in Europa Entwicklungshilfe - und von den Deutschen wünscht er Sprachunterricht für Millionen Chinesen. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Über dem Sportstadion von Kanton schwebte ein riesiger roter Lampion mit großen Schriftzeichen: »Nieder mit Zhao Ziyang!« Zehntausende Rotgardisten feierten darunter - am 21. Februar 1968 - den Sturz ihres örtlichen Parteichefs, den sie mit einer Narrenkappe durch die Straßen getrieben hatten.

Per Telegramm meldeten sie ihrem Führer Mao: »Wir haben den Hund im Wasser aufs Haupt geschlagen und den konterrevolutionären Traum von der Wiederherstellung des Kapitalismus durch Zhao Ziyang endgültig zerstört.«

Nicht endgültig: Seit fünf Jahren ist Zhao, Sohn eines Großgrundbesitzers, der Ministerpräsident Chinas. Die totale Planwirtschaft hält dieser Kommunist für eine sowjetische Erfindung, die als Basis eines sozialistischen Systems nicht tauge.

Sozialismus gründet sich für Zhao nur auf zwei Prinzipien: den Leistungslohn (den Karl Marx als ein Relikt des Kapitalismus ansah) und das Staatseigentum am Produktivkapital, das man freilich am besten an Privatleute vermiete. Derart will Zhao, 65, bis zum Jahr 2000 Chinas Sozialprodukt vervierfachen.

Dazu ist er bereit, »moderne Technologie von draußen zu importieren, ausländische Management-Erfahrungen zu übernehmen und fremdes Kapital zu nutzen«. Dazu reiste Zhao Ziyang (sprich: Dschau Tsejang) jetzt für 17 Tage durch Westeuropa, mit dem China »keinen Konflikt fundamentaler Interessen« habe: nach England, wo der Kapitalismus entstand, nach Deutschland-West, das Marx und die soziale Marktwirtschaft hervorgebracht hat, und in die Niederlande.

Derweil schildert in Peking ein neuer Spielfilm den deutschen Vater des Marxismus privat und menschlich. Er sei ein Freund guten Essens und starker Zigarren gewesen, der beim Schachspiel geschummelt habe. Mit Kanzler Kohl hatte Zhao voriges Jahr zudem einen Fernseh-Sprachkursus vereinbart, von dem Bonns Botschafter Per Fischer annimmt, »daß von der Milliarde Chinesen nun dann demnächst einige hundert Millionen Deutsch lernen«.

Nach London kam Zhao vorige Woche unter den besten Auspizien - sozusagen als Morgengabe hatte Britannien seine Kronkolonie Hongkong geschenkt (Zhao: »Friedliche Wiedervereinigung Chinas"). Im Hof des Foreign Office machte der Kommandeur einer Ehrenkompanie seine Meldung auf Mandarin.

Der Chinese aß mit der Königin und mit Kollegin Margaret Thatcher zu Mittag und lud Englands Bankiers und Unternehmer ein, in der Volksrepublik Fabriken zu bauen. Er kaufte zehn Verkehrsflugzeuge, schloß ein Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit bis 1990 und unterschrieb zur friedlichen Nutzung der Kernenergie einen Vertrag, wie er mit den USA nicht zustande kam: Peking wünscht sich Reaktoren.

China sucht auf dem Westmarkt vor allem Elektronik und Computer, Ölbohranlagen und Bergwerksausrüstungen.

Stahl-Konsortien in der Bundesrepublik erwarten neue Aufträge für Mammutwerke vom bereits gelieferten Typ Baoschan (bei Schanghai) und Wuhan. Der Atomkraftwerkbauer KWU setzt auf eine »langfristige und stabile Zusammenarbeit« (siehe Seite 109).

Voriges Jahr stieg der deutsch-chinesische Handel um fast ein Drittel und im ersten Quartal 1985 sogar um 45 Prozent. Schon mahnt Peking den Westen, dafür mehr chinesische Produkte einzukaufen - die kaum gefragt sind. Fast nur durch Verschuldung, wie einst im Polen Giereks, lassen sich Chinas Zukunftsträume finanzieren: Die chinesische Volksrepublik möchte wie seinerzeit die polnische vor allem Kapital importieren. Binnen sechs Jahren hat sich Peking bereits 17 Milliarden US-Dollar geborgt.

Die englische Regierung erwägt jetzt eine Bürgschaft über 300 Millionen Pfund, bei 9,85 Prozent Zinsen. Von den Westdeutschen erhofft sich Zhao Kredite vor allem für den Ausbau einer Infrastruktur, die andernorts im vorigen Jahrhundert entstand: die Eisenbahn.

Demnach treten die Pekinger Reformer - unter heimischem Druck - vielleicht schon ein kleines bißchen kürzer. Während Zhaos Westtour verhandelte sein Vize Yao Yilin mit einer Sowjet-Delegation, die ihre nicht ganz so hochentwickelte, aber für China angemessene Technik anzubieten hat.

Eine Rückkehr Pekings zu bescheideneren Orders würde allerdings westliche Investoren verunsichern: Zweimal im letzten Jahrzehnt stornierte Peking Großaufträge, weil sie zu groß, zu teuer und eben zu modern für das weltgrößte Entwicklungsland waren.

Im März rapportierte Zhao seinem »Nationalen Volkskongreß« eine Steigerung der Industrie- und Landwirtschaftsproduktion im Vorjahr um 14,2 Prozent und der Investitionen des Auslands um ein Drittel. Aber er warnte schon vor »blindem Wachstumsdenken« und beklagte einen zu hohen Geldumlauf, ungerechtfertigte Preis- und Lohnerhöhungen, mithin Inflation. Noch mehr Lohn aber sei unrealistisch - es klang wie in Polen am Ende der Gierek-Ära.

Im Westen sind die Zweifel an der Dauerhaftigkeit der Reform und der Unkündbarkeit ihrer Verfechter geblieben. Chinesische Konservative griffen den Reformkurs wiederholt an. Als sich vor zwei Jahren eine Kampagne gegen »geistige Umweltverschmutzung« in Wahrheit gegen ideologische Einflüsse aus dem Westen richtete, schlüpfte Zhao, der auf einen Australien-Ausflug 10 westliche Anzüge und 20 Krawatten mitgenommen hatte, schleunigst in den schlichten Funktionärs-Dress. Vorige Woche trug er in Europa wieder Nadelstreifen.

Die Anpassung an zwingende Gegebenheiten zählt zu Zhaos Taktik. Sein Vater besaß mehrere Getreidesilos und verschaffte ihm mit neun Jahren Schulunterricht eine bessere Ausbildung, als die allermeisten Kommunisten Chinas sie besitzen; mit 19 trat Zhao dennoch der Kommunistischen Partei bei.

Seinen Vornamen Xiusheng änderte er selbst in Ziyang ("Rote Sonne"). Als Genosse bewährte er sich bei Bodenreformen, auch in seiner Geburtsprovinz Honan enteignete er die Grundbesitzer. Zum selben Zweck wurde er 1955 nach Kanton versetzt und stieg vom Dritten zum Zweiten Sekretär auf, als er dort Maos Volkskommunen eingeführt hatte.

Bald gab er aus Realismus den Bauern kleine Privatparzellen sowie die Märkte zurück, pries zugleich aber den Vorrang der Ideologie vor der wirtschaftlichen Vernunft, was ihn zum Provinz-Parteichef qualifizierte, nicht aber schützte vor dem Rotgardisten-Zorn über das »stinkende Element der Grundbesitzerklasse Zhao Ziyang«.

Drei Jahre nach seinem Sturz war er schon wieder Vize-Parteichef, wenn auch nur in der Inneren Mongolei, ein Jahr später wieder Funktionär in Kanton. Dort bot er dem verfolgten Mao-Feind Teng Hsiao-ping Asyl, der nach seiner Rückkehr an die Macht ihn 1976 zum Aufräumen in die eigene Geburtsprovinz Szetschuan schickte. Zhao gab den Bauern das Land zurück, die Ernteerträge wuchsen um ein Viertel. Er räumte den Fabrikdirektoren Entscheidungsfreiheit ein, die Produktion verdoppelte sich - ein Muster für ganz China.

Zhao, Vater von fünf Kindern, befahl auch als erster in Szetschuan die unpopuläre Ein-Kind-Ehe, und er ermunterte den Dissidenten Wang Xizhe zur Sozialkritik. Dann nahm er hin, daß Wang, der 1979 in Peking eine riesige Wandzeitung aufgehängt hatte, für 15 Jahre ins Gefängnis kam, in dem er noch sitzt.

Die auf dem Stuhl Tschou En-lais nötige Auslandserfahrung holte sich Zhao auf Reisen. Vor sieben Jahren war er beim Schah von Persien sowie bei den Balkanfürsten Tito und Ceausescu. Vor sechs Jahren führte er eine Szetschuan-Delegation nach England, Griechenland und in die Schweiz. 1981 bis 1984, als Premier, besuchte er 32 fremde Länder.

Diesmal nahm Zhao nach Europa eine halbe Hundertschaft Berater mit, darunter den Vizepremier Tian Jiyin, 56, der ihm in Szetschuan als Finanzexperte zur Seite gestanden hatte und der im vorigen September den ZK-Beschluß zur Industriereform ausarbeitete. Er könnte an seine Stelle treten, wenn Zhao - der täglich 40 Minuten joggt - unter jene Zwangspensionierung fällt, die 1985 zwei Drittel aller über 60 Jahre alten Provinzbeamten trifft.

Tian teilt Zhaos Linie: Wird die Reform gestoppt, verliert das Volk sein Vertrauen - aber auch, wenn »zu hastig« reformiert wird. So sagte es Zhao im März, und: »Man wirft sich nur in eine Schlacht, die man gewinnen kann.«

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